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»Der rote Stern von Bethlehem«

11.09.2018 10:54

Der Frankfurter Verlag Stroemfeld/Roter Stern hat Insolvenz angemeldet. Mit dem Verlagsgründer und ehemaligem Vorsitzenden des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS; 1967/68), Karl Dietrich (KD) Wolff, dem am Vorabend seines vierzigjährigen Jubiläums als Verleger von Hölderlin und Kafka das Bundesverdienstkreuz »zugeteilt« worden war, sprach Hermann L. Gremliza in konkret 5/10.

Gremliza: Ein Jugendbild zeigt den gelockten Studentenführer KD Wolff als Redner auf dem Vietnam-Kongreß des SDS im Februar 1968 in Westberlin. 42 Jahre nach diesem Kongreß zeigt ein Foto den noch immer gelockten, aber etwas gewichtigeren KD Wolff, wie er sich für das Bundesverdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland bedankt, nachdem ein anderer erklärt hatte: »Ich freue mich über diese Auszeichnung eines hessischen Mitbürgers und gratuliere Ihnen dazu recht herzlich. Mit meinen Glückwünschen verbinde ich meinen Dank für Ihre verdienstvolle Arbeit zum Wohle und im Interesse unseres Landes und seiner Bevölkerung.« Das war Roland Koch. Wie sehr freut einen so was?
 

Wolff: Die Sache ist schon komplizierter. Ich bin in den letzten Jahren immer mal wieder gefragt worden, ob ich für so einen Orden vorgeschlagen werden möchte, und habe immer nein gesagt. Und dann fand ich am Tag meiner unfreiwilligen Rückkehr aus New York ...
 

Darauf kommen wir noch.
 

... den Brief, daß mir das Bundesverdienstkreuz zugeteilt worden ist. Den Orden abzulehnen, war mir in diesem Moment nicht möglich. Wir versuchten gerade, den Bundespräsidenten wegen einer Förderung unserer Kafka-Ausgabe anzusprechen, und so kindisch bin ich nicht, den Bundespräsidenten gleichzeitig zu bitten und zu brüskieren. Wir sind dann relativ schnöde abgeschmettert worden. Immerhin haben wir es versucht. In meiner Dankrede habe ich vor allem über die Finanzierung der Kafka-Ausgabe gesprochen.
 

Wie fühlt man sich als ein wegen seiner Verdienste vom Bundespräsidenten ausgezeichneter Mensch in einem Land, in dem so viele Millionen Geld versponsort werden für den letzten Dreck, die Finanzierung einer Kafka-Edition aber so schwer zu stemmen ist? Das muß einen doch ein bißchen aus dem Takt bringen, oder?
 

Das erleben wir ja jetzt seit 30 Jahren. Am Anfang haben noch fast alle deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken unsere Ausgaben gekauft. Das ist heute nicht mehr so. Unsere Arbeit ist trotz unseres gewachsenen wissenschaftlichen Renommees schwieriger geworden. Es ist schon schrecklich, etwas zu machen, das den gesamten Kulturhorizont unseres Landes stabilisieren hilft, und das nötige Geld nicht zu bekommen.
 

Wenn es denn einen solchen Horizont gibt oder gäbe. Aber wenn ich mich in deine Lage versetze: Ich hätte mich über mich sehr geärgert.
 

Inwiefern?
 

Daß ich den Versuch gemacht und sogar einen Orden angenommen hätte und dann so schnöde abgeblitzt wäre.
 

Darüber habe ich mich auch geärgert. Andererseits mache ich solche Erfahrungen mit allen möglichen Leuten seit Jahrzehnten. Wenn ich mich das nicht wirklich ohne jede Berührungsängste getraut hätte, gäbe es den Verlag nicht mehr. Ich bin beschimpft worden, daß ich mich nicht geschämt habe, eine Förderung anzunehmen, die indirekt durch Helmut Kohl vermittelt worden ist. Nur weil er dafür gesorgt hat, daß eine Stiftung in Liechtenstein eine Lieferung von vielen Exemplaren bestellt hat, konnten wir die nächsten Hölderlin-Bände machen.
 

Die Stiftung hat 1.000 Bände abgenommen.
 

