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'Emotionale Befindlichkeiten'

14.02.2019 14:04

Wie der Antisemitismus-Experte Wolfgang Benz den Gegenstand seiner Forschung abschafft.

Von Tom Uhlig

 

Wolfgang Benz, ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) und gefragter Antisemitismus-Experte, ist geübt darin, Entwarnungen auszusprechen. Als der Karikaturist Dieter Hanitzsch nach dem Eurovision Song Contest in der „Süddeutschen Zeitung“ eine Zeichnung Benjamin Netanjahus im Kostüm der israelischen Preisträgerin Netta veröffentlichte, eine Rakete in der Hand den jüdischen Sederwunsch „nächstes Jahr in Jerusalem“ singend, bescheinigte Benz dem Deutschlandfunk, er könne darin keinen Antisemitismus erkennen.

Ein Blick ins Archiv seines ehemaligen Arbeitgebers hätte genügt, um zu einem anderen Urteil zu kommen. Die Bildsprache der 8.000 historischen antisemitischen Zeichnungen, Postkarten und Plakate die im ZfA archiviert sind, besteht aus Stilelementen, derer sich auch Hanitzsch bediente. Übergroße Nase und Ohren, die Rakete mit aufgedrucktem Davidstern, das geschlechtlich Ambivalente, das religiöse Motiv und der Davidstern, der im Hintergrund das V im Eurovision Schriftzug ersetzt und damit suggeriert, es handele sich bei dem medialen Großevent um eine irgendwie jüdische Veranstaltung. Benz hat das alles nicht stutzig gemacht. Und jetzt legt er in Sachen Relativierung des Antisemitismus noch nach.

In der „Herder Korrespondenz“ (1/2019), einem „Monatsheft für Gesellschaft und Religion“, erhebt Benz den Anspruch, den Warnungen vor einem Comeback des Judenhasses die „Realität“ gegenüberzustellen. Es werden zunächst einige Formen des Antisemitismus aufgesagt, wobei früh der Einwurf irritiert: „Antisemitismus tritt ohne räumliche und zeitliche Begrenzung als Vorurteil von der Antike bis zur Gegenwart auf.“ Auch wenn Benz behauptet, um die Wandelbarkeit der Judenfeindschaft zu wissen, kündigt sich hier bereits eine Form der Kapitulation an, eine Verewigung des Antisemitismus, den es halt schon immer gab und – so mögen sich die Leser*innen denken – den es wohl immer geben wird.

Was Benz an dieser Stelle mit „Vorurteil“ meint, präzisiert er folgendermaßen: „Antisemitismus sieht den Juden als feindliches Konstrukt, als Projektion negativer Eigenschaften und Verhaltensweisen.“ Diese Art von Kurzdefinition findet sich in so gut wie allen Studien zur sogenannten gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Welche Gruppe Feindbild ist, lässt sich nahezu beliebig austauschen. Der Antisemitismusforscher Benz macht sich vom Gegenstand seiner Forschung keinen Begriff. So ist es auch nur konsequent, dass er seit Jahren die geschichtsvergessene These vertritt, die Muslime seien "die Juden von heute“.

Dass Benz nicht Willens oder in der Lage zu sein scheint, strukturellen Antisemitismus wahrzunehmen, wird insbesondere an seiner Haltung gegenüber Israel deutlich: In Deutschland sei die „bedingungslose Zustimmung bei vielen einer kritischen Haltung gegenüber israelischer Politik gewichen“. Es ist richtig, dass die „Israelkritik“, wie Benz sie offenbar ohne Problembewusstsein nennt, Konjunktur hat, was wiederum darauf hinweist, dass es mit der „Bedingungslosigkeit“ wohl nicht so weit her gewesen sein kann. Aber was hat das schon mit Antisemitismus zu tun, fragt sich der Antisemitismusforscher Benz: „Diese Haltung in Bausch und Bogen als ‚neuen Antisemitismus‘ oder als revitalisierte Judenfeindschaft neonationalsozialistischer Observanz zu denunzieren, ist weder richtig noch hilfreich.“

