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Der traumlose Traum

06.08.2019 15:54

50 Jahre nach dem Tod Theodor W. Adornos scheint das Ende der Utopie besiegelt. Ein Beitrag von Roger Behrens aus konkret 8/19

Rot liegt hier schon lange nicht mehr in der Luft. Und dort, im Lande Utopia, auch nicht. Wo sind die Visionen eines befreiten und befriedeten Daseins, einer Gesellschaft der freien Assoziation, ohne Geld, Staat, Gott, Nation, ohne Arbeitszwang, ohne Not und Elend? Wo ist der wenigstens theoretische Streit darum, ob es ein Reich der Freiheit überhaupt, im oder jenseits des Reiches der Notwendigkeit, gibt und geben kann? Die Bilder, die Images, die Vorstellungen solcher Utopien sind kontaminiert: Skandiert wird, dass eine andere Welt möglich sei, um sich dann in Grundeinkommensdebatten und Umweltschutzverordnungen über die Sanierung dieser Welt zu streiten. Dazu liefert die Popkulturindustrie zwar allerhand Bilder, die utopisches Potential hätten, wenn man sie über ihren Rahmen hinausdächte, die aber eben doch keine Utopien sind, sondern nur die Verdoppelungen allseits bekannter und immer wieder reproduzierter Wunschklischees. Einen »traumlosen Traum« hatte Adorno das genannt: eine Bilderflut, die sich jedoch aus einem völlig begrenzten Vorrat an Bildern speist. 

Fly me to the moon

Vor 50 Jahren, zur besten Sendezeit des 20. Juli 1969, setzt ruhig und lautlos eine Raumfähre auf der Mondoberfläche auf: »Der Adler ist gelandet«, wird durch die Weiten des Weltraums gefunkt. Ein paar Stunden später, in den frühen Morgenstunden des 21. Juli, öffnet sich die Ausstiegsluke der Fähre und, durch schwere Raumanzüge geschützt, betreten die ersten Menschen den Mond. Sie hatten alles hundertfach getestet, überprüft und geprobt, jeden Handgriff eingeübt, die ersten Schritte waren Teil einer Choreografie. Der berühmte Satz des Astronauten Neil Armstrong vom kleinen Schritt für einen Menschen, aber großen Sprung für die Menschheit war vorformuliert und auswendig gelernt. Das Fernsehen war dabei, übertrug die Mondladung des Apollo-11-Programms, 50 Prozent aller damaligen Sender waren zugeschaltet; man schätzt, dass weltweit bis zu 600 Millionen das Ereignis auf den Bildschirmen verfolgten.

Günther Anders notierte damals in Der Blick vom Mond, seinen Reflexionen über Weltraumflüge, dass die von der Mondlandung gelieferten Bilder bereits Bilder von Bildern gewesen seien, die den Mond eben so zeigten, wie es im Vorwege bereits unzählige Zeichnungen, Illustrationen, Montagen nahegelegt hätten; die Fernsehbilder, so der Philosoph, präsentierten die Wirklichkeit als Simulation der bereits vorgefertigten Bilder. Anders behauptet, dass die Begeisterung der globalen Riesenmenge an Fernsehzuschauern für das Mondfahrtspektakel »nicht annähernd so groß wäre, wenn nicht diese Millionen seit Jahrzehnten mit utopischen Darstellungen gefüttert worden wären«; utopische Darstellungen indes, deren Sinn nicht das Utopische ist, sondern im Gegenteil: dass sie zum Beleg für die Überflüssigkeit jedweder Utopie werden. Anders spricht von »Zukunftsmärchen«, die mit dem Leitspruch »Es wird einmal sein« »stets als Versprechungen in Erscheinung traten, gewissermaßen als Gutscheine für eine später einmal einzulösende Wirklichkeit«. Das Verhältnis von Bild und Wirklichkeit wird auf den Kopf gestellt, wie Anders bemerkt: erst das Bild, dann die Wirklichkeit dazu – eine Wirklichkeit, die selbst wieder nur als Bild vorgeführt wird.

Was sich dabei verkehrt, ist das Kriterium der Wahrheit, das jetzt nicht mehr nach bewährter materialistischer Einsicht die Praxis ist; nunmehr gilt nach kulturindustrieller Logik: Nicht die Wirklichkeit vermag das Bild zu widerlegen, sondern das Bild widerlegt potentiell die Wirklichkeit. »It’s just like a gigantic TV drama, it seems so unreal«, soll Joan Aldrin gesagt haben, als sie ihren Mann im Fernsehen über die Mondoberfläche hüpfen sah.