Sie verschenkte unsere Hölderlin-Ausgabe an alle Goethe-Institute im Osten. Ich weiß nicht genau wie viele, aber für 200.000 Mark.
 

Das war natürlich toll.
 

Und weit weg von deinen Anfängen. Warst du, wie so viele unserer Zeitgenossen, auch nur ein Genosse auf Zeit?
 

Nein, ich habe nicht das Gefühl, daß ich den Anfang einfach nur hinter mir gelassen habe. Natürlich habe ich mich entwickelt, ich denke auch an andere Sachen und fühle mich auch älter. Aber ohne der zu sein, der ich damals auch politisch geworden bin, hätte ich den Kampf um die Editionen nicht führen können.
 

Warum?
 

Das war die wirkliche Überraschung: Als wir mit Hölderlin anfingen – 1974, 1975 – , hatten wir das Gefühl, wir knüpfen an eine kulturelle Tradition an, die eigentlich unsere sein müßte und die nicht der bürgerlichen Öffentlichkeit gehört. Am Anfang hatten wir die wirklich wahnsinnige Phantasie, daß wir die Hölderlin- Ausgabe – zwanzig Bände – in fünf Jahren vorlegen. Ganz unmöglich! Die Journalisten haben sich kaputtgelacht. Aber mit diesen fünf Jahren wollten wir uns Mut machen. Wir haben es dann in dreißig Jahren hingekriegt, weil es uns Spaß gemacht hat, so was durchzukämpfen, die Hölderlin-Gesellschaft rumzukriegen, die erst versucht hat zu verhindern, daß wir an die Handschriften im Hölderlin-Archiv kommen, und doch dranzukommen und schließlich sogar die Hölderlin-Gesellschaft dazu zu bringen, sich bei uns zu bedanken.
 

So ein bildungsbürgerliches Großprojekt in einem Land, das kein Bildungsbürgertum hat, durchgezogen von einem ehemaligen SDS-Vorsitzenden, gegen den die Justiz 38 Strafverfahren eingeleitet hat – das ist schon auch von großer Komik. Und es gelingt mit der Hilfe von Helmut Kohl, der gesagt hat: »In Hölderlin war ich gut.« Ich habe manche Rede von Kohl gehört – der kann Hölderlin weder gelesen noch gar verstanden haben.
 

Doch, Kohl hat mich 1993, nach dem Konkurs des Verlags Roter Stern, an unserem Buchmessenstand besucht. Er kann tatsächlich Hölderlin- Gedichte auswendig. Das ist verrückt, aber es ist wahr. Er hat mir erzählt, daß er mit dem chinesischen Ministerpräsidenten, der in Tübingen studiert hatte, gemeinsam »Hyperions Schicksalslied« rezitiert hat.
 

Mein Weltbild erbebt in seinen Grundfesten. Im September 2009 nun wird dieser von Kohl geförderte Verleger, ein angesehenes Mitglied des deutschen PEN-Clubs, auf dem John-F.-Kennedy-Flugplatz in New York abgefangen und wieder nach Hause geschickt. Ich mußte sofort an deinen Auftritt vor dem Senatskomitee »für unamerikanische Aktivitäten « vor vierzig Jahren denken, bei dem du den Senator Strom Thurmond einen »rassistischen Banditen « genannt hast. Hat das jetzt bei deiner Ausweisung eine Rolle gespielt?
 

Das kam alles wieder hoch. Die hatten meine Akten noch präsent.
 

Du warst der erste Deutsche nach Bert Brecht, der vor diesem Komitee vernommen worden ist. Du hast allerdings couragierter geantwortet als Brecht.
 

Früher habe ich auch immer gedacht, Brecht war feige, aber seine Situation im Kalten Krieg war doch noch eine etwas andere, da konnte man noch verhaftet werden.
 

Bei der Nachricht über deine Abschiebung mußte ich aber auch sehr lachen. Ich hatte dich vor Augen, wie du wenige Jahre nach dem Vietnam- Kongreß an deinem Stand auf der Frankfurter Buchmesse mit breiten Stars-and-Stripes-Hosenträgern saßest.
 

Die habe ich getragen, speziell um dich zu ärgern.
 

