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Die Wiederkehr

19.02.2019 14:59

»Jetzt ist er wirklich im Himmel über Berlin«, heißt es auf der ZDF-Homepage zum Tod des »Ausnahmeschauspielers« Bruno Ganz. »Wenn einer wie Bruno Ganz stirbt, geht ein Ruck durchs Land«, bemerkt die »Süddeutsche Zeitung«. International bekannt wurde Ganz vor allem durch seine Rolle als Führer im Nazi-Endspiel »Der Untergang«, in dem er »mit größter Ausdrucksgenauigkeit« (»FAZ«) den Adolf Hitler gab. Nach dem Dreh fiel Ganz In der »Welt« mit dem Satz »Ich möchte Hitler nicht missen« nicht weiter auf. In konkret 10/2004 schrieb Dietrich Kuhlbrodt über den Film und Bruno Ganz, der den Führer wieder heim ins Reich holte.

»Vergibt Deutschland Hitler doch noch?«
»Daily Mail« über »Der Untergang«
 

Im September startete das Nazi-Endspiel, aber schon einen Monat zuvor war eine Mordskampagne angerollt. Die Hitlerpresseführer »Spiegel«/Springer stiefelten als erste los und verhalfen dem Film in einer konzertierten Offensive zum medialen Durchbruch. Der »Spiegel« räumte der Hitlertitelstory 20 Seiten ein und war sich »schon jetzt sicher, daß ›Der Untergang‹ Furore machen wird«, da nun das »Drama ein reales Gesicht« bekommen habe; nein, nicht nur das Drama, auch Hitler selbst habe »ein Gesicht« erhalten – »Hitler als Mensch«, posaunte die »Welt«, die dann ergriffen vom »Antlitz« raunte: »Wir schauen in ein Antlitz, das vor Milde schimmert.« Das »Hamburger Abendblatt« brachte gleich das deutsche Abendland zum Klingen und titelte: »Bruno Ganz – vom ›Faust‹ zum ›Führer‹«.  

Im Film selbst werden wir gewarnt, einem anderen als dem Führer ins Antlitz, pardon, ins Gesicht zu schauen: »Sieh dem Russen nie ins Auge«, rät der Dialog (Bernd Eichinger). Die Protagonistin, Traudl Junge, sieht folgsam weg.  

Gleichwohl folgt »Der Untergang« der eigenen Empfehlung. Er sieht »den Russen« nur als Masse: als humanoides Material, das in diversen Totalen als Alieninvasion deutschen Menschen Leid antut. Und als statistische Größe, über die besorgte Uniformträger im Führerbunker Daten austauschen. Wir sind die Opfer, die Russen die Täter.  

Aber nur selten werden uns plakative Massenszenen zugemutet, gedreht in St. Petersburg. Wir bleiben zweieinhalb Stunden lang im Bunker, genauer: die letzten zwölf Tage, die das Führerantlitz zu schauen ist. Und wer den Film gesehen hat, dem hängt jetzt wieder ein Führerbild in der guten Stube wie zu Zeiten der Eltern- und Großelterngeneration. – »Der Untergang« ist lang genug, daß sich das Bild einbrennt.  

Der Film ist, von den Einschubtotalen abgesehen, ein Kammerspiel, in dem Köpfe aus Uniformkragen kucken. Wer wer ist, kriegt man nicht mit, weil die Herren keinen Namen am Uniformspiegel haben und die Dialoge überwiegend unverständlich sind. Liegt es an der versauten Tonmischung? An der österreichisch-bayerischen Kunstsprache, der sich der Filmhitler befleißigt? Oder daran, daß es aufs Verständnis gar nicht ankommt, sondern nur auf das Bild, das wir uns vom Führer machen sollen, auf das milde Schimmern seines Antlitzes und auf seine »Scheu und Liebenswürdigkeit«, die die »Welt« besonders beeindruckt hat? Jedenfalls nehmen wir, und so hat Eichinger sich das ja auch gedacht, den Blick und das Staunen der Identifikationsfigur auf, eben der Sekretärin Traudl Junge, die vom Führer bis zuletzt fasziniert ist und selber nicht weiß, warum.  

