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Der dritte Weltkrieg (21)

01.08.2019 14:09

Am 1. August 1944 begann der Warschauer Aufstand gegen die Nazi-Besatzer. Erich Später schrieb in konkret 11/14 im Rahmen seiner Artikelserie "Der dritte Weltkrieg" über den Aufstand, seine Niederschlagung und die systematische Zerstörung der Stadt.

 

Vor Beginn des Krieges war Warschau die größte Stadt Polens. 1939 lebten 1,3 Millionen Menschen in ihr. Als Hauptstadt des 1918 wiedererstandenen polnischen Nationalstaats war Warschau das industrielle und kulturelle Zentrum des Landes. 100.000 Arbeiter und Angestellte arbeiteten in den Industriebetrieben der Stadt. Fast die Hälfte aller polnischen Studenten besuchte die Warschauer Hochschulen. Der kulturelle und architektonische Reichtum der Stadt zeigte sich in Bibliotheken, Denkmälern, Adelspalästen und Kirchen. Die Wohnverhältnisse der großen Mehrheit der Warschauer allerdings waren schlecht. Ein beträchtlicher Teil der Bewohner lebte in Armut; er war arbeitslos oder fristete sein Leben als kleiner Handwerker und Händler.  

Der in weiten Teilen rückständige agrarische Sektor des Landes beschäftigte in den zwanziger und dreißiger Jahren immerhin noch 63 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung. Während der Großgrundbesitz (ab 100 Hektar) knapp die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche bewirtschaftete, lebte ein Drittel der polnischen Bauern von Erträgen, die Zwerghöfe (bis zu zwei Hektar) abwarfen. Insgesamt gehörten die polnischen Bauern zur Schicht mit dem niedrigsten Einkommen und Lebensstandard. Eine Landreform und die Zerschlagung des Großgrundbesitzes waren 1918 gescheitert.  

Auch Integration und Modernisierung der industriellen Basis des Landes waren schwierig. Bis 1918 auf die drei Teilungsmächte (Russland, Deutschland, Österreich-Ungarn) ausgerichtet, fehlten in Polen wichtige Branchen vor allem der Schwer- und Konsumgüterindustrie. Im Jahr 1938 hatte Polen den Produktionsstand des Jahres 1914 knapp wieder erreicht, während die Bevölkerung von 27 auf 35 Millionen Menschen gewachsen war. Der traditionelle Ausweg aus Armut und Unterdrückung, die Auswanderung in die USA, war seit 1923 durch die Verabschiedung von Einwanderungsbestimmungen, deren rassistische und antisemitische Grundierung offensichtlich war, versperrt.  

Die grundlegenden ökonomischen Probleme führten zu einer wachsenden politischen Instabilität. Als parlamentarische Demokratie gegründet, deren soziale und politische Basis schwach und fragil war, entwickelte sich Polen zwischen 1918 und 1939 zu einem autoritären Staat. Nach dem »Marsch auf Warschau« des Staatsgründers Pilsudski wurden die demokratischen Rechte im Jahr 1926 eingeschränkt und die Kommunistische Partei verboten. Das Mehrparteiensystem und die oppositionelle Presse blieben aber selbst nach der Verabschiedung der autoritären Verfassung von 1935 weitgehend unangetastet.  

In der öffentlichen Meinung der demokratischen Staaten Europas galt Polen seit dem Abschluss des Nichtangriffsvertrags mit dem Deutschen Reich im Jahr 1934 als Bündnispartner Deutschlands und Italiens. Neben der Unterstützung des italienischen Krieges in Äthiopien und der Anerkennung Francos nach dem faschistischen Putsch in Spanien 1936 markierte die Unterstützung der deutschen Aggression gegen die tschechoslowakische Republik den Übergang zur offenen Komplizenschaft mit den Achsenmächten. Die polnische Beteiligung an der territorialen Zerschlagung und Okkupation der CSR im Gefolge des Münchener Abkommens von September 1938 durch die Annexion des Olsa-Gebiets war das Signal zu Bündnisverhandlungen mit Hitler, die letztlich an den territorialen Forderungen Deutschlands und der polnischen Weigerung, sich an einem Angriff auf die Sowjetunion zu beteiligen, scheiterten.  