Das hast du geschafft, ich war empört. Dabei war ich kein Antiamerikaner. Anfang der Sechziger, als du Austauschschüler in den USA warst, arbeitete ich in South Bend, Indiana, als Industrial Trainee bei Studebaker Packard.
 

Da hätten wir uns fast treffen können. Ich war in Marshall, Michigan.
 

Ich glaube nicht, daß wir was miteinander hätten anfangen können, obwohl ich da noch ein lieber Liberaler war.
 

Ich nicht. Da hatte ich schon ganz interessante Leute kennengelernt. An den Wochenenden fuhren wir nach Kalamazoo. Morgens spielten wir im Junior Symphony Orchestra, nachmittags gingen wir zu einem Jugendtreff bei den Quäkern. Da gab es einen, der sagte, er sei Sozialist, was in Amerika ja sensationell war. Er hatte Freunde, die an den ersten Freedom Rides in den Süden teilnahmen. Als dann im Februar 1960 der erste Freedom Ride stattfand und die »gemischte« Gruppe, die sich in Greensboro in einem rassegetrennten Woolworth Lunch Counter auf die für Weiße reservierten Plätze gesetzt hatten, mit Senf und Ketchup übergossen und Hunde auf sie gehetzt wurden, war ich vielleicht der einzige in der kleinen Stadt, in der ich wohnte, den das richtig aufgeregt hat. Am nächsten Tag, als bei den Boy Scouts mit dem Flaggeneid »Liberty and Justice for All« beschworen wurde, hab ich laut gesagt: »except for Jews, Negroes and all other nasty foreigners«. Da wäre ich beinahe nach Hause geschickt worden.
 

Deine Liebe zu den USA ...
 

.. zur Bürgerrechtsbewegung...
 

... die sich im Tragen dieser wunderbaren Hosenträger manifestierte, ist nicht wirklich erwidert worden.
 

Die Amerikaner wissen nicht, wer ihre Freunde sind. Die Zurückweisung im vorigen Jahr hat übrigens dazu geführt, daß die Konferenz, zu der ich eingeladen war, eine Publizität gekriegt hat, die sie niemals sonst gekriegt hätte. Zu der Diskussion mit Angela Davis und all den andern wurde ich per Videokonferenz zugeschaltet – und der Botschafter der USA hat sich später formell bei mir entschuldigt. Das hat mir gut gefallen.
 

Du hast in einem Interview über die Geschichte deines Verlags den Namen Roter Stern auf den Stern von Bethlehem und weniger auf den roten Stern zurückgeführt, den wir damals meinten.
 

Den du meintest. Daß der rote Stern nur der Roten Armee der Sowjetunion gehörte, das ist ja nun nicht wahr.
 

Der rote Stern war damals ein politisches Zeichen, und zwar nicht für einen neuen katholischen Verlag.
 

Der Kampf um Befreiung ist etwas älter, und sicher war der Stern von Bethlehem rot.
 

Da du dabeiwarst, mußt du es wissen.
 

Die Urchristen waren sich vollkommen sicher, daß der Stern von Bethlehem rot war und daß sie Kommunisten sein müssen. Oder was denkst du, warum die institutionellen Kirchen, die aus dieser Sache gewachsen sind, alle solche Probleme mit ihren Mitgliedern haben? Es gibt da eine Unterströmung.
 

Darauf gebe ich keinen Pfifferling.
 

Na gut. Aber im Ernst: Es ist schon komisch, daß wir uns eine politische Symbolik 1970 einfach glaubten aneignen zu können, und daß jetzt die damaligen Weltmachteigentümer dieses Sterns verschwunden sind und uns übriggelassen haben.
 

Damals in deinem Verlag Roter Stern ist die urchristliche Zeitschrift »Erziehung und Klassenkampf « erschienen.
 

Eine sehr erfolgreiche Zeitschrift.
 

Auf die Idee, den roten Stern anderswo herzuleiten, bist du erst später gekommen.
 

Das ist wahr. Als wir »Erziehung und Klassenkampf « gemacht haben, hätte ich das nicht gesagt.
 

Gesagt hast du, daß es 1968 mehr um sexuelle Befreiung und den Aufstand gegen das Spießertum gegangen sei als um Vietnam.
 

