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Bewusstlose Wissenschaft

24.05.2019 11:00

Unter dem Hashtag #FrististFrust läuft derzeit eine Petitionskampagne gegen die bundesweite Praxis der Universitäten, ihr wissenschaftliches Personal mit Kettenverträgen in die Prekarität zu drücken. Mittlerweile engagieren sich an mehreren Hochschulen Gruppen, die diese Praxis abschaffen wollen. Die Hamburger Mittelbau-Initiative ist am kommenden Mittwoch bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Selbstorganisierung am Arbeitsplatz und Streikunterstützung vertreten.

Robert Kempf beschäftigte sich in konkret 11/18 mit der Frage, was die Armee der prekär beschäftigten Wissensarbeiterinnen davon abhält, für ihre Interessen zu kämpfen.

Die Arbeitsbedingungen in Universität und Wissenschaft sind berüchtigt. Die Hunderttausenden von Wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen (Wimi), akademischer Mittelbau genannt, gelten als Prekariat. Die sprachliche Gleichsetzung mit Hartz-IV-Empfängerinnen oder Pfandflaschensammlerinnen ist kaum übertrieben. »Sie werden behandelt wie der letzte Dreck«, schrieb der Berliner Politikprofessor Peter Grottian vor ein paar Jahren in der »Süddeutschen Zeitung«.

Befristung, Teilzeit, Überstunden und Kettenverträge sind die Stichworte. Das betrifft nicht die Oberschicht des feudalen, von persönlicher Abhängigkeit geprägten Unibetriebs, denn Professuren haben normalerweise kein Ablaufdatum. Beim Fußvolk sieht es jedoch anders aus. Laut einer aktuellen Studie der Humboldt-Universität Berlin sind fast alle Wimi-Stellen, nämlich 87 Prozent, befristet. Die meisten davon sind Teilzeitjobs, wobei dieser Begriff nicht in die Irre führen darf. Kein Mensch macht mittags Feierabend, obwohl er oder sie nur den halben Tag bezahlt wird. Denn ohne Doktorarbeit ist eine wissenschaftliche Laufbahn unmöglich. Für diese ist aber nur ein Bruchteil der vertraglichen Arbeitszeit vorgesehen, der Rest für Lehre und Assistenz der Professorin. Eine Dissertation lässt sich in den meisten Fächern jedoch nur in jahrelanger Vollzeitarbeit fertigstellen, was sie de facto zum unbezahlten Hobby macht. Wer ein Stipendium hat, kann sich zwar ganz der Diss widmen, ist aber weder sozial- noch rentenversichert.

Auch danach winken nur befristete Stellen, grotesk unterbezahlte Lehraufträge oder Hartz IV. Eine Professur ergattern die wenigsten, Hunderttausende »Nachwuchswissenschaftlerinnen« stehen nur wenigen Tausend Professuren gegenüber. Wegen des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes darf man nur für insgesamt zwölf Jahre befristet beschäftigt werden. Dann ist Schluss, was bedeutet, dass sich die hoffnungslos Überqualifizierten bis zur unsicheren Rente ein anderes Auskommen suchen müssen. Selbstredend sind Frauen noch schlimmer dran als Männer. Die angebliche geistige Elite hat also wenig Geld, viel Arbeit und viel Existenzangst. Und daran wird sich vorerst nichts ändern, denn die intellektuelle Reservearmee wehrt sich so gut wie gar nicht. Gewerkschaftliche Organisierung gibt es kaum, Streiks wären unerhört. Am Wissensfließband stehen die bravsten Arbeitskräfte Deutschlands. Es fehlt an kritischem Bewusstsein, an Klassenbewusstsein. Woran liegt das?