Die Empirie wird von der Wirklichkeit abgezogen, die Erfahrung mit den über Bilder vermittelten Vorstellungen vertraut gemacht; das Utopische wird auf simple Science Fiction reduziert, die in der Ausgestaltung unbekannter Welten kaum noch über das hinausgeht, was die allseits bekannten Bilder unablässig wiederholen. Das ist das Prinzip der Reklame. Was solche Bilderordnung als Struktur ausmacht, hatte damals, in den Sechzigern, Marshall McLuhan mit seiner berühmten These registriert, das Medium selbst sei die Botschaft. Die gewöhnliche Kultur offenbart sich jetzt schlichtweg als eine Kultur der Gewöhnung. Theodor W. Adorno hatte für die neuen Medien schon in den frühen Fünfzigern in seinem Essay »Prolog zum Fernsehen« konstatiert: »Bis heute realisieren die Utopien sich bloß, um den Menschen die Utopie auszutreiben und um sie aufs Bestehende und aufs Verhängnis desto gründlicher zu vereidigen.«

Pop & Utopie

Der Pop, den die bildende Kunst in den Fünfzigern und frühen Sechzigern eingeführt hat und der sich dann auf Musik und schließlich allgemein auf Kultur übertrug, versuchte zunächst noch – nicht zuletzt, um sich von einer Welt, die Faschismus, Massenmord und Krieg hervorgebracht hat, radikal abzusetzen –, das Utopische über Gegenbilder stark zu machen, die, wenn auch nicht unbedingt im Widerspruch, so doch zumindest im Kontrast zur Wirklichkeit standen: »This Is Tomorrow « hieß die genreprägende Ausstellung in London 1956, die als Ausblick auf die lebenswerte Zukunft allerhand Gegenstände aus dem Repertoire der US-Massenkultur präsentierte. Gleichzeitig artikulierte sich mit Rock’n’Roll und Soul eine ganz neue »ästhetische Dimension« (Herbert Marcuse) des Utopischen, nämlich die Verteidigung des Alltags, der Liebe, des Begehrens und der Lust – auch als Versprechen auf eine Zukunft, die mehr zu bieten hätte als das triste Arbeiter- und Angestelltendasein.

Wenn auch solche Utopie auf private Glücksmomente und sowieso aufs Wochenende beschränkt blieb, so versorgte sie doch den Pop mit einer spekulativen Kraft, die bis weit in die Siebziger zwischen Disco und Avantgarderock deutlich vernehmbar blieb, dann aber leiser und spezieller wurde (Subgenres, Exotisches, Randständiges, einzelne Bands, Melodien, Soundschnipsel). Diese kulturalisierten Gegenbilder des Utopischen neutralisierte die Politik, spätestens mit dem durch den US-Präsidenten Ronald Reagan und die britische Premierministerin Margaret Thatcher eingeläuteten Wandel. Thatchers Parole »There is no alternative« ist die schlechterdings antiutopische Doktrin des seither allgemein manifesten Antikommunismus, umrahmt vom pseudotheoretischen Slogan, es gebe keine Gesellschaft – nur Familien und Individuen. Damit ist gewiss kein Staat zu machen – und trotzdem machten den Staat solche Programmsprüche umso stärker, auch dahingehend, dass aus den verbliebenen Utopien die echt anarchistischen, antistaatlichen Motive verschwanden (die politisch sowieso schon seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in die Kunst und Kultur abgedrängt und depotenziert waren). Überhaupt wurde das, was vom Utopischen blieb, politisch entkernt. Das Spektakuläre ersetzte das Spekulative.

Gesellschaft des Spektakels

Jemand wie Herbert Marcuse hatte sich das noch anders gedacht, nämlich als – so Titel und Thema seines Vortrags in Westberlin 1967 – »Das Ende der Utopie«:

Wir können heute die Welt zur Hölle machen, wir sind auf dem besten Wege dazu, wie Sie wissen. Wir können sie auch in das Gegenteil verwandeln. Dieses Ende der Utopie, das heißt die Widerlegung jener Ideen und Theorien, denen der Begriff der Utopie zur Denunziation von geschichtlich-gesellschaftlichen Möglichkeiten gedient hat, kann nun auch in einem sehr bestimmten Sinn als »Ende der Geschichte« gefasst werden, nämlich in dem Sinne, dass die neuen Möglichkeiten einer menschlichen Gesellschaft und ihrer Umwelt, dass diese neuen Möglichkeiten nicht mehr als Fortsetzung der alten, nicht mehr im selben historischen Kontinuum vorgestellt werden können, dass sie vielmehr einen Bruch mit dem geschichtlichen Kontinuum voraussetzen, jene qualitative Differenzen zwischen einer freien Gesellschaft und den noch unfreien Gesellschaften, die nach Marx in der Tat alle bisherige Geschichte zur Vorgeschichte der Menschheit macht.