Wir sollen das auch jetzt nicht wissen. Wir sollen staunen. Und das ist langweilig – um so mehr, als im bis zum Anschlag ausgeleuchteten Studio nicht der Bunker, sondern das einschlägige TV-Film-Format zu erkennen ist. Was auch sonst? Wer außer Joachim Fest (dessen Buch Der Untergang hier verfilmt wurde), der Hitlerpresse und den einschlägigen Herren interessiert sich schon für Details der Militärstrategie des April 1945? Warum soll das grade jetzt wichtig sein? Die Fakten sind bekannt, die Führerbunkergeschichten tausendmal erzählt. Warum also dieser Film?  

Ein Blick in das neue »Buch zum Film« hilft weiter. Fest führt darin seinen Nachweis, daß Hitler nicht gut genug war. Da ist einer noch größer als der Gröfaz: »Überdeutlich tritt sein (Hitlers) Unvermögen hervor, über die engsten militärischen Zwecke hinauszudenken.« Ja, hätte er nur auf den Joachim gehört, denn wer so akribisch militärstrategische Details betrachtet, kennt auch den »Zusammenhang, in dem alles jederzeit mit allem steht« und weiß um die »Erkenntnisgewinne, die keine Detailbetrachtung erbringen kann«. Die wären? »Eine denkbar weite Perspektive«, insbesondere »die Trauer über soviel Sinnlosigkeit ..., die sich bei aller Betrachtung des unaufhörlichen Vernichtungstreibens einstellt, aus dem die Geschichte besteht«.  

Dann war Hitler zwar einerseits tatsächlich kein Denker vom Range Fests, andererseits ist es dann aber auch nicht sein (Hitlers) Vernichtungstreiben gewesen, sondern das der Geschichte, das den Holocaust bescherte. Dann allerdings wird auch verständlich, warum die Judenvernichtung im Hitlerfilm nicht vorkommt. Weil sie da nicht hingehört. Allerdings ist in den Eichingerdialogen doch ein subtiler Hinweis auf sie versteckt. Hitler ist stolz auf seinen Vorrat an Zyankali-Ampullen: »Himmler hat mich Gott sei Dank gut versorgt.« Sekretärin Traudl kriegt eine ab. Hitler: »Tut mir leid, daß ich Ihnen kein schöneres Geschenk machen kann.« Mutter Goebbels schiebt die garantiert schmerzlosen Sterbekapseln in die Münder der schlummernden sechs Kinder und drückt die Kiefer sacht zusammen. Auf der Tonspur hören wir, diesmal vernehmlich, das Glas splittern, aber wir können uns entspannen bei einlullender Hintergrundmusik.  

Das war’s, und das war es doch auch wieder nicht. Denn wir wissen jetzt, daß Himmlers Zyankali nichts als fürsorgliche Sterbehilfe war. Dankbar müssen wir sein. Denn Zyankali schützt vor den gesichtslosen Untermenschen.  

Wenn wir aufgepaßt haben, haben wir also gelernt, daß in Fests/Eichingers Welt der Holocaust im globalen Vernichtungstreiben keinen Namen braucht. Das freilich könnte ein wunder Punkt beim internationalen Vertrieb des Films werden. Unsere Kampagnenführer haben das vorbedacht und legitimatorische Argumente gestreut. Selbst für die »Zeit« ist die Ausklammerung des Holocaust zwar nicht geschichts-, so doch »naturgemäß«. Aber die »Qualitäten« der Filmsprache böten da Ersatz: »Der eigenhändige Mord, den Magda Goebbels an ihren Kindern vollzieht, ... wirkt ... wie ein Spiegel des millionenfachen Judenmordes im Kleinen. So gelingt es, den Holocaust, der naturgemäß in der Bunkergeschichte selbst keinen Platz hat, doch in einer Abbreviatur und in der Mentalität des Vernichtungsfanatismus erschreckend aufscheinen zu lassen.«  

So wird von einem, der es wohlmeint, mit dieser Interpretationshilfe das Gegengift in die Szene hineingeträufelt – aber es wird nicht wirken. Denn die gerühmte Bildsprache des Films zeigt dazu einen Hitler, der Kinder liebt und der sichtlich gerührt auf die schlummernden Goebbelskinder blickt, ihnen, so müssen wir annehmen, eine stille Nacht wünschend. Auch wir sollen gerührt sein. Über die »Abbreviatur« des Holocaust? Das können nur Lehrer einer Schulklasse oder die »Zeit« ihren Lesern erzählen.  