Der deutsche Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurde mit schweren Luftangriffen auf Warschau eröffnet. Bereits am 8. September erreichten erste Panzerverbände die Vororte der Hauptstadt. Dennoch gelang es der polnischen Armee, fast drei Wochen die Stadt gegen die deutsche Übermacht zu verteidigen. Erst massive Flächenbombardements und der Einsatz schwerer Artillerie führten am 28. September zu ihrer bedingungslosen Übergabe. Mehr als 10.000 Zivilisten starben bei den Kampfhandlungen.  

Am 17. September 1939 besetzten sowjetische Truppen Ostpolen und machten damit jede Hoffnung auf eine Fortführung des Widerstands zunichte. Die stalinistische Führung hatte sich mit Nazi-Deutschland auf ein Bündnis (»Hitler-Stalin-Pakt«) eingelassen, das beiden immense Vorteile versprach. Das deutsche Reich wurde dabei fahrlässig unterschätzt. Die Politik der Deportationen und Massenverhaftungen im besetzten Ostpolen traf keineswegs nur »Konterrevolutionäre« und »Faschisten «. Die nichtkommunistische Linke wurde erbarmungslos verfolgt. So wurden zum Beispiel die Führer des jüdisch-sozialistischen Bundes, Erlich und Alter, 1940 vom NKWD ermordet. Auch existierte die kommunistische Partei Polens, die 1919 gegründet worden war, zum Zeitpunkt des Einmarschs der Roten Armee nicht mehr. Auf Beschluss der Komintern war sie 1938 aufgelöst; ihre gesamte Führung und Hunderte Parteimitglieder waren im Moskauer Exil ermordet worden.  

Vor allem die zahlreichen jüdischen Flüchtlinge aus West- und Mittelpolen sahen in der Roten Armee die Retterin vor den Deutschen. Für die meisten Juden, die verhaftet und in die Sowjetunion deportiert wurden, bedeutete diese Willkürmaßnahme paradoxerweise die Rettung vor der Vernichtung. Die Zahl der aus Ostpolen in das Innere der Sowjetunion, nach Sibirien und Kasachstan Deportierten wird auf eine Million Menschen geschätzt, davon waren etwa 60 Prozent ethnische Polen, die übrigen polnische Juden und Angehörige anderer Minderheiten.  

Die jüdischen Einwohner Polens waren zwischen 1918 und 1939 nie als gleichberechtigte Bürger behandelt worden. Der Staatsdienst und die kommunale Verwaltung blieben ihnen weitestgehend verschlossen. Auch der große staatliche Sektor der Industrie weigerte sich, jüdische Arbeiter und Angestellte einzustellen. An den polnischen Hochschulen gab es bereits Mitte der zwanziger Jahre einen Numerus Clausus für jüdische Studenten. Ihr Anteil sank von 24,6 Prozent 1921/22 auf 8,2 Prozent 1938/39. Viele freie Berufsverbände führten offizielle und inoffizielle »Arierparagraphen« ein. Die starke polnische »Nationaldemokratie « – eine bürgerlich-nationalistische Partei, weite Teile der katholischen Kirche, einschließlich der Kirchenführung, und viele Funktionäre des Regimes – hielten die jüdische Bevölkerung für ein »fremdes«, »destruktives « und überflüssiges Bevölkerungselement. Boykottaufrufe gegen jüdische Wirtschaftsunternehmen wurden massenhaft befolgt, antijüdische Gewalt nicht verfolgt. Deutschland galt nach der Einführung der Nürnberger Rassegesetze 1935 als Vorbild für ähnliche Maßnahmen in Polen.  

In Polen lebten 1939 3,5 Millionen Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft – das waren zehn Prozent der Bevölkerung (allein in Warschau 350.000). Unmittelbar nach der deutschen Eroberung der Stadt begann der Prozess der Erfassung, Entrechtung, Enteignung und Konzentration der jüdischen Bevölkerung. Mit der Verordnung vom 2. Oktober 1940 über die Bildung eines »Juden-Wohnbezirkes« wurde die jüdische Bevölkerung Warschaus und der umliegenden Verwaltungsbezirke auf kleinstem Raum zusammengepfercht. 460.000 Menschen wurden durch eine drei Meter hohe Mauer separiert und von allen Lebensmöglichkeiten abgeschnitten.  

