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Eintrittspreis für den Frieden

24.06.2019 14:12

"Lebenslang ein Kindskopf“ - unter solchen Überschriften erscheinen Artikel zum hundertsten Geburtstag von Eugen Oker. Nicht dass es falsch wäre; der am 24. Juni 1919 im oberpfälzischen Schwandorf geborene und 2006 in München gestorbene Schriftsteller war wirklich u.a. ein Spielenarr, er faltete mit Frau und Kindern 1977 Papierschiffchen und ließ sie am 7.7.1977 am Chiemsee vom Stapel, solche Sachen: wunderbare Kindereien, verfolgt mit Ernsthaftigkeit und Beharrlichkeit. Nur führt das Prädikat „Kindskopf“ dennoch in die Irre. Denn zuallererst ist Eugen Oker ein Schriftsteller, den man noch viele hundert Jahre lesen wird, weil er seine Zeit und sein Land (und natürlich auch sich selbst) so wahrheitsgetreu beschrieben und so gnadenlos analysiert hat wie kaum sonstwer. Man muss nur zwei oder drei der seit seinem Tod endlich nachgedruckten Bände in die Hand nehmen. Etwa „Zahlbar nach dem Endsieg“ (2008), dessen vier Kapitel „Nach Paris“, „Nach Moskau“, „Nach Hause“ und „Nachher“ überschrieben sind, oder „...und ich der Fahnenträger“ (2010), ein „negativer Erziehungsroman“, in dem ein Jugendlicher in den Jahren 1932 bis 1936 erklärt, warum er die Hitlerjugend so rundum überzeugend findet; der Hauptgrund ist der, dass Eltern und Lehrer zwar keine Hitleranhänger sind, sich aber auch nicht dazu entschließen können, den Nazis etwas entgegenzusetzen. Zum runden Geburtstag ist nun, wieder im kleinen, aber feinen Lichtung Verlag in Viechtach im Bayerischen Wald der Band „Lebensfäden“ erschienen, in dessen letztem Kapitel eine Wallfahrt zum Obersalzberg aus der Perspektive eines Hitlerjungen enthalten ist, die von der Komik her in die Kategorie von Lubitschs „Sein oder Nichtsein“ gehört. Nachfolgend zum Hundertsten von Eugen Oker noch einmal der 2006 in konkret erschienene Nachruf von Florian Sendtner auf ihn.

 