Was aber ist die Botschaft des Films? Die »Welt« bringt es fertig, auf ein und derselben Seite zweierlei Antwort zu geben. Einerseits gehe es dem Film darum, »Hitler als Mensch darzustellen« (charmant, scheu, liebenswürdig), mit dem man auch »Mitleid« (Bruno Ganz) haben solle. Andererseits: »Daß die Frage nach der ›Botschaft‹ bei diesem Film so offenkundig ins Leere geht, macht einen Teil seiner verstörenden Wirkung aus.«  

Also noch mal: Warum gerade jetzt dieser Fest-Film und die offensive Hitlerkampagne? Was soll das bewirken, außer Zuschauern und Quote? Die immerhin sind sicher; dafür sorgt schon die Presse: Zunächst leiert man im Meinungsteil die Kampagne an, dann mimt man den Nachrichtenredakteur und berichtet über die »gewaltige mediale Resonanz« (»Welt«). Danach geht’s in den Kommentar, zur »Tagesschau« und zu »Sabine Christiansen«. Man landet in der Politik. Der Film hypet sich jetzt von selbst und sorgt für einen weiteren rechtskonservativen Ruck, der durch Deutschland gehen soll – »Schwung« heißt das bei Hitler (»Es muß wieder Schwung in die Sache«).  

Eichinger ist nicht nur ein nützlicher Idiot. Er wird mit dem Film auf seine Kosten (14 Millionen Euro) kommen. Und er ist stolz darauf, statt Intellekt ein untrügliches Gefühl dafür zu haben, was sich dem Zuschauer gut verkaufen läßt. Deswegen greift das Fazit der »Zeit« zu kurz: Der Film sei »nicht dumm. Er ist aber auch nicht klug«. – Richtig ist: Der Film ist schlau.  

»Der Untergang« holt den Führer wieder heim ins Reich. 2004: endlich mit allen Schikanen wieder deutsch sein dürfen. Großproduzent Eichinger hat erfühlt, was die Kampagnenführer wollen: »Wir haben diesen Film in deutscher Sprache gedreht, mit deutschen Schauspielern und mit einem deutschen Regisseur, ausschließlich aus eigener Kraft auf die Beine gebracht. Im Ausland wird ›Der Untergang‹ nicht synchronisiert, sondern mit Untertiteln laufen.« Und weiter: »Meine Alptraum-Vorstellung war ein Film aus Hollywood, der uns per Import zeigt, wie es bei uns zugegangen ist.« Das sind Töne, die man hierzulande sehr gern hört. Und eine herrische Anmaßung ist es auch. Hitlers menschliches Antlitz im »Untergang« hätte einen prominenten Platz verdient im prächtigen Devotionalienbuch The Nazis, 1999 von Piotr Uklanski, New York, herausgegeben, eine unkommentierte Aneinanderreihung von Nazidarstellern in imposanter Pose.  

Sind wir einer filmreifen Conspiracy auf der Spur? Oder paranoid? Da ist die »Welt« vor. Sie wird ungewohnt explizit: »›Der Untergang‹ ist ein Zeichen der Emanzipation ... Das ordnet sich ein in einen allgemeinen Perspektivenwechsel, der etwa seit der Jahrhundertwende im deutschen Geschichtsbewußtsein stattfindet und vielleicht einmal als die entscheidende politische und kulturelle Signatur des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts bezeichnet werden wird. In der anschwellenden Flut der Familienliteratur wird ein Bedürfnis wenn nicht nach Versöhnung mit der ›Tätergeneration‹ so doch nach Verständnis bearbeitet; Flucht, Vertreibung und Bombenkrieg werden als Leidensgeschichte erinnert und der politischen Instrumentalisierung entrissen; der Erste Weltkrieg als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts kehrt langsam auch ins Bewußtsein der Deutschen zurück.«  

