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19.11.2018 10:43

„Die Ära Merkel war eine Zeit des Sinnverlusts. Ein Teil der Partei verzehrt sich nach einer gewissen Männlichkeit – Friedrich Merz und Jens Spahn verkörpern das.“ ("Zeit online", 31. Oktober 2018)

Ein Rückblick aus gegebenem Anlass: Wer vor Angela Merkels Amtsantritt glaubte, eine Frau im Kanzleramt bedeute einen Sieg der Emanzipation, den belehrte die damalige Berichterstattung eines Besseren. Bea Dorn und Marit Hofmann  in konkret 9/05 über den Stand der Emanzipation.

 

Rebecca Casati ist eine Frau, aber sie redet nicht gern drüber. Denn »Frauen, die immer noch mit ihrer Rolle ›als Frau‹ argumentieren, werden es niemals schaffen.« Ein letztes Mal, schreibt Frau Casati, wolle sie dennoch »als Frau über ›die Frau‹ schreiben, bevor uns Frau Dr. Merkel vielleicht von dieser Perspektive befreit«.  

Lernen könnten die Geschlechtsgenossinnen von der Kanzlerkandidatin, Benachteiligungen klaglos hinzunehmen: »Weil sie sich nie beschwert hat, bekommt sie bald Macht. Ist das so einfach? Ja, das ist so einfach. Und doch geht kaum eine Frau Angela Merkels Weg. Viele bevorzugen die Nörgelperspektive.« Anders Rebecca Casati, die es immerhin ganz ohne Quotenregelung zur Modefachfrau der »Süddeutschen Zeitung« gebracht hat.  

Casati ist bei weitem nicht die einzige, die glaubt, man könne das Thema Emanzipation zu den Akten legen, wenn eine Frau das Land regiert. »Eine Frau im Kanzleramt wäre eine historische Zäsur«, prognostiziert Alice Schwarzer, der es immer schon egal war, wie und womit eine Frau reüssiert, Hauptsache, »wir« dürfen endlich auch nach oben. »Unabhängig davon, was diese Frau parteipolitisch vertritt, ist das eine Sensation ... Die Stunde der Glaubwürdigkeit und Authentizität hat geschlagen. Und dazu gehört eben auch, daß diese Kanzlerkandidatin eine Frau ist.« »Tageszeitung« und »Emma« teilen die Ansicht, daß »enttäuschte SPD- und Grüne-Wählerinnen dieser Frau ihre Stimme geben« und damit »den männlichsten aller Nachkriegskanzler« (Schwarzer) stürzen werden.  

Wie weit die Republik immer noch von Gleichberechtigung in der Geschlechterfrage entfernt ist, verrät die Sprache, in der die Medien der Tatsache begegnen, daß eine CDU-Frau gute Chancen auf den Kanzlerposten hat: Merkel als »Kohls Mädchen«, »eisernes Mädchen« oder »passiv schlaustes Mädchen« als »Pfarrerstochter«, »Mauerblümchen«, oder »Fräulein Wunder«, das seinen Aufstieg natürlich Männern zu verdanken hat.  

»Angela Merkel hatte zwei Entdecker. Der erste war ich«, rühmt sich im »Zeit«-Interview Rainer Eppelmann, der seit der Konversion von Schwertern zu Pflugscharen darauf wartet, selbst endlich wieder mal von irgendwem entdeckt zu werden. »Nachdem ich sie im DA (Demokratischen Aufbruch) erlebt habe, habe ich sie Lothar de Maizière als Pressesprecherin vorgeschlagen. Der hat sie auch zur stellvertretenden Regierungssprecherin gemacht. Der zweite Entdecker war also Lothar de Maizière, der sie Helmut Kohl ... für sein Kabinett empfahl.« Als »Sprechpuppe« und »Übergangskanzlerin« dürfe sie, heißt es vielerorts, in den nächsten zwei Jahren ein bißchen Politik spielen. Längst verselbständigt hat sich die einst von Roland Koch formulierte Einschätzung, Merkels Aufstieg sei ein »Betriebsunfall der Geschichte«.  

Aus den unzähligen Artikeln, die sich der spezifischen Denk- und Arbeitsweise von Frauen im allgemeinen und von Merkel im besonderen widmen, erfährt man in erster Linie etwas über die Denk- und Arbeitsweise der jeweiligen Autorinnen und Autoren: Allesamt scheinen sie von einer biologischen oder sozialen Determinierung der Frau auszugehen. Die Merkel-Profiler werfen mit »weiblichen Eigenschaften« nur so um sich, als gelte es, möglichst viele unter dem Stichwort »Stereotype« aufgeführten Attribute aus dem Lexikon des Gender Mainstreaming zusammenzutragen:  

Angela Merkel wecke Vertrauen, denn Frauen seien per se »ehrlicher«, »weniger aggressiv«, »emotionaler«, verfügten über mehr »Gerechtigkeitssinn« und wollten – wie die Kanzlerkandidatin – »nur ein wenig dabei sein« und »helfen, es besser zu machen«, wie Merkel-Biographin Evelyn Roll weiß. Das Medienmagazin »V.i.S.d.P.« resümiert: »Angela Merkel verfügt über jene hohe emotionale Intelligenz, die Frauen eher eigen ist als Männern.« Männliche »Experten« halten die Arbeitsweise von Frauen für weniger hierarchisch, sie zeichneten sich durch das Knüpfen von – nein, nicht Topflappen, sondern: Netzwerken aus. Und während männliche Politiker Sondierungsgespräche führen, pflegen die Damen ihre Netzwerke vorzugsweise bei »Kaffeekränzchen«.  

