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»Eine neue offensive feministische Bewegung ist bitter nötig«

07.03.2019 16:34

Zum internationalen Frauenkampftag am 8. März rufen verschiedene Initiativen auch hierzulande zu einem Frauenstreik auf. Was es damit auf sich hat und warum es ausgerechnet mal wieder um Israel geht, darüber sprach konkret mit Judith Lahme vom Berliner Frauenstreik-Komitee.

konkret: Warum habt ihr euch entschieden, am diesjährigen Frauenkampftag zum politischen Streik aufzurufen?

Judith Lahme: In Berlin waren bereits während des  Frauen*kampftags im vergangenen Jahr über 10.000 Menschen auf der Straße. Wir haben uns überlegt, in diesem Jahr einen Schritt weiterzugehen und uns der internationalen feministischen Streikbewegung anzuschließen.

Im Oktober 2016 gab es in Argentinieneinen politischen Streik. Der internationalen Streikbewegung haben sich auch Frauen*in anderen Ländern angeschlossen, zum Beispiel in den USA und in Südkorea. Auch in Polen gab es 2016 einen Streik, der die Verschärfung der Abtreibungsverbote zum Gegenstand hatte. Und in Spanien waren im letzten Jahr über fünf Millionen Menschen auf der Straße. Die Bewegung wächst, und auch in Deutschland sehen wir genügend Gründe, sich dem internationalen Streik anzuschließen: Geschlechtsspezifische Gewalt etwa, die prekären Lebensverhältnisse, in denen sich Frauen* oft befinden, ein Erstarken rechter Parteien. Eine neue offensive feministische Bewegung, die die Ungleichbehandlung von Frauen* und Queers in der Gesellschaft benennt und konkrete Forderungen stellt, ist bitter nötig. Was jetzt in Deutschland am 8. März ansteht, ist erst der Anfang, gewissermaßen ein Warnstreik.

Wie sieht eure Mobilisierungsstrategie aus?

Zu Beginn haben wir in diversen Städten Deutschlands Mobilisierungsveranstaltungen gemacht. Momentan umfasst das Netzwerk 32 Gruppen in ganz Deutschland, die arbeiten dezentral an ihrer Mobilisierung vor Ort. Außerdem versuchen wir natürlich, mit den Menschen in unserer Umgebung ins Gespräch zu kommen.

Wir haben verschiedene Arbeitsgruppen, zum Beispiel eine zu betrieblichen Kämpfen, die sich unter anderem mit den Gewerkschaften befasst.

Und was sagen die Gewerkschaften zum Frauenstreik?

Der politische Streik ist in Deutschland ein heikles Thema. Er ist nicht verboten, aber zumindest stark tabuisiert. Die Gewerkschaften sind bisher zurückhaltend und wollen das Wort Streik in dem Zusammenhang nicht so gerne verwenden. Es gibt Gruppen und einzelne hauptamtliche Personen innerhalb der Gewerkschaften, die uns unterstützen, die sind zum Beispiel bei Verdi oder der GEW aktiv. Wir finden es wichtig, sich den politischen Streik zurückzuerkämpfen.

Wir wollen außerdem die Frage stellen, wie der eigene Arbeitsplatz politisiert werden kann. Wie können strukturelle Ungleichbehandlungen auch im eigenen Arbeitsumfeld thematisiert werden? Auch wenn die Gewerkschaftensich nicht am Streik beteiligen sollten, gibt es die Möglichkeit, etwa Betriebsversammlungen auf den 8. März zu legen und dann dort solche Fragen zu diskutieren.

Aber auch Menschen, die den Streik zu heikel finden, oder aus anderen Gründen nicht teilnehmen können, haben die Möglichkeit, zumindest ihre Solidarität auszudrücken. Wir haben als Symbol des Streiks die Farbe Lila gewählt. Wer nicht streikt, könnte also ein Kleidungsstück in dieser Farbetragen oder einen Stoffbutton, um die Streikenden symbolisch zu unterstützen.

Wie soll der Streik ablaufen? Geradewenn es um Reproduktionsarbeit geht, ist es ja nicht immer ganz einfach, die Arbeit niederzulegen.

Reproduktions- bzw. Sorgearbeit ist für die kapitalistische Ökonomie zentral, sie wird aber in der Gesellschaft unsichtbar gemacht. Hier wollen wir andere Formen des Streiks anregen.

In Spanien haben Frauen*, denen es nicht möglich war zu streiken, die zum Beispiel in der Pflege tätig waren, lilafarbene Bettwäsche aus den Fenstern gehängt, um sichtbar zu machen, dass sie eigentlich streiken wollen. Das wollen wir am 8. März auch hierzulande anregen.

In queerfeministischen Kreisen gibt es Kritik daran, die Kategorie »Frau« zu verwenden. Seid ihr dafür kritisiert worden, zu einem Frauenstreik aufzurufen?

Ja, darüber haben wir längere Auseinandersetzungen geführt, und wir befinden uns auch noch in einem Lernprozess. Wir verwenden ja häufig die Schreibweise Frauen*. Das wird allerdings kritisiert, weil viele trans- oder intergeschlechtliche Personen sagen, dass sie sich mit dem Sternchen nicht identifizieren wollen. Die sehen sich dann eben weder als Frau noch als Frau mit Sternchen. Viele wollen lieber von einem feministischen Streik reden. Aber es gibt auch viele, die den Begriff Feminismus nicht verwenden wollen, weil es bei vergangenen Wellen der Frauen*bewegung, zum Beispiel in den USA, teilweise rassistische Tendenzen gab und die schwarze Frauen*bewegung sich von der mehrheitlich weißen, feministischen Bewegung nicht repräsentiert fühlte. Wichtig ist es, sich den Streik anzueignen, egal mit welchem Begriff.

Ihr habt zu einem Vernetzungstreffen in Göttingen die US-amerikanische Autorin und Aktivistin Selma James eingeladen. Die hetzt regelmäßig gegen Israel und relativiert den Holocaust. Warum hat das Berliner Bündnis ausgerechnet diese Person eingeladen?

Wir sehen uns nicht als Bündnis, sondern als Bewegung. Selma James wurde eingeladen als Aktivistin, die 2001 den Global Women’s Strike mit initiiert hat. Sie führt außerdem seit den fünfziger Jahren wichtige Kämpfe für die Frauenbewegung. Es ging nicht um ihre Positionen als jüdische Antizionistin oder den Israel-Palästina-Konflikt. Es gab und gibt Auseinandersetzungen zu ihrer Einladung sowohl in Berlin als auch deutschlandweit. Die sind sehr wichtig und müssen geführt werden.

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