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Hohler Kern

18.06.2019 11:04

Zu Habermas' 90. Geburtstag hier nochmal eine Kultur-Kolumne von Peter O. Chotjewitz über Habermas' Essay "Unsere Erneuerung. Nach dem Krieg: Die Wiedergeburt Europas", erschienen in konkret 07/03

 

Gewiß, auch ich bin gerührt, wenn vor meinem inneren Auge die Figuren meiner Kinderbücher auferstehen – Jungsiegfried, Wilhelm der Eroberer, Jeanne d’Arc – von den Großen und Größen aus Wissenschaft, Literatur, Kunst und Musik ganz zu schweigen. Auch ich betrachte die Revolutionäre der frühen Neuzeit, wenn ich auf dem Platz stehe, wo einst die Bastille stand, als meine emotionale Aussteuer. Da fühle ich ganz europäisch, wenn ich daran nur denke. 

Mein Europa ist voller Orte, die seine kulturelle Identität definieren: Die Schlachtfelder von Verdun, wo der erste Giftgasangriff der Welt stattfand (nicht im Nordirak), der Käsemarkt von Alkmaar, der Nettesberg bei Weimar, wo das KZ Buchenwald stand, Moldawien, wo mein Ahnherr Jan Karol Chodkiewicz, Hetman von Polen, 1621 die Türken (!) in die Schranken wies. 

Ich weiß nur nicht, ob Habermas das alles auch meinte, als er andeutete, daß die Wesensmerkmale der europäischen Kultur sich »über andere Kontinente ausgebreitet haben«, und folgerte: »Der Westen als geistige Kontur umfaßt mehr als Europa.« Vielleicht dachte er auch nur: Die EU existiert, ist nicht zu ignorieren, da beißt die Maus keinen Faden ab. Überlegen wir also mal, ob in der Festung Europa nicht mehr drin ist, als Euro, Verheugen, schnelle Eingreiftruppe, Verfassungskonvent, Grass in Königsberg und ein paar polnische Soldaten angeblich schon in Irak, festgemauert in der Erden wie das Reich Karls des Großen, einst, falls es ihn wirklich gab. Überlegen wir mal, das bringt Schlagzeilen. 

Der Anlaß meiner unfrisierten Anmerkungen ist hinreichend bekannt. Am 31. Mai 2003 veröffentlichte die »FAZ« einen Essay mit dem Titel »Unsere Erneuerung. Nach dem Krieg: Die Wiedergeburt Europas. Von Jacques Derrida und Jürgen Habermas«. Der war zwar, wie der Vorspann zeigt, von Habermas allein verfaßt (Derrida nur Mitunterzeichner), dafür aber von Aufsätzen anderer Autoren in Frankreich, Deutschland, Italien flankiert und höchst folgenreich auf der Papierebene. Also ausführliche Kommentare in allen europäischen Gazetten. 

Die zentralen Thesen des Verfassers Habermas sind so an den Haaren herbeigezogen wie sträubend, daß jeder sie lesen sollte, der sich vom derzeitigen Niveau der Philosophie ein Bild machen möchte. 

Erstens: Es gibt ein »Kerneuropa« und eins, das nicht so richtig dazu gehört. Wer gegen den Irakkrieg der USA war, ist das gute alte, wer dafür war, muß noch viel lernen. Hier sehen wir Grass, Rumsfeld und Habermas in einem Boot, nur daß bei Rumsfeld das neue gut ist. Und Spanien, die einstige europäische Supermacht? Warum ausgerechnet das Reich Kaiser Karls V. plötzlich nicht mehr so richtig zu Europa gehört, bleibt ein Rätsel. Auch wo nun Ungarn, Serbien, Rumänien hingehören, ist unklar. 

Zweitens: Die Wiedergeburt des alten Europa fand auf der Straße statt, manifestierte sich in den Demonstrationen gegen den Irakkrieg, und wer wohin gehört, sahen wir, als »der spanische Ministerpräsident die kriegswilligen europäischen Regierungen hinter dem Rücken der anderen EU-Kollegen« zu einer »Loyalitätsbekundung gegenüber Bush« einlud. Also nicht nur Außenseiter – Fiesling noch dazu. »Hinter dem Rücken«, Sauerei! 

