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"Der Jihadismus ist im Kern faschistisch"

18.02.2019 14:32

Interview mit der Politikwissenschaftlerin Karin Priester über den Islamismus als rechtsradikale Jugendbewegung.

 

konkret: In Ihrer Studie Warum Europäer in den Heiligen Krieg ziehen (Campus, 2017) haben Sie die Biografien von 550 europäischen Jihadisten untersucht. Was trieb diese jungen Männer und Frauen dazu, sich als Gotteskrieger dem Islamischen Staat oder Al Qaida anzuschließen?

Karin Priester: Von den Jihadisten selbst werden vor allem Benachteiligung und rassistische Diskriminierung in den Herkunftsländern – in meiner Studie sind das die Niederlande, Belgien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland - genannt. Hinter der Entscheidung, sich in Syrien dem IS anzuschließen, steckt aber viel mehr. Dass der IS auf junge Menschen aus Europa eine so enorme Sogwirkung ausüben konnte, kann nicht allein mit Diskriminierung erklärt werden, sei diese real oder imaginiert. Auch häufig zu hörende Behauptungen, die seien alle krank, greifen zu kurz – wenn auch psychische Erkrankungen wie etwa Schizophrenie unter Jihadisten nachweislich verbreiteter sind als in der Durchschnittsbevölkerung.

Wie erklären Sie sich die Anziehungskraft des IS?

Eine wichtige Rolle spielt die Vorstellung einer zukünftigen, weltweiten islamischen Gesellschaft: ein kurioser Mix aus Volksgemeinschaft und Internationalismus. Auch Abenteuerlust, metaphysische Sinnsuche und der aggressive Fanatismus sollten nicht unterschätzt werden. Dazu kommen materielle Motive, denn die foreign fighters werden sehr explizit mit dem Versprechen auf einen Lebensstil angeworben, den sie sich aufgrund ihrer meist prekären Jobs in Europa gar nicht leisten könnten: teure Autos, Villen und andere an kapitalistischen Gesellschaften orientierte Konsumgüter.

Auch sexuell dürften sich viele Jihadisten diese „paradiesischen Zustände“ erhoffen.

In der Tat. Viele männliche foreign fighters erhofften sich ein Leben im Überfluss mit allzeit verfügbaren Frauen. Häufig wird dabei auf Klischeevorstellungen des „sinnlichen Orients“, aber auch auf die westliche Kulturindustrie Bezug genommen. „Wenn ich Märtyrer bin, möchte ich, dass alle meine Frauen in einem Riesenpalast mit so Bikinis rumlaufen. Die sollen aussehen wie die von Baywatch“, sagt einer der 160 deutschen Jihadisten aus meiner Untersuchung.

Sie haben einige Motive der Jihadisten genannt. Ein einziges, prototypisches Profil des westeuropäischen foreign fighters gibt es also nicht?

Nein. Die Motive, sich dem IS oder Al Qaida anzuschließen, sind unterschiedlich. Deshalb habe ich in meiner Untersuchung, deren Datenkorpus auf Presseberichten und Internetrecherche beruht, soziostrukturelle, individualistische, gruppenpsychologische und politische Erklärungsansätze kombiniert. Nicht zu unterschätzen sind die oft schwierigen familiären Verhältnisse, aus denen die Jihadisten stammen: broken homes, Scheidungsfamilien, Schulversagen, frühe Kleinkriminalität, häufig gepaart mit Drogenhandel und -konsum.

Gefängnisse sind ein wichtiger Ort für die islamistische Radikalisierung. Dort haben einige der späteren Jihadisten Gleichgesinnte getroffen, sind zum Islam konvertiert – und erst so von den Drogen losgekommen. Über die Gefängnisse als Orte der Radikalisierung gibt es hierzulande noch zu wenig wissenschaftliche Erkenntnisse. Ohnehin ist es auffällig, wie wenig in Deutschland soziologisch und politikwissenschaftlich zu Jihadismus und islamistischer Radikalisierung geforscht wird. In anderen Ländern, wie zum Beispiel in Frankreich, ist man da weiter.

Bisher haben wir kaum über religiöse Motive gesprochen.

