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Grüne Wochen

12.06.2019 16:24

 Warum sind die Grünen derzeit so erfolgreich? Ein Erklärungsversuch

 Zu Beginn ein Quiz. Von wem stammt folgendes Zitat: »Gewaltbereite Flüchtlinge (müssen) raus aus den Städten. Sie sollen nur noch Sachleistungen erhalten und in Einrichtungen mit ausreichend Sicherheitspersonal in Schach gehalten werden«? a) Horst Seehofer, b) Alice Weidel oder c) Boris Palmer? Dass die korrekte Antwort c) lautet, dürfte niemanden überraschen, der mit den regelmäßigen rassistischen Ausfällen des grünen Tübinger Oberbürgermeisters und Frank-Schätzing-Stilepigonen vertraut ist. Und sein Parteikollege Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, findet sich stets zuverlässig an der Seite des Bundesinnenministers, wenn es etwa um Abschiebungen nach Afghanistan oder die Einstufung von nordafrikanischen Staaten als »sichere Herkunftsländer« geht. Derartiges stößt innerhalb der eigenen Partei immer wieder auf Kritik – ohne Konsequenzen, versteht sich – und ist offenbar auch nicht das, was die Grünen derzeit für die Wähler der sogenannten Mitte so attraktiv macht. In einer Umfrage von Infratest Dimap zur hessischen Landtagswahl, bei der die Partei mit 19,8 Prozent (und einem Vorsprung von 94 Stimmen auf die SPD) zweitstärkste Kraft wurde, stimmten 95 Prozent der Grünen-Anhänger der Aussage zu, die Partei stehe für eine humane Asylpolitik. 99 Prozent gaben an, sie setze sich für eine humane und offene Gesellschaft ein, und die Aussage, sie verteidige ihre Werte, erntete sogar 100 Prozent Zustimmung. Damit wäre schon mal die Vermutung vom Tisch, dass die Grünen in erster Linie als kleineres Übel gewählt werden; es bleiben als Erklärung noch die Möglichkeiten schlechtes Gedächtnis oder erfolgreiches Verdrängen. Oder es handelt sich um einen Effekt, der aus der Verkaufspsychologie bekannt ist: Eine teure Ware, sagen wir, ein T-Shirt für 50 Euro, wird eher gekauft, wenn direkt daneben noch eins liegt, das 20 Euro teurer ist, weil die Leute sich über das vermeintliche Schnäppchen freuen; noch besser funktioniert dieses Kontrastprinzip, wenn zugleich auch noch indiskutabler Ramsch für zehn Euro (vielleicht mit einem scheußlichen blau-braunen Muster) angeboten wird. Analog dazu wirken die Grünen im Vergleich mit der übrigen Parteienlandschaft tatsächlich wie das letzte Bollwerk von Demokratie, Bürgerrechten und allgemeinem Anstand. In ihrem momentanen Höhenflug spiegeln sich nicht zuletzt die Ängste angesichts von Rechtsruck und autoritärer Formierung der Gesellschaft, die sich in den letzten Monaten auch in den »Seebrücke«- Aktionen und Großdemonstrationen wie »Unteilbar« in Berlin oder gegen die Verschärfung der Polizeigesetze in Bayern, NRW und Niedersachsen manifestierten. So verschreckt die Entwicklung der Unionsparteien hin zum angehenden AfD-Koalitionspartner auch so manche Konservative. Die CSU bekam dies bei der bayerischen Landtagswahl in Form einer starken Wählerwanderung hin zu den Grünen zu spüren, und auch in Hessen wählten zahlreiche frühere CDU-Wähler diesmal lieber grün. Mit dem bevorstehenden Rückzug von Angela Merkel dürften auch bundesweit noch einmal etliche hinzukommen. Man soll zwar Korrelation nicht mit Kausalität verwechseln, dennoch sei angemerkt, dass die Grünen in der Woche nach der Ankündigung der Kanzlerin, nicht