Der unverhohlene Antiamerikanismus, der sich auch in anderen Beiträgen des europäischen Rebirthings zeigt, ist in »Kerneuropa« derzeit en vogue, aber nicht neu und deshalb nicht auf die augenblickliche US-Administration zurückzuführen. Schon 1832 äußerte sich Alexis de Tocqueville abfällig über den Wechselbalg der Aufklärung jenseits des Atlantiks, und unser GK-Lehrer am Abendgymnasium Kassel spottete um 1950 durchaus konsensfähig, die US-Amerikaner seien das einzige Volk, das den Schritt von der Barbarei in die Zivilisation ohne den Umweg über die Kultur genommen habe. Sich selbst der Hochkultur, andere Völker aber der Kulturlosigkeit zu zeihen war zu allen Zeiten auf allen sechs Erdschollen üblich und sollte deshalb als Ausdruck ideologischer Verblendung nicht weiter beachtet werden. 

Die Tendenz zur schrecklichen Vereinfachung und Realitätsblindheit ist vielen Maximen des Aufrufs zur Erneuerung Europas eigen, ob der Verfasser nun die »unvergleichliche, ausladende Vielfalt des heutigen Europa« preist, »dessen sozialstaatliche Befriedung von Klassengegensätzen« zum Denkfetisch erhebt oder behauptet, wir »Kerneuropäer« besäßen ein »Vertrauen in die Organisationsleistungen und Steuerkapazitäten des Staates«. 

Es sind gerade solche Hohlformen, die zeigen, daß Habermas der Welt der »krassen sozialen Ungleichheiten«, die seiner Meinung nach von den USA angeführt wird, näher steht und stärker zuneigt, als ihm bewußt ist. Er selbst beklagt am Rande »die gesellschaftliche Privatisierung des Glaubens« und die Skepsis der Europäer »gegenüber der Leistungsfähigkeit des Marktes«. Das ist nun schon beinahe Bush, aber auch nicht ganz ohne Blair und Schröder. 

Ärgerlicher ist dies: Habermas verwechselt »Vertrauen« mit der Durchschlagskraft brutaler Machtverhältnisse auch im Inneren. In Frankreich wird seit Wochen heftig gestreikt. Es gibt derzeit in keinem europäischen Land Anlaß, den Organisationsleistungen der Staaten zu glauben, und wer auf eine nachhaltige Befriedung von Klassengegensätzen hoffen möchte, hat das Wesen des Begriffs nicht begriffen. Wer von »Zähmung des Kapitalismus in entgrenzten Räumen« faselt, hat keine Ahnung, was der Imperialismus in jedem Augenblick anrichtet, oder will es nicht wissen. Wer dem Parteiensystem in »Kerneuropa« andichtet, es diene »auch einem ideologischen Wettbewerb«, hat schlicht verpennt, was man unter freiheitlich-demokratischer Grundordnung zu verstehen hat, nämlich das sture Beharren auf dem sozialen Status quo der Klassengesellschaften. 

Zuweilen erschrickt der Verfasser über der wilhelminischen Kühnheit, mit der er seine Behauptung, am europäischen Wesen solle die Welt genesen, vertritt. »Das bringt die Frage der europäischen Identität ins Spiel«, ruft er, wohl ahnend, daß es eine solche nur in Gestalt der Quadratwurzel aus eins geben kann, um gleich anschließend zu fragen: »Gibt es historische Erfahrungen, Traditionen und Errungenschaften, die für europäische Bürger das Bewußtsein eines gemeinsam zu gestaltenden politischen Schicksals stiften?« 

Einen Moment lang stockt er, wirft eine »attraktive, ja ansteckende Vision für ein künftiges Europa« ins Palaver, die nicht vom Himmel falle, sondern »nur aus einem beunruhigenden Empfinden der Ratlosigkeit geboren werden« könne, was ausnahmsweise mal recht sympathisch ist, um alsbald wieder zu schwadronieren wie ein dahergelaufener Europa-Politiker aus den fünfziger Jahren: »... römisches Recht und Code Napoléon, die bürgerlich-urbane Lebensform, Demokratie und Menschenrechte ...« 

Man mag sich fragen, was an diesem Essay peinlicher ist – die Arroganz, mit der große Teile Europas und vier Erdteile aus der Erörterung ausgeblendet werden, oder die Tatsache, daß ein angesehener Philosoph auf das Niveau einer Sonntagsrede von Johannes Rau absacken kann und kein Redakteur eines unserer Bildungsblätter »Scheiße!« schreit. 

Man verstehe mich nicht falsch. Ich war auch gegen den Krieg. Bin gegen jeglichen Krieg. Finde die USA so miserabel regiert wie Europa, und das gerne. Mag keine Ayatollahs. Aber so doof wie Habermas darf man nicht einmal sein, wenn man das Gute verteidigen will.

Peter O. Chotjewitz 

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