Bei Kaffee und Gebäck tauschen Angela Merkel und ihre Verbündeten Friede Springer, Liz Mohn, Patricia Riekel und Sabine Christiansen dann nicht nur Schminktips aus, sie beraten womöglich auch darüber, wie man die mächtigen Männerrudel am besten in den Griff bekommt: »Zum Hüter des verschreckten Hühnerhaufens ..., als der sich der Reformstall Deutschland darstellt, eignet sich eine zuweilen strenge, aber fürsorgliche Mutter der Nation viel besser« als ein Löwenbändiger wie Schröder, so der Frauenflüsterer Richard Herzinger in der »Weltwoche«. Wird Angela Merkel Inge Meysels Nachfolgerin als »Mutter der Nation«? Obwohl die zukünftig »mächtigste Frau Europas« sich auf diesem Gebiet ebensowenig hervorgetan hat wie Gerhard Schröder, erhoffen sich nicht wenige von ihrer Kanzlerschaft eine fortschrittliche Frauen- und Sozialpolitik oder zumindest, was immer das ist, eine »menschenorientierte Politik«.  

»Weiblicher« und »weicher« heißt allerdings auch »raffinierter«. Haben sich Frauen erst einmal in die Sphären der Macht eingeschlichen, dann können sie »beherrschen und verlocken«, skrupellos setzen diese triebgesteuerten Geschöpfe ihre »Intuition« ein, um herauszufinden, »wo andere ihre Schwächen haben«.  

Anderen ist das »Mannweib« Merkel nicht Frau genug: »Wir wissen, woher sie kommt. Aber weiß sie es auch?« fragt Alice Schwarzer. »Etwas ist auf der Strecke geblieben auf dem mühsamen Weg durch die Männerpartei – ihre Wurzeln. Ihre Wurzeln als Ossi und als Frau ... Jetzt könnte, ja müßte sie sich erlauben, sich an die Frauen zu erinnern. Und an die Ossis sowieso. Denn beides ist sie ja nun mal.« Auch durch Selbstverleugnung komme »Schwester Angie« nicht »aus ihrer Frauenhaut« heraus. »In den Augen der anderen, vor allem ihrer Gegner, wird sie immer eine Frau bleiben«, fürchtet Schwester Alice.  

Neben den weiblichen Eigenschaften und der Ostsozialisation widmet sich die Presse vornehmlich Merkels Aussehen und versucht die Frau auf ihren Platz unter der Trockenhaube zu verweisen. In der »Welt am Sonntag« sorgte sich Ulf Poschardt unter der Überschrift »Mehr Eleganz wagen«: »Muß Angela Merkel ihr Aussehen ändern, um gewählt zu werden?« Die Antwort lautet: ja. Es sei »ein Verdienst erfolgreicher Politikerinnen wie Margaret Thatcher, Condoleeza Rice oder Hillary Clinton, einen Look zu kreieren, der ihre politische Botschaft transportiert«. Seit der »hochpolitischen« Coco Chanel stehe Mode »an vorderster Front im Kampf für ein emanzipiertes Frauen- und Menschenbild«.  

Feminist Poschardt hat keine Mühen gescheut und Experten aufgetrieben, die der Ostfrau »aus dem gesellschaftlichen Off der Republik« mit Rat und Tat zur Seite stehen. Der »Make-up-Artist« von Yves Saint Laurent, der der Kanzlerkandidatin ansieht, »daß sie viel in klimatisierten Räumen sitzt und die Haut dadurch extrem nach Feuchtigkeit durstet«, rät: »Nur eine Lidschattenfarbe verwenden. Helles Türkis oder Apricot verleihen dem müden Blick Ausstrahlung und Glaubwürdigkeit.« Ein »Haarstylist« findet Merkels Haarfarbe »überhaupt nicht sexy« und empfiehlt »blonde Highlights und etwas Spray-Wax als zeitgemäßes Finish«.  

Nachdem Merkel inzwischen tatsächlich so manche »Stilberatung« hinter sich hat, ergötzt sich die »Welt« anläßlich ihres Auftritts bei den Bayreuther Festspielen an der »schwarzen Frontfrau als Führungstraum in Rosa«, die sich vom häßlichen Entlein zur »Escada-Kanzlerin« mauserte. Die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« begrüßt erleichtert (»Das Auge wählt mit«) Merkels »neuen Lady-Look« – endlich hat der Ossi gelernt, »mit dem widersprüchlichen Dresscode parlamentarischer Demokratie umzugehen«.  