Im Sommer 1941 starben dort monatlich 6.000 Menschen. Im Juli 1942 begann die Massendeportation in das deutsche Vernichtungslager Treblinka. Der Aufstand der jüdischen Kampforganisation des Warschauer Ghettos im April/Mai 1943 endete nach verzweifeltem Kampf mit der restlosen Vernichtung des »Juden-Wohnbezirks«. Innerhalb von 30 Monaten ermordeten die Deutschen fast ein Drittel der Warschauer Bevölkerung, ohne dass dieser nennenswerte Hilfe und moralische Unterstützung von seiten des polnischen Untergrunds und der Alliierten zuteil geworden wäre.  

Mit der Offensive der Roten Armee im Frühjahr 1944 beginnt das letzte Kapitel der deutschen Besatzungsherrschaft in Warschau. In erbitterten Kämpfen wird die deutsche Heeresgruppe Mitte zerschlagen und der Vormarsch auf die polnische Hauptstadt eingeleitet. Mehr als eine Million Soldaten der Roten Armee werden während der Kämpfe getötet oder verwundet. Am 30. Juli wird der sowjetische Siegeszug kurz vor Warschau gestoppt. Die zweite sowjetische Panzerarmee wird in heftige Kämpfe verwickelt, zum Rückzug gezwungen und Anfang August schließlich infolge gravierender Nachschubprobleme aus der Front herausgelöst. Die Panzerschlacht von Warschau bedeutete das vorläufige Ende des sowjetischen Vormarschs in Zentralpolen.  

Bis heute wird diese Niederlage in ein zynisches politisches Kalkül der sowjetischen Führung umgedeutet, die polnische Widerstandsbewegung durch die Deutschen liquidieren zu lassen; Stalin hätte seine Panzer absichtlich gestoppt, um dann in Ruhe der Vernichtung der Hauptstadt durch Hitlers Truppen zuzuschauen (aktuelles Beispiel: »Wie Stalin im Juli 1944 seelenruhig zuschaute, als die Deutschen Warschau dem Erdboden gleichmachten, so betrachtet Erdoðan nun kühl das Treiben der Terrormiliz IS in Kobane.« »Welt«, 14.10.14). Anderslautende Darstellungen sowjetischer und polnischer Historiker wurden bis 1989 als kommunistische Propaganda abqualifiziert. Danach hatte niemand mehr den Mut, das gängige Bild eines gleichsam erneuerten Hitler-Stalin-Pakts im Jahr 1944 in Zweifel zu ziehen.  

Erst die akribischen Forschungsarbeiten des politisch unverdächtigen deutschen Militärhistorikers Karl-Heinz Frieser, die 2007 im achten Band der vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr herausgegebenen Reihe Das deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg publiziert wurden, zeigen eindeutig, dass von einem absichtlichen Stopp der sowjetischen Offensive vor Warschau Anfang August 1944 nicht die Rede sein kann. Die Leitung des Aufstands in Warschau hatte aus politischen Gründen auf einen Kontakt mit dem Oberkommando der Roten Armee verzichtet und wurde von der deutschen Offensive und der sowjetischen Niederlage vollkommen überrascht. Auf langwierige Kämpfe gegen die besser ausgebildeten und mit schweren Waffen ausgerüsteten deutschen Truppen war man nicht vorbereitet.  

Die bewaffnete Erhebung gegen die Deutschen in Warschau beginnt am 1. August 1944. Sie richtet sich militärisch gegen die deutsche Besatzungsmacht, zielt politisch allerdings auf die Installierung einer polnischen Nationalregierung und die Wiederherstellung Polens in den Grenzen von 1939. Aus diesem Grund wird der Aufstand von der Sowjetunion nur unzureichend unterstützt. Entlastungsangriffe bleiben nach der schweren Niederlage im Vorfeld Warschaus begrenzt. Die Erste polnische Armee und sowjetische Einheiten erleiden Mitte September schwere Verluste bei dem Versuch, auf dem linken Weichselufer einen Brückenkopf zu bilden und eine Verbindung mit den Aufständischen herzustellen.  