noch einmal für den CDU-Parteivorsitz zu kandidieren, bei der Forsa-Sonntagsfrage schlagartig noch einmal um drei Prozentpunkte auf 24 Prozent (!) zulegten. Bei der Landtagswahl in Bayern – in Hessen nicht so sehr – konnten die Grünen zudem viele bisherige Nichtwähler für sich gewinnen; man darf annehmen, dass die etwas überoptimistische Wechselstimmung vor den Wahlen viele Menschen mobilisiert hat, die angesichts der scheinbar allmächtigen CSU eigentlich längst resigniert hatten. Den größten Zulauf erhielt die Protestpartei der Mitte allerdings in beiden Bundesländern von ehemaligen SPD-Wählern; in diesem Fall sollte man wohl eher von Wählerflucht als von -wanderung sprechen. Die Gründe dafür sollen hier nicht ausführlicher erörtert werden, um die Totenruhe nicht zu stören. Die einzige Konkurrenz um dieses Wählerpotential, das den ehemaligen »Volksparteien « nicht zur AfD, sondern in die entgegengesetzte Richtung davonläuft, könnte die Linkspartei sein. Diese jedoch dürfte den einen allen empirischen Fakten zum Trotz als ganz schlimm linksextremistisch gelten; diejenigen hingegen, die auf der Suche nach einer Partei sind, die das Prädikat links tatsächlich noch irgendwie verdient, werden durch den Querfrontflügel um Wagenknecht und Lafontaine vergrault. Etwas überraschend ist, dass Themen wie der Dieselskandal oder der sommerliche Vorgeschmack auf das, was der Klimawandel noch so bringen wird, einen recht geringen Anteil an der momentanen Beliebtheit der Ökopartei haben. In der hessischen Infratest- Umfrage gaben nur 14 Prozent der Grünen- Wähler an, wegen der Umweltpolitik für die Partei gestimmt zu haben. Daraus lässt sich freilich zunächst einmal schließen, dass der übergroßen Mehrheit im Land eine Menschheitsfrage wie das Weltklima schlicht am Arsch vorbeigeht; was die Grünen in diesem Punkt zu bieten haben, ist eine andere Frage. Die Forderung nach einem Kohleausstieg bis 2020 klingt dabei ebenso sympathisch wie ambitioniert – und nach etwas, das man so lange vertritt, bis man irgendwo mitregiert und tatsächlich etwas dafür tun könnte. In Sachen Verkehrspolitik wollen es sich die Grünen schon jetzt mit niemandem verderben, weshalb die Bundestagsfraktion auf ihrer Homepage erst einmal eine Art Treueschwur ablegt – »Die Automobilindustrie ist einer unserer bedeutendsten Wirtschaftszweige im Land und das Auto für viele in unserer Gesellschaft Sinnbild für unsere Ingenieurskunst und wirtschaftlichen Erfolg« –, bevor sie es wagt, ihren Appell für einen »Ordnungs- und Investitionsrahmen für das Auslaufen des fossilen Verbrennungsmotors, die verstärkt automatisierte Steuerung von Fahrzeugen und den zunehmenden Verzicht auf ein eigenes Auto« vorzubringen. Dies sind, wie gesagt, nicht die ausschlaggebenden Gründe für den grünen Hype, der generelle Politikstil des »Besser als nichts« scheint jedoch den Nerv der Wähler zu treffen. Die beste Werbung für die Grünen machen derzeit die übrigen Parteien, ihr eigener Beitrag ist dagegen überschaubar (wenn man nicht dazuzählt, dass sie es diesmal vermieden haben, kurz vor den Wahlen noch ein PR-Eigentor à la Veggie Day zu schießen). Tatsächlich sind sie unter all den Übeln unserer Zeit sicherlich eins der geringsten – was allerdings weniger über die Grünen als über den Rest der Welt aussagt

Svenna Triebler  

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