In Marcuses Einleitungsstatement ist alles mitgedacht: der Fortschritt und das völlig Neue, die Rettung und die Überwindung, die Resurrektion der Natur und die Aufhebung des Humanismus, die Emanzipation als Beherrschung des Schicksals, um sich von seiner Herrschaft zu befreien et cetera. Marcuses dialektische Volte: Das Ende der Utopie wäre eigentlich ihr Anfang, nur eben nicht u-topisch, ortlos, nowhere, sondern ganz konkret, heute und hier, now here. Auch dialektisch war der Clou, dass diese Realutopie eines besseren Lebens aus dem »wissenschaftlichen Sozialismus« resultierte und ihn zugleich ad absurdum führte: Der Kapitalismus hatte die technischen und sozialen Voraussetzungen für eine Humanisierung der Welt geschaffen, die er weder umsetzen noch sonstwie bewältigen kann – außer durch die »neue Art von Barbarei«, von der schon Adorno und Horkheimer sprachen und die sich im Schatten von Vietnam-Krieg, Diktatur und Terror abzeichnete. Um dieses Elend abzustellen, ist die Befreiung unabdingbar: »Der Sozialismus soll sein; er ist, wie wir vielleicht sagen können, eine biologische, soziologische und politische Notwendigkeit «, wie Marcuse ein paar Tage später auf dem Londoner Kongress »Dialektik der Befreiung« postuliert: »Dieser normative Zug gehört zum Wesen des wissenschaftlichen Sozialismus.«

Gleichwohl blieb angesichts der Wirklichkeit auch die Notwendigkeit des Sozialismus Utopie. Und zwar nicht nur, weil die Revolution nicht stattfand, sondern auch, weil sich zwischen Sozialismus oder Barbarei doch noch eine zur Aufrechterhaltung und Sicherung der bestehenden Verhältnisse lukrative Alternative auftat: eben die Kontaminierung und Banalisierung der Utopie als und mit »Kultur«, als und mit »Pop« – die Ästhetisierung der Politik mit demokratischen Mitteln, die der französische Situationist Guy Debord im selben Jahr, 1967, als – so der Titel seiner Studie – »Gesellschaft des Spektakels« beschrieben hatte. Dort heißt es, Marx paraphrasierend: »Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Sammlung von Spektakeln. Alles, was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen.«

In eine Vorstellung entwichen war fortan auch die Utopie – paradox: Gerade weil sich die bestehenden Verhältnisse nur noch als spektakuläre Verdoppelungen der Vorstellungen darstellen, lassen sich andere als eben die bestehenden Verhältnisse gar nicht mehr vorstellen. So jedenfalls hat es Mark Fisher in seiner Kritik an den gegenwärtigen Globalverhältnissen zugespitzt, die er als kapitalistischen Realismus bezeichnet – ein Zustand, der auf katastrophale Weise die Thatcher- Parole zynisch einlöst: Es gibt keine Alternative. Der Kapitalismus, so der britische Kulturtheoretiker, erscheine nunmehr als »das einzig gültige politische und ökonomische System«; es sei »mittlerweile fast unmöglich geworden …, sich eine kohärente Alternative dazu überhaupt vorzustellen«. Seine von Fredric Jameson geborgte These: »Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.« Und allein schon, sich das Ende der Welt vorzustellen, ist keineswegs einfach. Auch hier sind die Bilder vorgegeben und hinlänglich bekannt.

Die Wunschbilder, die heute noch oder wieder als utopisch gelten, die speculative oder science fiction, die phantastische Literatur fremder Welten und selbst die wissenschaftlichen, astronomischen Visionen, sind zwar technisch auf dem neusten Stand, in ihrer sozialen beziehungsweise soziologischen Phantasie jedoch trivial: Abziehbilder des Common Sense, in den dystopischen Varianten mit ein bisschen mehr Nervenkitzel und Adrenalin, in den positiven Versionen ein bisschen kuscheliger, kitschiger und privatistischer – Utopien zum Mondscheintarif.