Das habe ich nicht gesagt. Ich habe darauf hingewiesen, daß Momente der kulturellen Revolte eine große Rolle gespielt haben. Natürlich war es auch wichtig, einen Protest gegen die Generation unserer Eltern zu entwickeln. Und es war wichtig, Bob Dylan und Janis Joplin, die Beatles und Elvis zu entdecken. Aber das will ich nicht gegen die Opposition zum Vietnamkrieg ausspielen. Das hat doch zusammengehangen, auch in den USA selber. Die sogenannte Flower-Power-Bewegung – wie die Medien sie dann nachher genannt haben – war doch eine tiefgreifende kulturell-politische Umwälzung. Und die hatte sehr viel damit zu tun, daß immer mehr Jugendliche im ganzen Westen eben nicht mehr wollten.
 

Wo sind die Ergebnisse dieser Revolte zu besichtigen? Wie sehen die aus? Hat sich nicht herausgestellt, daß der Aufstand gegen die Eltern – du sagst mit Recht: gegen die Generation unserer Eltern – die eigenen Eltern natürlich ausgenommen hat? Und der Vatermord der Achtundsechziger der Beginn einer wunderbaren Nekrophilie war? Das Problem hieß: Wie werde ich Vati los, aber nicht sein Geld.
 

Das Problem kenne ich nicht, bei uns gab’s nichts zu erben.
 

Aber was ist denn das Resultat? Alice Schwarzers Frauenbewegung ist verspießert, die Grünen, der politische Ausläufer der Studentenrebellion, regieren, führen Kriege – war Achtundsechzig nicht ein bißchen viel Aufwand für so einen Ertrag?
 

Die Frage unterstellt, es müsse ein Gesamtbewußtsein geben. So geht die Geschichte aber nicht.
 

Könntest du dir diese Gesellschaft, selbst unter kapitalistischen Vorzeichen, nicht etwas weniger unangenehm und bösartig vorstellen? Wie die dänische zum Beispiel. Und warum ist sie nicht so? Warum hat da so gar nichts gefruchtet?
 

Das ist falsch gefragt.
 

Frag richtig.
 

Man kann sonst über das, was geworden ist, sagen, was man will: Auf jeden Fall ist ein größerer öffentlicher Raum entstanden. Und was mit dem Raum passiert, hängt von uns allen jeden Tag wieder neu ab. Das ist ja nicht zu Ende. Vielleicht werden wir noch ein bißchen so wie Dänemark.
 

Wie sieht der denn aus, der größere öffentliche Raum?
 

Als ich nach Amerika kam, ging meine Pflegefamilie mit mir in die Stadt, um Jeans zu kaufen, weil ich nur zwei Paar Hosen hatte. Man brauchte ja sieben, um jeden Tag zu wechseln. Die kosteten damals einen Dollar. An der Main Street war ein Informationsstand zu einer Krebskampagne, da wurden Spenden gesam- melt und Informationszettel verteilt. Da ist mir eine Frage sozusagen aus dem Mund rausgesprungen, ohne daß ich eigentlich wußte, was ich frage: »Wer hat das erlaubt?« Meine Familie konnte die Frage nicht verstehen. Um in Amerika an einem öffentlichen Platz Zettel zu verteilen oder einen Informationsstand aufzubauen, braucht man keine Genehmigung. In Deutschland braucht man für so was immer noch eine Genehmigung. Man kriegt sie zwar jetzt leichter als früher, aber man braucht eine Genehmigung. Und wenn man Spenden sammelt, braucht man auch eine Genehmigung.
 

Das ist kein besonders eindrucksvolles Beispiel für den größeren öffentlichen Raum.
 

Wenn man bedenkt, wie in den Fünfzigern und Anfang der Sechziger Demonstrationen verboten wurden, und jeder, der irgendwo einen Zettel verteilt hat, sofort einkassiert wurde: So ist es einfach nicht mehr. Wenn man bedenkt, daß es im ganzen Jahr 1968 ungefähr 10.000 Demonstrationen gegeben hat, und jetzt sind es jedes Jahr 100.000 oder 200.000 Demonstrationen.
 

Wo?
 

In Deutschland. Wirklich. Eine unglaubliche Menge von Sachen finden ständig statt, die früher unmöglich waren.
 

Du siehst mich baff.
 