 Jeder kennt sie, die tränenreiche Armbanduhrstory, die unausweichlich  aufgefahren wird, sobald es um den Einmarsch der Alliierten 1945 geht. Sogar Leute, die, wenn man nachrechnet, zum fraglichen Zeitpunkt höchstens embryonal dabeigewesen sein können, berichten in den schillerndsten Farben von dieser ganz persönlichen Niederlage: Das Großdeutsche Reich in Trümmern, und ich von einem Neger meiner Armbanduhr beraubt! Völlig unrechtmäßig! Welche Demütigung! Allein der Obergefreite Fritz Gebhardt scheint seine Armbanduhr mit Freuden hergegeben zu haben. Irgendwo in der Tegernseer Gegend muß das gewesen sein. Gebhardt stößt mit einem weiteren versprengten Wehrmachtssoldaten auf den Feind in Gestalt eines Amis in einem Jeep. Gebhardts Mutter hat ihrem Sohn in der letzten Wäschelieferung eine weiße Damastserviette mitgeschickt, »ohne Kommentar, unverkennbaren Endzweckes«, die nun ans Ende eines Haselnußsteckens gebunden ist: »Der erste Jeep. Wir wissen noch nicht, daß die Sorte Geländeauto so heißt. Mit gehißter weißer Flagge gehen wir grinsend auf ihn zu. Er winkt uns zu sich hin. Die kugelrunden Augen in seinem kugelrunden Kopf unter dem kugelrunden Helm schauen auf mein linkes Handgelenk: Very nice ticky-tacky, sagt er kaugummikauend. Sein krummer Zeigefinger macht: Her damit!« Und jetzt: Volk steh auf, und Sturm der Entrüstung brich los!? - Ach, woher: »Eintrittspreis für den Frieden: 1 Armbanduhr. Nicht teuer. Noch dazu für zwei Personen.« Der Obergefreite Fritz Gebhardt, der stets Wert darauf legte, »daß man in fünf Jahren Krieg beim besten Willen nicht weniger werden kann als Obergefreiter, es sei denn Strafkompanist, Krüppel oder Gefallener«, war sonst unter anderem Topograph, Fotogrammeter, Journalist, Buchhändler, Maurer, Ofensetzer und Tankwart, bevor er in den sechziger Jahren unter dem Pseudonym Eugen Oker zu schreiben begann. 1973 erhielt er für sein Kinderbuch »Babba, sagt der Maxl, du mußt mir eine Geschichte erzählen« den Astrid-Lindgren-Preis, und nach ein paar Dutzend weiteren Büchern mit so barocken Titeln wie: »Scheißmaschin. Von Geräten, Apparaten, Instrumenten und Institutionen, die uns das Leben erleichtern, indem sie es uns zur Hölle machen« ist Eugen Oker jetzt, am 14. März 2006, im Alter von 86 Jahren gestorben. So richtig berühmt ist Eugen Oker, der am 24. Juni 87 geworden wäre, zeitlebens nicht geworden. Dazu war er viel zu sperrig. Einer, der lakonisch-ironische Gedichte in Oberpfälzer Dialekt schreibt, wo sich alle anderen Oberpfälzer für ihre Sprache in Grund und Boden schämen (»So wos schüins mou ma soucha«), und der gleichzeitig für »Pardon«, »Zeit« und »Frankfurter Rundschau« schreibt, der fällt schnell durchs Raster: Der Bavaricasparte ist er zu intellektuell und zu politisch, und bei den Intellektuellen fällt er unter Tümlichkeitsverdacht. Eugen Oker scherte sich nicht drum, und gerade deswegen ist er, zumindest in Bayern, längst zu einem Begriff für künstlerischen Eigensinn geworden. Und wenn der Bavaricaredakteur der »Süddeutschen Zeitung« in seinem Nachruf witzeln zu müssen glaubte, kaum einer in Bayern kenne mehr den Eugen Oker, so fällt das auf ihn selbst zurück. Eins der wenigen Okerschen Werke, das tatsächlich von einem  Bavaricaverlag gedruckt wurde, heißt nämlich Bayern, wo's kaum einer  kennt. Den Titel griff freilich auch der Grabredner auf, wenn auch in  anderer Absicht. Nachdem er die versammelte Trauergemeinde inklusive  Pfarrer am offenen Grabe ein ums andre mal mittels Oker-Zitaten zum  Lachen gebracht hatte, kam Gerd Burger auf Eugen Oker zu sprechen, »wo  ihn kaum einer kennt«. Und er zitierte ein paar Sätze aus dem 1996 im  eigenen Verlag Kuckuck & Straps in einer Auflage von 100 Stück  erschienenen autobiographischen Kriegsbuch Zahlbar nach dem Endsieg,  in dem sich auch die Armbanduhrszene findet. Ein Buch, für das sich  bis heute kein Verlag interessiert hat, obwohl man es ohne weiteres  mit Erich Kubys »Mein Krieg« vergleichen kann. Die am Grab zitierten  Sätze handeln vom gern bemühten Befehlsnotstand: »Wer mich deswegen  von aller Schuld freispricht, sei verflucht.« Die Schuld, die eine  ganze Generation von sich wies, ist für Eugen Oker mit Händen  greifbar: »Wer es sich erlaubt, mit ihr auf der Seele DRESDEN zu  plärren, wenn jemand AUSCHWITZ schreit, sei verflucht!«

Florian Sendtner

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