Es ist die alte Mär, man dürfe nichts gegen Israel sagen, ohne gleich eins mit der Antisemitismuskeule übergebraten zu kriegen, die Benz auch später im Text aufwärmt, wenn er über nicht näher bestimmte Leute raunt, „die jede Haltung gegenüber dem Staat Israel und dessen Politik, die nicht unbedingte Zustimmung ist, als Antisemitismus brandmarken“. Kritik an der Politik der israelischen Regierung gibt es selbstverständlich im Überfluss, tatsächlich wird kein Staat der Welt so leidenschaftlich kritisiert wie Israel. Dass diese Kritik aber häufig nicht der israelischen Politik gilt, sondern die Existenz des israelischen Staates in Frage stellt, kümmert den Antisemitismusforscher Benz nicht weiter.

Besonders abenteuerlich wird es, wenn sich Wolfgang Benz zum Richter über Studien zum Antisemitismus aufschwingt. Über eine Erhebung der „European Union Agency for Fundamental Rights“ (FRA) zu antisemitischen Einstellungen in Europa, die Ende 2018 erschienen ist, ergeht folgendes Urteil: „89 Prozent der befragten Jüdinnen und Juden äußerten ihre Sorge vor wachsendem Antisemitismus. Das sind subjektive Wahrnehmungen, die emotionale Befindlichkeiten und Erfahrungen spiegeln, denen gegenüber die wissenschaftliche Analyse realer Judenfeindschaft kaum Überzeugungskraft hat.“

Wolfgang Benz zufolge ist der Antisemitismus also nicht mehr das „Gerücht über die Juden“ (Adorno), sondern die Judenfeindschaft selbst wird zum Gerücht erklärt. Und Schuld an seiner Verbreitung haben selbstverständlich die Jüdinnen und Juden selbst, die mit ihren „Befindlichkeiten“ und „Emotionen“ solche Phantasmen in die Welt setzen. Zum Glück gibt es objektive und unbefangene deutsche Wissenschaftler, die solche Gerüchte erforschen und Jüdinnen und Juden davon überzeugen können, dass kaum Grund zur Sorge besteht: Anderswo ist es nämlich schlimmer („Gegenüber anderen Nationen sind das sogar günstige Werte.“), und wenn doch mal was passiert, dann handelt es sich um einen Einzelfall („Das ist in Deutschland nicht die Regel.“). Benz bedient sich aus dem Repertoire der üblichen Abwehrstrategien gegen den Antisemitismus: relativieren, individualisieren, ablenken und belehren.

Dabei hätte die von Benz kritisierte Studie mehr zu sagen gehabt. Beispielsweise, dass 70 Prozent der Befragten Antisemitismus „im öffentlichen Raum, in den Medien und der Politik“ erfahren haben oder dass knapp 30 Prozent der Befragten Belästigungen insbesondere dann erfahren haben, wenn sie als jüdisch zu erkennen waren. Benz aber bleibt dabei: Die Warnungen vor Antisemitismus seien Alarmismus.

„Antisemitismus“, liest man, wird „in der Bundesrepublik Deutschland moralisch geächtet und kriminalisiert wie in keinem anderen Land“. Wenn es ihn denn überhaupt gibt. Erinnert sei nur an das Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf, das in einem Brandanschlag dreier Jugendlicher auf eine Synagoge in Wuppertal keinen Antisemitismus, sondern lediglich Protest gegen die Politik Israels erkannte; oder an die Bekräftigung eines Urteils durch das Oberlandesgericht München, wonach die Politikerin Jutta Ditfurth den Verleger Jürgen Elsässer nicht als „glühenden Antisemiten“ bezeichnen dürfe, da dies voraussetze, dass sich Elsässer positiv auf den Nationalsozialismus bezieht; oder an das jüngste Urteil des Landgerichts Regensburg, dass einer Mitarbeiterin der Amadeu-Antonio-Stiftung untersagt, den „Reichsbürger“ Xavier Naidoo einen Antisemiten zu nennen.

Es ist auch der unermüdlichen Arbeit eines Wolfgang Benz zu verdanken, dass es in Deutschland so gut wie keine Antisemiten mehr gibt.

Tom Uhlig

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