Hier laufen hundert Studenten von der Fachhochschule zur Uni, dort demonstrieren die Lehrlinge von Hoechst, die Schlecker-Angestellten protestieren. Jedes davon wäre früher eine Sensation gewesen, heute ist es den Zeitungen nur noch eine kleine Meldung wert.
 

Eine Sensation ist es nur, wenn hundert Juden in Israel gegen die Absperrung des Gazastreifens demonstrieren. Darüber berichten die »Tagesschau« und das »Heute-Journal« mit Filmbeiträgen, ohne daß sich darüber irgendwer mokiert, nicht mal bei Springer, dessen Redakteure doch per Anstellungsvertrag verpflichtet sind, aufzupassen, daß da nichts schiefläuft. Beschäftigt dich das Thema?
 

Ja, und es ist mir heute unheimlich, mit welch glatter Stirn wir 1967 nach dem Sechstagekrieg den israelischen Angriff verurteilt haben.
 

Als Israels Botschafter Asher Ben Nathan im Juni 1969 an der Frankfurter Uni reden wollte, hat der SDS das verhindert.
 

Nicht »der SDS«, sondern eine Gruppe im SDS, unter anderen ich, zusammen mit palästinensischen Studenten. Eine politische Aktion, an der ich teilgenommen habe, für die ich mich schäme. Ich habe mich später entschuldigt. Als ob wir die Richter hätten sein können über Israel und die Verhältnisse im Nahen Osten. Ganz schrecklich.
 

Ich war lange der festen Überzeugung, daß es einen linken Antisemitismus nicht geben könne.
 

Auch der SDS stützte sich in seiner Erklärung gegen den Sechstagekrieg natürlich auf linke israelische Stellungnahmen.
 

Wie heute die Linkspartei.
 

Und natürlich findest du immer jemanden, gerade in einem so offenen Land wie Israel, der dir solche Stellungnahmen liefert. Aber niemand im SDS hat sich damals gefragt: Haben wir überhaupt das Recht, uns an diese Leute anzuhängen? Und was bedeutet es für die paar, die überlebt haben, wenn ausgerechnet Deutsche das tun?
 

Für die Juden, die in Israel leben und sich so äußern wie Uri Avnery oder neuerdings auch Avi Primor, und die im Gegensatz zu uns mit ihrem Leben dafür bezahlen müßten, wenn eine Politik nach ihren Vorstellungen schiefgeht, ist es ihr eigener Untergang, den sie betreiben. Das hat eine Art ethische Deckung. Ganz anders, wenn Deutsche sich diese jüdischen Stimmen leihen, um auf Israel loszugehen. Bei der Linkspartei spielen da klassische DDR-Motive mit, wonach das deutsche Proletariat keinen Anteil am Nationalsozialismus gehabt habe ...
 

... und die Judenverfolgung nur ein Nebenaspekt der Kommunistenverfolgung gewesen sei. Wobei man sich auch wundert, daß, wenn Gysi dann eingreift und eine Rede hält, weil er merkt, um was es geht, daraus keine Diskussion entsteht.
 

Und auch keine Konsequenzen gezogen werden, indem man etwa die Freunde der Hamas als außenpolitische Sprecher der Partei ablöst.
 

Gysi hat sich ein paarmal an entscheidenden Stellen geäußert und auch eingegriffen, aber man weiß, wenn der mal weg ist, dann ist das erledigt. Schlimm.
 

»Ein Glück, daß wir den Test auf unser Jakobinertum nicht haben machen müssen.«
 

Soll ich das auch gesagt haben?
 

Das hast du.
 

Könnte sein, ja.
 

Was könntest du damit gemeint haben? Daß ihr keine Guillotine zur Verfügung hattet?
 

Wir hatten keine, und das war auch gut so.
 

So bringt man es nie zu einer Revolution.
 

Ich glaube nicht, daß die Revolution so kommt.
 

Die beiden erfolgreichen Revolutionen der Neuzeit sind nicht ohne ausgekommen. Die französische nicht, und der Rote Oktober nicht.
 

Das hat beiden nicht gutgetan.
 

Der Weltgeschichte aber vielleicht doch.
 

