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Brummen und Gurken

01.03.2018 10:34

Autofahren ist giftig, Berlin muss jetzt handeln. Eine Staumeldung von Stefan Gärtner

Da hatte man wirklich gedacht, man wüsste alles, wusste es aber doch nicht; und als man es dann wusste, wurde es sogar noch besser: „Das Ausmaß von Abgastests einer Forschungseinrichtung mit VW-Beteiligung ist offenbar größer als bislang angenommen. Nicht nur Affen, sondern auch menschliche Probanden sollen Stickoxiden ausgesetzt worden sein“ („NDR.de“) zwecks Nachweis, diese seien letztlich harmlos und die Pressequengeleien und EU-Ultimaten zur Luftqualität Blödsinn. Und fast wurde es schwer, sich nicht zu freuen über diesen Akt reiner Kundenfreundlichkeit, die mit Menschen- oder gar Naturfreundlichkeit nicht verwechselt werden darf und sich so plastisch ins Bild setzte, dass selbst die berüchtigte „SZ“-Karikatur auf der Meinungsseite den Witz nicht übersehen konnte: „Ich weiß gar nicht, was die wollen“, findet ein Radfahrer im städtischen Stau-Smog. „Die Menschenversuche laufen doch schon seit Jahren!“

„Durch ihr Nichtstun machen Politiker und Automanager tagtäglich Zehntausende Anwohner unfreiwillig zu Probanden; an den Hauptstraßen und Kreuzungen vieler Großstädte sind sie Stickoxidmengen weit über dem zulässigen Grenzwert ausgesetzt“, erkannte desgleichen der Kommentar und schob den Umweltpeter nach oben weg, als seien der freie Bürger und die freie Bürgerin auf keinen Fall frei genug, das Brummen und Gurken mal zu unterbrechen oder wenigstens auf den Erwerb von Panzerfahrzeugen zu verzichten, die sich wirtschaftlich nur mit Dieselantrieb bewegen lassen. Und wenn die Leut’ weniger Dieselautos kaufen, dann ja nicht aus, hahaha!, Rücksicht, sondern weil sie Angst vorm Fahrverbot und vorm Wertverlust von Autos haben, die nicht fahren dürfen.

Dabei kommt gar kein Fahrverbot, denn „Menschheit ist Kundschaft“ (Karl Kraus) und nichts tun allemal besser als nicht gewählt werden. „Bis heute“, heißt es dann in München unter der Überschrift „Empörungsrituale“ rituell, „traut sich kaum ein Politiker an die Autoindustrie heran: Trotz eindeutiger Urteile hat noch kein Kommunalpolitiker ein Fahrverbot erlassen, trotz erwiesenen Betrugs müssen die Autokonzerne ihre defekten Produkte nicht wirksam nachrüsten.“ Sollte die Automatisierung einmal in unsere Zeitungsredaktionen Einzug halten, solchen Artikeln würden wir’s nicht anmerken, wenn sie vom Computer kämen. Falls sie nicht eh längst aus dem Stehsatz laufen.

Und apropos: Das Auto steht nicht zur Debatte und ist so sakrosankt wie, sagen wir, die Pressefreiheit, die wir übermorgen vergessen könnten, wenn die Deutschen sich morgen entscheiden müssten. Die Einschränkung des Autoverkehrs ist maximal Notbremse, nie Vision, und immer geht es darum, ihn in die Zukunft zu retten, ihn elektrisch und autonom zu machen; und da ist ja gelegentlich bereits gefragt worden: Elektrisch und autonom – heißt das nicht ICE? Oder wenigstens Straßenbahn? Was mit Verzicht zu tun haben müsste, darf systemlogisch bloß mit Aufrüstung zu tun haben: „Mehr ,Ökoautos’. Mehr Energieeffizienz. Mehr erneuerbare Energien. Nachhaltiges Wachstum. Politiker, Ökonomen, Wissenschaftler, selbst Umweltorganisationen scheinen das Wort ,weniger’ mit einem Tabu belegt zu haben’“ (Marcel Hänggi, Wir Schwätzer im Treibhaus, Zürich 2008), und „wo alle Individualität haben, und alle dieselbe“ (Kraus), desto verzweifelter das Klammern an den Individualverkehr, der den weiteren Vorzug hat, dass Kapitalismus durch ihn erst zu sich selbst kommt.