Was da anschwillt, wird im Film von einem verkörpert, zu dessen Ifflandring-Verleihung der Laudator Botho Strauß seinen »Bocksgesang« anstimmte. Die Tätergeneration: ab in die Anführungszeichen. Täter gibt es nicht mehr; die »Urkatastophe« (»Welt«) respektive das »Vernichtungstreiben« der Geschichte (Fest) hat schuld. Wie bestellt, liefert »Der Untergang« die Emotionen zur anschwellenden Selbstentlastung. »Naturgemäß« ist es offenbar, aus dem gefühlvollen Bunker auszubrechen und deutsche Opfer im Lazarett zu zeigen. Über und über mit Blut besudelt sägen dort treue Wehrmachtsärzte Wehrmachtssoldaten Beine ab und werfen die zum Kämpfen doch durchaus nützlichen Körperteile in eine im Vordergrund plazierte Wanne, die schnell gefüllt ist. Versteht sich, daß die Szene den Vorgang nur kurz zeigt. So kann der Film für Kinder ab zwölf Jahren freigeben werden. Auch kommt er dann zur Primetime ins Fernsehen.  

Es funktioniert. Die Presseoligarchen, die mit ihren Mitteln den Film wirkungsmächtig machen wollten, benutzen ihn nun als Beweismittel für einen »allgemeinen Perspektivenwechsel«. Die »Entscheidungsschlacht« für eine »entscheidende politische und kulturelle« Veränderung ist eröffnet. Wer entscheidet? Und worüber? Vorläufig sind Politik und Kultur bei uns ressortmäßig noch getrennt. Wenn im Feuilleton geredet und gesungen wird (»Adolf Hitler, ... der Inkommensurable, (ist) uns durch Bruno Ganz ein Gran näher gekommen, auf daß uns das Rätsel Hitler dennoch bleibe und weiterhin ruhelos mache« – »Welt«), wird im Wirtschaftsteil ohne großes Tamtam Politik gemacht. Was wir aber jetzt schon wissen, ist, daß Hitler uns nah ist. Beim Fest-Akt des »Untergangs« werden die Zuschauer mit Hitler abgefüllt, bis der Leibarzt kommt. Hitler! Und er hat doch gesiegt.  

Falschfalschfalsch. Es geht auch andersrum. Statt Hitler als Menschen zu zeigen, hat Christoph Schlingensief die Deutschen als Hitler gezeigt – in der urdeutschen und allen Zuschauern sehr vertrauten Sentimentalität des Weihnachtsschwulsts: »100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker«. Das war 1989, dem Jahr des hundertsten Geburtstags, und daß der immer noch begangen wird, hielten wir (ich spielte im Film den Goebbels) für angezeigter, als das ebenfalls sentimentale Fest der Wende zu feiern, von dem sich bald herausstellen sollte, daß, was Hitler betrifft, nichts gewendet wurde. Im Gegenteil. Vielleicht ist die von »Welt« ausgerufene Wende »des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts« tatsächlich »die entscheidende«. Falls die Hitlerpressekampagne zum Sieg führt. Und keiner mehr die Klappe halten muß.  

Außerhalb Deutschlands kriegt man’s unverblümt gesagt. Seit langem. Anfang der fünfziger Jahre, auf Autostop durch die Sahara, saß ich in Französisch-Algerien auf einer Sanddüne, südlich von Ouargla, zusammen mit einem Araber, der so schlecht französisch sprach wie ich. Aber da waren die Gesten. »Du aus Norden«, bedeutete er mir, »wir im Süden. Die Juden.« Und dann zerquetschte er den imaginären Feind zwischen seinen Handflächen. Wenn er mir das mit Worten hätte sagen und ich das verstehen können, wäre der Satz draus geworden: »Wir werden den Feind in einer riesigen Zangenbewegung zerquetschen« (er macht mit den Händen die entsprechende Geste). Genau so redet und quetscht Hitler jedenfalls im »Untergang«, ein halbes Jahrhundert nach meinem Saharaschock.  

Der Film wird meinem Araber und all seinen Gesinnungsgenossen aus der Seele sprechen. Der Judenvernichter Hitler ist heute im Nahen und Fernen Osten populärer denn je. Sind wir damit wieder bei Fest? Und bei der Kampagne? Nein, weil da ja eben vom Holocaust nicht die Rede ist.  

Hier hält man noch den Deckel drauf, offiziell, wenn auch »Der Untergang«, die »Signatur des 21. Jahrhunderts«, nun mitteilt, daß man endlich sagen darf, was man immer hatte sagen wollen. Hitler ist nicht untergegangen. Im Gegenteil. »Der Untergang« feiert seine Wiederkehr.

Dietrich Kuhlbrodt
 

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