Religiöse Motive werden neben der rassistischen Diskriminierung gerade von Rückkehrern immer wieder hervorgehoben. Man habe nur den unterdrückten Glaubensbrüdern und -schwestern helfen wollen, heißt es dann. Der Verweis auf religiöse Motive bleibt jedoch meist an der Oberfläche. Zwar werden Kampfbereitschaft, ein apokalyptisches Weltverständnis oder das Bedürfnis, einer Avantgarde von Auserwählten anzugehören, durch eine sehr selektive Interpretation des Islam religiös gerahmt. Doch entscheidender für die Erklärung der Motive der foreign fighters ist aus meiner Sicht die gruppenpsychologische Aufwertung.

Die meisten der von mir untersuchten Jihadisten haben in den Herkunftsländern ja ein in mehrfacher Hinsicht alles andere als paradiesisches Leben geführt. In Syrien oder im Irak wollten sie mit ihrem bisherigen Leben brechen und eine neue Identität annehmen. Sichtbares Zeichen dieses Identitätswandels ist bei Männern die Annahme eines arabischen Kampf- oder Aliasnamens und die Barttracht, bei Frauen ebenfalls die Annahme eines arabischen Aliasnamens und die Verhüllung des Körpers. Wichtig ist mir, den Jihadismus nicht als religiöse, fundamentalistische  Sekte zu begreifen, sondern als eine politische Bewegung, die im Kern faschistisch ist.

Inwiefern faschistisch?

Bereits die Annahme einer fundamentalen Ungleichwertigkeit von Menschen und dem daraus abgeleiteten Recht auf Ausbeutung, Versklavung und Ermordung von Ungläubigen, die als „Schweine“ bezeichnet und entmenschlicht werden, ist im Kern faschistisch. Und da sich diese Form des Faschismus mit dem Islam verquickt, der dazu dient, die äußerste Brutalität und Inhumanität als gottgefällig zu rechtfertigen, halte ich den Begriff des Islamofaschismus in diesem Zusammenhang für sinnvoll – allerdings mit der Einschränkung, dass es sich nicht um ein voll ausgebildetes Regime handelt, sondern um eine Bewegung in diese Richtung. Der für jedes faschistische Regime unerlässliche Führer ist nämlich im IS noch nicht erschienen. Verbunden mit apokalyptischen Endzeitvorstellungen wird das Erscheinen einer Erlösergestalt, des Mahdi, jedoch erwartet.

Teilt der Jihadismus noch weitere Ideologeme des klassischen Faschismus?

Ja, etwa den Rückgriff auf die Grunderfahrung der „Demütigung“, die Verklärung eines goldenen Zeitalters, das Versprechen einer mächtigen Solidargemeinschaft, den Antisemitismus als Welterklärungsmuster sowie die aggressive Kampfbereitschaft und den Heldenkult. In einem wichtigen Aspekt unterscheiden sie sich aber: Der apokalyptische Endzeitglaube ist im Jihadismus viel radikaler als der faschistische Todeskult – das zeigt sich etwa an den Selbstmordattentaten, bei denen Jihadisten politisch-messianische Erlösungsvorstellungen mit der Hoffnung auf einen individuellen Eintritt ins Paradies verbinden.

Welche Rolle spielen Frauen beim IS?

Frauen, die sich dem IS oder Al Qaida angeschlossen haben, verfügen durchaus über Motive, die sich auch bei Männern finden lassen. Einige geschlechtsspezifische Unterschiede gibt es dennoch. Häufig wird ja davon ausgegangen, dass Frauen im Jihadismus unterdrückt und auf die häusliche Sphäre reduziert würden. Dabei wird übersehen, wie aktiv auch Frauen beim IS mitmachen. Trotz materieller Vergünstigungen müssen sich viele Frauen in Syrien etwas dazuverdienen, etwa als Kindergärtnerinnen, Erzieherinnen, Übersetzerinnen – oder als Anwerberinnen, um andere westeuropäische Frauen mit der Aussicht auf einen Ehemann und ein materiell abgesichertes Dasein nach Syrien zu locken.

Je jünger weibliche Jihadistinnen aber sind – oft handelt es sich ja noch um Teenager –, desto größer ist die romantische Vorstellung, in Syrien den Märchenprinzen zu finden. Auch bei Frauen lässt sich aber die Entscheidung, in den Jihad zu ziehen, nicht auf ein einziges Motiv reduzieren. In Großbritannien etwa kommen etliche Jihadistinnen aus gut situierten Verhältnissen und verfügen über einen vergleichsweise hohen Bildungsgrad. Hier spielen ideelle Motive eine größere Rolle.

Welche sind das?