Das Auto ist nämlich das kapitalistische Produkt par excellence, denn es kostet sehr viel, verliert rasch an Wert und ist der Warenfetisch als „Stück persönlicher Freiheit“ (Helmut Kohl), das diese Freiheit hübsch mehrdeutig als mobile definiert: „Brauchbar bleiben die Mobilen / die Beweglichen / (…) Ja, der Arbeiter 2000 / der wird wieder ein Nomade sein / mit Sack und Pack und Campingwagen zieht er durch die Welt / ein freier Mann“ (Franz Josef Degenhardt, 1977). Ausdruck von Beweglichkeit schlechthin, ist der private Kraftwagen der Ort, an dem sich romantische Sehnsüchte nach Spontaneität und Unabhängigkeit mit dem kapitalistischen Flexibilitätsdiktat und Günther Anders’ „Tempo-Gleichschaltung“ verschränken, auch wenn noch die Illusion von Autonomie, wie Thomas Steinfeld in einem Abgesang aufs (schöne) Auto bemerkt hat, angesichts permanent verstopfter Straßen eine prekäre geworden ist: „Wenn das historische Automobil ein Instrument der Bewegung war, so ist das Fahrzeug heute die Darstellung der Bewegung: Man kann zwar damit fahren, aber immer ist da mehr Symbolik, als man tatsächlich fahren kann.“ Und eben weil man immer seltener tatsächlich fahren kann, hat sich das automobile Design so grotesk aufgeladen, „in Gestalt von böse blickenden Augen, geblähten Nüstern, aufgesperrten Rachen und wie zum Sprung gespannten Flanken“; und wo sich einerseits die Aggression und die Lebensangst der Insassen ausdrücken – man muss nur einmal sehen, zu welcher Kampfmaschine etwa ein Golf optisch aufgerückt beziehungsweise abgestiegen ist –, ist andererseits die Bewegungsfeier bei absolutem Stillstand Symbol des Systems selbst. Wenn nun noch das „autonome Fahren“ hinzukommt, dessen Autonomie darin besteht, dass die „Freude am Fahren“ (BMW) eine restlos fremdbestimmte, den einstigen Herrenfahrer zum Datenproduzenten objektifizierende wird, wird die Symbolik dann penetrant.

Profaner verhält es sich freilich so, dass in Deutschland rund 80 Millionen Arbeitsplätze am Kraftfahrzeug hängen, wie man schlechterdings einen Bundesverkehrsminister oder eine Bundeskanzlerin nicht für Industriebüttel kraft Amt halten kann und gleichzeitig verlangen, sie dürften die einschlägigen Gesetze nicht vom Verband der deutschen Automobilindustrie schreiben lassen. Und wenn jetzt der Chineserer die Elektromobilität anführt und der Standort bis auf weiteres mit dem Diesel dagegenhalten muss, in einem „Existenzkampf mit allen Mitteln“ („Die Zeit“), wird’s für uns Tier- und Gesundheitsfreunde, aber halt auch Export- und Kfz-Abhängige schon wieder so unübersichtlich, dass wir uns erst recht im vollvernetzten SUV verschanzen müssen, wo wir dem Entertainmentsystem die Meldung entnehmen, VW-Aufsichtsrat und Ministerpräsident Althusmann wolle „die verantwortlichen Manager zur Rechenschaft ziehen“ („Spiegel Online“). Die das „Dilemma“ ausbaden dürfen, in dem sich die deutsche Automobilindustrie laut „Zeit“ befindet: „Die Verantwortlichen wissen, dass sie sich für die Zukunft des Autofahrens rüsten müssen – und doch wäre es ihnen am liebsten, es bliebe alles wie bisher, vor allem unter der Motorhaube.“

Sowie dahinter und davor. Da kann ich die Verantwortlichen beruhigen.

 

Stefan Gärtner fährt VW (Benzin), aber selten

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