Gut, man kann natürlich diese Statistiken machen: Einerseits werden soundsoviele Leute geköpft, dafür werden die und die Unterdrükkungsverhältnisse beseitigt. Nur, daß diese Sorte Aufrechnung nicht funktioniert. Und am Ende kommt Napoleon oder Stalin ... Aber die Aussage: Zum Glück haben wir das nicht gekonnt, richtet sich gegen was ganz anderes. Das ist ja keine Aussage über die Französische Revolution, das ist eine konkrete Aussage über die Banden, die es im SDS gab. Und ich muß sagen, daß die Leute, die später den KBW gegründet haben, es zwar geschafft haben, ein Haus am Frankfurter Westbahnhof für 20 Millionen zu haben, aber sonst weiter auch nichts, darüber bin ich erleichtert. Wie sie ihre Mitglieder enteignet haben, wie denen die kleinen Erbschaften abgeschwatzt wurden, den linken Lehrern und so weiter. So hat der KBW ja die ersten zehn Millionen zusammengekriegt. Das war wirklich widerwärtig. Natürlich alles revolutionär aufgezäumt, und jeder in Frankfurt, in Heidelberg oder Freiburg hat das damals mitkriegen können.
 

Der Chef der Bande, Joscha Schmierer, ist dreißig Jahre später ins Berliner Außenministerium eingezogen, als Berater von Joschka Fischer. Hast du nach dem SDS noch in irgendeiner Strömung Partei ergriffen?
 

Wir haben den SDS ja 1970 aufgelöst, weil wir nicht wollten, daß sich eine von diesen Ersatzparteien als Erbe deklarieren könnte. Das ist uns immerhin geglückt. Dann hatten wir damals hier in Frankfurt ein großes Sammelsurium von verschiedenen Solidaritätskomitees, kleinen Regionalinitiativen, Mieterkomitees, Black-Panther-Solidaritätskomitees und so weiter, und das haben wir noch eine Weile gemacht. Das ging bis 1973, und dann war auf einmal Schluß. Das war die Zeit, als die Leute vom Revolutionären Kampf zu Opel gingen, und es war klar, daß ich so und so nicht zu Opel gehen könnte. Ich brauchte es mir nicht zu überlegen, es war klar, ich wäre nicht genommen worden.
 

Die Phase von 1969 bis 1974 war die komplizierteste überhaupt. Einerseits war die Revolte in die Gesellschaft explodiert – es gab linke katholische Grüppchen in der hintersten Pfalz, es gab linke Gewerkschaftsgruppen selbst in der Rhön. Wir verteilten ein Lehrlingsflugblatt an ein paar Schulen, und zur Demonstration kamen statt der erwarteten 200 Lehrlinge 2.000. Das kann man sich ja nicht mehr vorstellen, das war aber so. Es war wie ein »Bang«.
 

Und du hast einen Verlag namens Roter Stern gegründet.
 

Ja, gut, das war so ein Propagandaname, und zu Anfang machten wir ein paar Kampfbroschüren, die wir bei Veranstaltungen verkauften, und dann eben die Zeitschrift »Erziehung und Klassenkampf«, die wir an linke Lehrer und Sozialarbeiter verkauften.
 

Hattet ihr nicht auch Schriften eines berühmten ausländischen Kommunisten?
 

Eine kleine Werkausgabe von Kim Il Sung, ja. Ich war als erster Westdeutscher nach Pjöngjang eingeladen worden, weil der SDS gegen die Entführung einer Gruppe Südkoreaner durch südkoreanische Geheimdienstler protestiert hatte, die Kontakt zu Nordkoreanern hatten, was nach südkoreanischem Recht todesstrafenwürdig war. Der Bonner SDS hatte sogar einen Molotowcocktail auf die südkoreanische Botschaft geschmissen, und schließlich mußte die Bundesregierung von der südkoreanischen Regierung mit Erfolg verlangen, daß die Entführten zurückgeführt werden. Jedenfalls, eines Tages, als wir schon dabei waren, den SDS aufzulösen, steht ein Koreaner da und sagt: »Ge- nosse Wolff ?« Und ich sag: »Ja«, da steht der stramm und sagt: »Im Namen des Generalsekretärs der Koreanischen Partei der Arbeit, Kim Il Sung, lade ich Sie zu einem Staatsbesuch nach Nordkorea ein.«
 

Wir sind zu dritt für sechs Wochen im Herbst 1970 nach Pjöngjang geflogen. Aus dem Bericht, den ich damals fürs »Kursbuch« geschrieben habe, geht hervor, daß ich nicht hellauf begeistert war. Die Koreaner hatten damals große Mühe, im Westen mit Devisen einzukaufen, und haben uns gebeten, das für sie zu tun. Da haben wir – was ich, glaube ich, noch nie erzählt habe – eine kleine Import-Export-Firma gegründet und haben für die Koreaner eingekauft.
 