Bei Frauen ist das Helfersyndrom stärker ausgeprägt, aber auch das Motiv individueller Selbstverwirklichung jenseits familiärer Bevormundung. Interessanterweise haben viele Jihadistinnen durch eine Ausreise nach Syrien versucht, sehr früh geschlossenen Zweckehen und der patriarchalischen Bevormundung durch Väter und Brüder zu entgehen – in der Erwartung, gemeinsam mit einem gleichgesinnten Ehemann zu einer größeren Sache, zur Mission des weltweiten Aufbaus der islamischen Gemeinschaft, beizutragen. Die ihnen zugedachte Rolle als Hausfrau und Mutter wird relativiert durch ihre Teilnahme an Frauenbrigaden oder als Internetanwerberinnen, Bloggerinnen, Übersetzerinnen oder Kindergärtnerinnen.

Ähnliches kennen wir aus dem ebenfalls frauenfeindlichen Faschismus. Schon damals schlossen sich junge Frauen zum Beispiel dem Bund Deutscher Mädel an, weil sie dem konservativ-bürgerlichen Leben, das ihnen nur Eheschließung, Mutterschaft und ein Hausfrauendasein zu bieten hatte, entfliehen wollten. So paradox es klingt: Die Aussicht, Teil einer großen, gemeinsamen Sache zu werden und aktiv an der Verwirklichung einer – in ihren Augen - Utopie mitzuwirken, haben viele Frauen auch als eine Form von Emanzipation verstanden. Früher war es der Dienst am Vaterland, heute der Dienst an der Umma, der Gemeinschaft aller Muslime.

Bei Jihadistinnen bestätigt sich aber auch der seit langem bekannte Befund, dass Frauen keineswegs das „friedliche Geschlecht“ sind, sondern ebenso brutal, blutrünstig und gewaltbereit wie Männer sein können.

Durch Konversion und Scharia-konformes Verhalten können im Prinzip alle Menschen Teil dieser Gemeinschaft werden. Ein nicht geringer Teil der europäischen Jihadisten besteht aus Konvertiten. Was haben Sie über diese Gruppe herausgefunden?

Bei den etwa ein Viertel aller europäischen Jihadisten umfassenden Konvertiten handelt es sich entgegen gängiger Annahmen nicht immer um Weiße. So kommen viele französische oder britische Jihadisten aus den ehemaligen, christlich missionierten Kolonialgebieten und wurden christlich sozialisiert. Viele von ihnen fühlen sich aber rassistisch diskriminiert. Im Islam sehen sie vor allem eine Ideologie der Ausgeschlossenen – im Gegensatz zum Christentum, das ihnen als Teil des Establishments gilt.

Daneben gibt es aber auch autochthone Europäer, die aus unterschiedlichen Gründen zum Islam konvertieren: etwa um ihrer Drogenabhängigkeit zu entfliehen, um der westlichen Konsumgesellschaft den Rücken zu kehren oder aus Gründen metaphysischer Sinnsuche. Dass sie sich nicht den katholischen Pius-Brüdern oder anderen ultrakonservativen christlichen Gruppen angeschlossen haben, dürfte auch daran liegen, dass ihnen der Islam salafistischer Observanz besonders militant und „cool“ erscheint und dass er es versteht, medienwirksam aufzutreten. Auch für sie ist der Islam häufig mit der Aura einer Befreiungsbewegung und der politischen Rebellion umgeben.

Zudem ist die Konversion zum Islam auch eine Modeerscheinung, ähnlich wie der Buddhismus in den siebziger Jahren. Andere wiederum schätzen am Islam vor allem seine autoritäre Morallehre, die klare Verhaltensregeln vorgibt und Gratifikation im Jenseits als Ort ewiger Glückseligkeit verspricht.

Auffallend viele Jihadisten aus dem unteren sozialen Segment werden als unreife, leicht beeinflussbare, außengeleitete Menschen charakterisiert. Erst in der Gemeinschaft Gleichgesinnter fühlen sie sich aufgehoben und finden, was ihnen in ihrem bisherigen Leben häufig versagt geblieben ist: eine Familie. Der IS hat das Angebot gemacht, gleichberechtigt, jenseits von „Rasse“ oder Klasse an einem großen Aufbruch teilzunehmen, an dessen Ende vermeintlich ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens unter der Herrschaft der Scharia stehen soll.

 

Interview: Till Schmidt

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