Je näher ein Wahlsieg der Kandidatin rückt, desto mehr sexistische Häme mischt sich in die Kommentare. Merkel mutiert zum Machtmenschen, zur Intrigantin, zur Hardlinerin, zur »›Schwarzen Witwe‹ der CDU, die alle innerparteilichen Rivalen gemeuchelt hat« (»Frankfurter Rundschau«).  

Was bei männlichen Kollegen nicht der Rede wert ist, wird bei ihr zum Politikum: Genüßlich schildern die Hofberichterstatter der Nation, was bei Merkels Auftritt auf dem Bayreuther roten Teppich zutage kam: »ein kleiner, aber deutlicher Schweißrand, der die Achselhöhle der mächtigsten Politikerin Deutschlands rahmte – Indiz eines ganz menschlichen Malheurs, das alle, Geringe wie Hochstehende, Linke wie Rechte, vor allem im Sommer befällt« (»Spiegel online«). Ob der Bayrische Rundfunk bei einem Mann auf die Idee gekommen wäre, den Fleck zu retuschieren? Und hätten andere Medienvertreter das dann zu einem Skandal aufgebauscht, einem Sakrileg wider das Presseethos?  

Für die »Frankfurter Rundschau« wäre das Ganze angeblich eine »nebensächliche Begebenheit, geriete die Kandidatin nicht bloß beim Aufstieg zum grünen Hügel in (sic) Schwitzen, sondern auch beim Marsch aufs Kanzleramt. Daß sie mit dessen Hausherrn nicht zwei-, sondern nur einmal per TV-Duell rhetorisch die Klingen kreuzen mag, weitet sich zum Kommunikationsdesaster«. Und bei Kommunikationsdesastern kennt sie sich nun wirklich aus, die »FR«. »Zeigt sie plötzlich Feigheit vor dem roten Kanzler a. D. in spe? Der politische Gegner wittert bereits den Angstschweiß der Kandidatin.«  

Sie meuchelt Männer, sie schwitzt, sie kneift vor dem »Medienkanzler« – und brutto und netto kann sie auch nicht auseinanderhalten, wie man aus Interviews in ARD und in »Bunte« weiß. »Angela Merkels Abstieg vom Image-Gipfel vollzieht sich in Etappen«, kommentiert der »FR«-Autor, »die Opposition höhnt schon über die Brutto-Kanzlerkandidatin.« Nicht nur die Opposition. »Interessant«, bemerkt Stefan Niggemeier in der »FAS«, »wie viele Journalisten es geschafft haben, sich ... darüber zu mokieren, wie peinlich das für die Politikerin Merkel ist, ohne zu erwähnen, wie peinlich das für die Journalisten Patricia Riekel, Kerstin Jäckel, Thomas Roth und Thomas Baumann ist, denen man offenbar alles erzählen kann, ohne daß sie auch nur ›Hä?‹ sagen.«  

Probleme bereitet Merkels Kandidatur insbesondere der Linken. Auch in ihren Gruppierungen ist der Frauenanteil zumal in höheren Positionen immer noch verschwindend gering, was zum Beispiel Wahlkämpfer der Linkspartei damit erklären, daß es – im Vertrauen gesagt, denn in dieser Angelegenheit will sich kein linker Herr zitieren lassen – erstens an politisch artikulationsfähigen Frauen mangle, zweitens Frauen sowieso nichts anderes erzählten als Männer, und drittens gebe es neben dem Neben- auch einen Hauptwiderspruch.  

Die Grünen trösten sich mit dem Mantra »Ohne uns hätte es nie eine Kanzlerkandidatin Merkel gegeben.« Claudia Roth kündigte einen »starken Frauenwahlkampf an, der auch von unseren Männern geführt wird«. Unterstützt wird die rotgrüne Regierung von ihrer offiziösen »Taz«, die zum Wahlkampf Slogans wie: »Pfui Sozialabbau – Ferkel muß weg« ersann und dazu Merkel mit Schweineohren abbildet.  

Alice Schwarzers Gegenspielerin Katharina Rutschky läßt die »Idee einer ersten Kanzlerin« zwar nicht kalt, aber »wenn es doch bei uns Frauen um Personen geht – dann trauere ich jetzt schon dem Kanzler Schröder hinterher. Es war Gerhard Schröder, der Rotgrün zu meiner Regierung gemacht hat wie keiner zuvor.« Während mit Schröder »zum ersten Mal Politik von einem Mann« gemacht worden sei, der auch noch im Scheitern »sexy« aussehe und »soviel positive Energie« ausstrahle, werde es Merkel, prophezeit die Salonfeministin Rutschky, »als Neutrum des Betriebs sehr schwer haben«. Soviel zum Stand der Emanzipation.
 

Bea Dorn und Marit Hofmann widmen sich in ihrer Freizeit der Resozialisierung männlicher Quotenopfer
 

 

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