Ein Beispiel dafür ist der pfiffige Mathematiker Max Tegmark, der in astrophysikalischen Multiversums- und alarmistischen Künstliche-Intelligenz-Entwürfen gleichermaßen unterwegs ist. Was er vorführt und wofür man ihn allenthalben rühmt, sind rechenspielerische Allmachtphantasien mit hohem Unterhaltungswert, utopisch allerdings bieder und einfallslos. Im übrigen sind im vermeintlich digitalen Zeitalter selbst die Dystopien, die Untergangsfiktionen, utopisch fade, ein bisschen »Her«, ein bisschen »Transcendence«, ein bisschen »Oblivion« – durchaus originell, aber niemals das Programmschema überschreitend.

Das hat auch damit zu tun, dass schon die Images als Bilder des Realen, die zu illustrieren vorgeben, wie es heute sei, nicht stimmen. Ihnen geht jedes Darstellungsproblem ab, sie können Widersprüche nicht als Widersprüche fassen: Sei es der verleugnete Klassenantagonismus (seit Didier Eribons Buch Rückkehr nach Reims ahnt man zwar im Feuilleton, dass es doch Klassen gibt, will aber deren antagonistisches Strukturverhältnis nicht wahrhaben), sei es das Alltagswissen zu Ursachen und Folgen des Klimawandels (Fridays for Future, Klimakonferenzen, Verbot von Plastikstrohhalmen), sei es schließlich die neuere Sozialforschung, die sich redlich bemüht, die »große Regression«, den Rechtsruck und Populismus, zu erklären, die – ohnehin dürftigen – Erklärungen dann aber als eingreifendes Denken verbrämt. (Was ist eigentlich aus der internationalen Debatte über die geistige Situation der Zeit geworden, die Herausgeber Heinrich Geiselberger mit seinem Suhrkamp-Band Die große Regression 2017 anstoßen wollte? Ist da noch jemand?)

Wo die Dialektik fehlt, fehlt auch die Dialektik der Befreiung, die wiederum für jede konkrete Utopie vonnöten ist. Anders gesagt und mit Ernst Bloch ergänzt: Wenn der Utopie die docta spes, die gelehrte Hoffnung, fehlt, verkommt sie zum ausgepinselten Malen-nach-Zahlen-Bild, zum schlecht renovierten Luftschloss.

Dialektik der Befreiung ist – Marcuse zitiert Benjamins Satz als Beschluss im Eindimensionalen Menschen – »die Hoffnung um der Hoffnungslosen willen« oder mit einem einfachen, aber aus der Mode gekommenen Wort: Solidarität. »Solidarität üben« hat der Psychologe Klaus Weber in seinem lesenswerten Theorie-Praxis-Tagebuch Resonanzverhältnisse gefordert, und zwar in einer utopischen Großräumigkeit, die an die von Adorno geforderte »Solidarität mit Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes« (Negative Dialektik, 1966) anschließen könnte. Bei Weber ist es »die Lust und das Wollen einer besseren Welt«; und die bessere Welt wäre, wie er mit Verweis auf den niederländischen Theologen Dick Boer schreibt, »eine ›Synagoge‹ «, buchstäblich: Das Wort bedeutet Versammlung, Gemeinde: eine Feier, gar ein »Rausch der Zeugung«, von dem Benjamin am Ende seiner Einbahnstraße in kosmologischer Hinsicht schrieb.

Solange aber Hoffnung, Solidarität und Dialektik der Befreiung fehlen, bleibt Utopie, flapsig gesagt, an der Frage hängen, warum es einfacher ist, sich das beschissene Ende der Welt vorzustellen als das Ende der beschissenen Welt.  

Klaus Weber: Resonanzverhältnisse. Zur Faschisierung Deutschlands. Politisches Tagebuch. Argument, Berlin 2018, 500 Seiten, 29,80 Euro

Roger Behrens ist Mitherausgeber der Zeitschrift »Testcard. Beiträge zur Popgeschichte « (Thema der aktuellen Ausgabe: Utopie) und hat die Einleitung zum Band Herbert Marcuse: Kapitalismus und Opposition. Vorlesungen zum eindimensionalen Menschen (Zu Klampen) geschrieben  

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