Die militärische Schwäche und schlechte Ausrüstung der polnischen Widerstandskämpfer, etwa 20.000 Soldaten, macht die militärische Erhebung nach dem Ausbleiben der sowjetischen Truppen zu einem äußerst gewagten Unternehmen. Dennoch schließen sich auch die Kommunisten und die wenigen im Untergrund lebenden Juden dem Aufstand an. 40.000 Deutsche, meist Funktionäre der verschiedenen Terror- und Besatzungsapparate – Wehrmachts-, SS- und Polizeieinheiten – sind den Aufständischen an Bewaffnung und Zahl deutlich überlegen. Die militärische Antwort der Deutschen besteht in der flächendeckenden Zerstörung der Stadt durch Brände, schwere Artillerie und Luftangriffe. Am 4. August wird das Arbeiterviertel Wola bombardiert. SS- und Polizeieinheiten ermorden am nächsten Tag in einem beispiellosen Massaker mehr als 40.000 Zivilisten. Die deutsche Führung hatte den Befehl gegeben, in den Aufstandsgebieten die Warschauer Bevölkerung restlos zu ermorden. In seinem Befehl Nr. 1 ordnete Hitler in den ersten Augusttagen die vollständige Zerstörung der Stadt und die Ermordung aller ihrer Bewohner an: »… es sind keine Gefangenen zu machen. Warschau muss dem Erdboden gleichgemacht werden, und es soll in dieser Hinsicht ein abschreckendes Beispiel für ganz Europa geschaffen werden.«  

Polnische Historiker sind sich mittlerweile einig, dass die Zahl der getöteten Zivilisten bei 180.000 liegt. Hinzu kamen 20.000 Angehörige der militärischen Formationen. Nach der Kapitulation der Aufständischen am 2. Oktober 1944 wird die Stadt auf Anordnung der deutschen Besatzungsmacht von der polnischen Zivilbevölkerung geräumt. 350.000 Überlebende der Kämpfe werden zwangsevakuiert. 90.000 von ihnen werden zur Zwangsarbeit verschleppt und 60.000 in KZ eingewiesen.  

Im Oktober beginnt die völlige Zerstörung Warschaus. Es wird systematisch in Schutt und Asche gelegt. Noch nicht zerstörte repräsentative Gebäude und Denkmäler werden gesprengt. Alle Bestände der Bibliotheken und Archive werden verbrannt. Das gesamte öffentliche und private Vermögen wird geraubt und nach Deutschland transportiert. Auch die Infrastruktur der Stadt, Gas, Strom und Wasserleitungen, fallen dem Zerstörungswerk zum Opfer.  

Am 17. Januar 1945 wird die Stadt von polnischen und sowjetischen Truppen befreit. Mehrere Hundert Menschen leben noch in der riesigen Trümmerwüste, darunter 15 jüdische Überlebende des Aufstands von 1943. Mindestens 650.000 Bewohner Warschaus, die Hälfte der Bevölkerung des Jahres 1939, wurden Opfer der deutschen Besatzungsherrschaft.  

Keiner der für die Massenmorde an der Warschauer Zivilbevölkerung verantwortlichen deutschen Täter wurde jemals vor ein bundesdeutsches Gericht gestellt. Der brutalste Mörder, der von der polnischen Bevölkerung als »Henker von Warschau« bezeichnete SS-General Heinz Reinefarth, wurde 1951 von den Einwohnern von Westerland auf Sylt zu ihrem Bürgermeister gewählt. Dies blieb er bis 1964. Für die Vertriebenenpartei Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) erhielt er 1958 ein Landtagsmandat und zog als Abgeordneter in den Kieler Landtag ein. Als er 1979 starb, würdigte ihn die Gemeinde in ihrem Nachruf: »Sein erfolgreiches Wirken für die Stadt Westerland wird unvergessen bleiben.«
 

Einen guten Überblick über den Forschungsstand gibt der Band Der Warschauer Aufstand 1944. Ereignis und Wahrnehmung in Polen und Deutschland. Ferdinand-Schöningh-Verlag, Paderborn 2011, 295 Seiten. Karl-Heinz Frieser hat darin noch einmal die Ergebnisse seiner Forschungen zusammengefasst.  

Wlodzimierz Borodziej hat eine spannende Darstellung der Ereignisse des Jahres 1944 in Polen und Warschau geschrieben: Der Warschauer Aufstand 1944. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2001, 256 Seiten, 12,90 Euro
 

Erich Später 

 

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