Was?
 

Verschiedenes. Das Verrückteste waren zwölf Sprudelbäder für die Badewannen der Mitglieder des Politbüros. Nach zwei Jahren mußte die Firma pleite gehen, weil Nordkorea so bankrott war, daß sie selbst die Rechnungen an uns nicht mehr bezahlen konnten. Obwohl das ja keine Summen waren, mal 50.000, mal 100.000 Mark, wir verdienten daran so zehn Prozent Provision.
 

Und die Werke des Großen Vorsitzenden?
 

Diese zweibändige Werkausgabe von Kim Il Sung bestand aus Broschüren, die auf deutsch von Pjöngjang aus schon vertrieben worden waren. Wir haben die nur aneinandergehängt und dann auf Kosten der Nordkoreaner allen linken Buchläden geschenkt. Daß jemand wie der Staatshistoriker für ’68, Kraushaar, jetzt entdeckt, wir seien Anhänger der Diktatur in Nordkorea gewesen, ist so absurd wie die ganze Sorte von Denunziation, die er in den letzten Jahren betreibt. Er hätte Staatsanwalt werden sollen. Warum muß er sich als Historiker aufspielen?
 

Um ihre eigene linke Vergangenheit loszuwerden, müssen solche Leute die Geschichte der Linken insgesamt kompostieren. Das ist ja auch bei Reemtsma so.
 

Das schaffen sie nicht.
 

Reemtsma war Trotzkist, bei der GIM, der Gruppe Internationale Marxisten. Wenn du das heute sagst, mußt du fürchten, daß er dich verklagt. Er hat das alles gelöscht.
 

Es ist gerade eine Biographie über Ernest Mandel beim VSA-Verlag erschienen, da steht unter anderem drin, an welchen Sitzungen Reemtsma teilgenommen, wann er wofür Geld gegeben hat und so weiter. Ich hätte das nicht gewußt.
 

Heute sammelt er bei Trotzkis Klassenfeind Preise und Ehrendoktorhüte. Auch du findest, daß du einen Ehrendoktor bekommen müßtest?
 

Finde ich, ja. Ich habe kein einziges akademisches Examen gemacht, ich habe mich immer schrecklich vor Examen gefürchtet und doch etwas vorgelegt, was man ehrendoktorwürdig finden könnte.
 

Tucholsky hat in den zwanziger Jahren gesagt: »Wegen schlechter Witterung findet die deutsche Revolution in der Musik statt.« Oder in der Literatur. Oder in der Literaturgeschichte.
 

Das ist nicht das Schlechteste.
 

Du hast 1978 zusammen mit Wolfgang Pohrt eine Initiative zur Amnestie der Gefangenen der RAF lanciert. Woran ist die gescheitert? Wer hat da nicht unterschrieben? Später, als Pohrt für ein paar Monate bei KONKRET war, wollte er das noch mal aufgreifen, hat aber immer dazugesagt: »Das macht nur Sinn, wenn wir da Weizsäcker drunterkriegen. Daß der Heinrich Böll unterschreibt, das kümmert keine Sau.«
 

Richtig, ja.
 

Seid ihr das damals in dem frühen Stadium auch schon so angegangen?
 

