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Brainwash pervers

25.02.2019 13:55

Statt Joel Edgertons reichlich brav geratener Verfilmung („Der verlorene Sohn“; seit 21.2. im Kino) empfiehlt konkret die Buchvorlage: Garrard Conleys „Boy Erased“. Hier die Besprechung von Harald Nicolas Stazol aus literatur konkret Nr. 42, 2018/19 (Queer gelesen).

Garrard Conley: Boy Erased. Aus dem Englischen von André Hansen. Secession, Berlin/Zürich 2018, 335 Seiten, 25 Euro

 

Einen Jungen auslöschen? Weil er schwul ist? Garrard Conley, Jahrgang 1985, geboren in Arkansas – da beginnt schon das Unglück –, ist es passiert. Boy Erased heißt seine Aufarbeitung des Erlebten. Wenn man in der »Familie« eines selbsternannten konservativen, man möchte sagen, recht eigentlich irrsinnigen »Predigers« aufwächst und sich plötzlich Neigungen regen, die nicht bibelkonform sind, und man sich den Eltern vertrauensvoll offenbart – dann kommt man ins Umerziehungslager der »Love in Action«, die seit 1973 der Homosexualität den Krieg erklärt hat. Dem Jahr also, in dem die American Psychological Association ebenjene »Perversion« nicht mehr unter die psychischen Krankheiten aufnimmt. Ein Schlag ins Gesicht der Konservativen und der Gläubigen allemal: »Du wirst dieses Haus nie wieder betreten, wenn du von deiner Sünde nicht ablässt«, sagt Garrards Vater, und das College wird auch gestrichen. Dann bringt seine Mutter ihn mit dem Auto in die Schwulenheilanstalt. Allerlei Regeln treten dort von der ersten Sekunde an in Kraft und enden in der seelischen Selbstauslöschung. Mit zahllosen Suizidver- suchen, Selbsthass en masse, mit verzweifelten Gebeten, »Gott, mach mich anders!«, jede Nacht. Dreifaltige Abscheu: die Garrards vor sich selbst, die der Umerzieher vor der Menschenwürde der Gepeinigten und die des Lesers vor einem Land, in dem so etwas unbegrenzt möglich ist.

Das Handy wird nach Pornos, Liebeschats etc. durchforstet und konfisziert, das schmerzt Garrard nicht. Aber dass er sein Notizbuch aushändigen muss, das Werkzeug des Schreibenden, das schon sehr. Umso erstaunlicher, wie der junge Autor sich nun präzise an al- les – alles! – erinnert und einem atemlosen Leser vor Augen führt, in beachtlichem Stil   (gut übersetzt), als wäre man der Folter selbst unterworfen: »Sogar als er meinen Kopf runterdrückte, machte ich mir Sorgen, dass ich  was falsch machen könnte. Sogar, als ich würgte und strampelte, an den Haaren seiner Wa- den zog, um irgend etwas zu tun, was ihn aufhören ließ, machte ich mir Sorgen, ihn zu verärgern« – da wird Garrard gerade vom Jugendleiter vergewaltigt, der unter Tränen jammert: »Wie kann ich jetzt noch Jugendpastor sein?«

Conley debütiert brillant. Er lebt heute in New York. Sein Buch ist schockierend. Der größte Schock wartet jedoch in der Danksagung, Seite 335: »Ich danke am allermeisten meiner Mutter und meinem Vater, deren Liebe maßgeblich war.« Gebe Gott, dass das des Autors letzte, vernichtende Ironie war.

 

Harald Nicolas Stazol

 

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