Wir haben die Idee als erste öffentlich geäußert. Die Idee von Amnestie hat ja etwas sehr Befreiendes für die Gesellschaft: daß die Diskussion noch mal neu losgehen kann. Aber in Deutschland war wirklich niemand dafür. Zum Sammeln von Unterschriften ist es gar nicht gekommen, es war sehr schnell klar, daß die Weizsäckers und so weiter nicht unterschreiben würden. Als die erste Fraktion der Grünen in den Bundestag einzog, bin ich nach Bonn gefahren und habe denen das alles noch mal vorgetragen. Das war ein irres Gespräch. Am Anfang saßen da vielleicht zwanzig Leute: Joschka Fischer, Antje Vollmer und noch ein paar. Joschka ging nach einer halben Stunde weg – das interessierte ihn nicht. Vollmer war die einzige, die verstanden hat, daß es da um mehr geht als um die einzelnen Leute, die im Knast sitzen: nämlich um die politische Kultur eines Landes, und daß man einen solchen Konflikt auch als einen politischen Konflikt beendet. Aber Ströbele – so ein Schuft! In der nächsten Pause nimmt er mich zur Seite und sagt: »Was sagt die RAF?« Sag ich: »Naja, also die werden wir als letzte fragen. « Darauf Ströbele: »Wenn die RAF nicht zustimmt, rühre ich dafür keinen Finger!« Ein Idiot.
 

»Wir hatten«, hast du einmal resümiert, »genausowenig gesiegt wie Hölderlin und seine Freunde « – worin manifestiert sich eure Niederlage?
 

Zum Beispiel darin, daß die Partei, die aus dieser Zeit entstanden ist, die Grünen, die erste deutsche Kriegsbeteiligung seit dem Zweiten Weltkrieg durchgesetzt hat. Das ist doch eine schreckliche Niederlage.
 

Und der Spießer-Backlash in diesen vormals emanzipatorischen Bewegungen, zum Beispiel Schwarzer und ihre Schwestern?
 

Die jungen Frauen, die heute vor der Frage stehen, was sie mit ihrem Leben anfangen, was sie mit ihren Freunden anfangen und was sie mit ihrer Karriere anfangen, die entscheiden das nicht danach, was Alice Schwarzer sagt. Der Einfluß von solchen Medienpersonen wie Alice Schwarzer ist nicht so groß, wie er immer geredet wird.
 

Gut, sie ist eine Betriebsnudel. Aber jetzt wird Deutschland immerhin von ihrer Freundin Angela regiert.
 

Als wir 1970 unsere ersten Broschüren gemacht haben, haben wir mal Clara Zetkin nachgedruckt: Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung. Und dann haben wir noch ein Buch gemacht über Frauenbefreiung in China, eine sehr schöne, konkrete Beschreibung von Auseinandersetzungen während der Großgrundbesitzerzeit. Das hat Schwarzer in irgendeiner Rezension angegriffen, und dann hat sie mich besucht. Sie kommt rein, guckt sich um und sagt: »Ihr seid aber nicht reich.« Seitdem hat sie uns in Ruhe gelassen. Wir waren nicht mal mehr als Gegner interessant, den man hätte erpressen können – wir hatten ja kein Geld. Sehr komisch, dieses »Ihr seid aber nicht reich«.
 

Das bist du auch heute nicht?
 

Nein. Ich kriege 700 Euro Rente, und dann versuche ich, in meinem Verlag auch noch ein paar Mark zu verdienen.
 

Und willst jetzt den Verlag verkaufen.
 

Nein, das will ich nicht wirklich.
 

Aber wenn jemand mit ’ner Million kommt?
 

Würde ich drüber verhandeln, ja. Wir haben im vorigen Jahr mit den Leuten von einem großen wissenschaftlichen Verlag verhandelt, weil sie sich von alleine gemeldet hatten. Keiner der Förderer unseres Verlags hätte verstanden, wenn ich kein Gespräch mit ihnen führe. Ich war auch selber neugierig, wie so ein Gespräch geht. Wir haben ein halbes Jahr gesprochen, dann haben sie die Gespräche abgebrochen. Seitdem laufe ich halt wieder rum und versuche, Darlehensgeber und Investoren zu finden, du kennst das ja. Wir brauchen, um über die nächsten Jahre zu kommen, etwas größere Summen. Da spreche ich mit verschiedenen Leuten und hoffe, daß ich das für die Produktion zum 40-Jahre-Jubiläum und unserer Ausstellung dazu in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt – die am 12. August, 19 Uhr, eröffnet wird – auch zusammenkriege.
 

Wie lange willst du das noch machen?
 

Solange ich kann. Ich bin jetzt 67, halbwegs gesund, ich schwimme jeden Tag, und die Betablocker sind ja auch viel besser geworden.

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