 Arbeit in der Wissenschaft ist hochgradig subjektiviert. Wer hier arbeitet, identifiziert sich extrem mit dem eigenen Produkt und Arbeitgeber. Es ist nicht möglich, die Dissertation vom Ich zu trennen. Zu stolz ist man auf sein Projekt, das ganz auf die eigene Person zurechtgeschnitten zu sein scheint. Jedes Produkt der Wissensfabriken gibt vor, etwas Besonderes und Individuelles zu sein, analog  zur Selbstwahrnehmung derer, die es herstellen. Bücher, Aufsätze, Seminare sind vermeintliche Unikate, auf denen der eigene Name funkelt. Sie dienen dem eigenen Portfolio, an dem alle ständig feilen müssen. Wer nichts vorweisen kann, wird nicht vorwärtskommen. Dahinter steht nichts anderes als der schnöde Zwang kapitalistischer Konkurrenz. Schlimmer noch: Akademikerinnen bieten nicht nur fröhlich die eigene Arbeitskraft feil. Wo Produkt und Ego nicht mehr zu trennen sind, wird die ganze Persönlichkeit zur Ware, die ständig der besten Marktposition nachjagen muss. Doch realisiert das kaum eine der »Unternehmerinnen des Selbst«, wie sie die Soziologie nennt. Die unaufhörliche Maloche, die letztlich nie ausreicht, fühlt sich stets nach Selbstverwirklichung an. Bewusstsein, gar Wut, kommt hier nicht auf. Kritisiert man die Verhältnisse gegenüber Kolleginnen, bekommt man schon mal zu hören: »Na ja, dafür darfst du ja ein Buch schreiben!«

Die Anekdote offenbart, wie sehr die Wissensschufterei mit der narzisstischen Subjektkonstitution des heutigen Menschen in Einklang steht, die schon Theodor W. Adorno als Massenphänomen analysierte: Aus der realen Ohnmachtserfahrung in der kapitalistischen Gesellschaft folgt eine unbewusste Kränkung, auf die das Ich mit Narzissmus reagiert. Das selbstverliebte Besonders-sein-Wollen trifft sich bestens mit den Anforderungen, die an eine fleißige Wissensarbeiterin gestellt werden. Die tägliche Selbstausbeutung verschafft die Illusion, die eigenen – gesellschaftlich erzeugten – Löcher in der Seele zu stopfen.

Noch etwas an der Wissensarbeit umschmeichelt das narzisstische Ego. Sie gilt als elitär. In Lehre und Forschung zu arbeiten, setzt lange Jahre der Qualifikation voraus. Wissenschaft wird mit Genialität und Fortschritt assoziiert, ihre Repräsentantinnen im sozialen Oben verortet. Dank des gehobenen Habitus können die Gebildeten sich leicht nach unten abgrenzen. Das Gefühl, zur Speerspitze zu gehören, verträgt sich nicht mit der Erkenntnis, sozioökonomisch am unteren Ende der Skala zu rangieren. Und selbst wenn der einen oder dem anderen dieser Umstand bewusst ist, scheint das kulturelle Oben-sein-Dürfen zu entschädigen.

Vor allem muss man aber überall sein. Arbeit in der Wissenschaft verlangt Flexibilität und Mobilität. Für den nächsten schäbigen Arbeitsvertrag alle paar Jahre in Städte umzuziehen, in die man sonst nicht mal einen Tagesausflug machen würde, ist das Normalste der Welt. Andere pendeln jahrelang quer durch die Republik. Wer dazu nicht bereit ist, kann in der Branche nicht arbeiten. Ständig den Wohnort und den Arbeitsplatz zu wechseln, macht es viel schwerer, sich längerfristig politisch zu organisieren. Man kann keine Strukturen aufbauen, wenn die Trägerinnen derselben ihre Zelte gleich wieder abbrechen. Überhaupt werden Beziehungen jeder Art ständig auseinandergerissen, wenn sie nicht eh schon unverbindlich oder reine »Netzwerke« bleiben.

Die meisten haben den unendlichen Flexibilitätszwang verinnerlicht. Gerade im Biotop des akademischen Personals, dem urbanen, gebildeten Milieu, gehören Flexibilität und Mobilität regelrecht zum Lifestyle. Die sozialen Medien feiern das hochmobile Ich ab. »Traveling« zu lieben dürfte die häufigste Selbstbeschreibung auf Tinder sein. Apropos: Besonders in den »liberalisierten« und »linken« Beziehungsformen äußert sich der postmoderne Befehl ans Individuum, immer auf Abruf zu sein. Wo Bindung ökonomisch irrational wird, werden auch Beziehungen und Mitmenschen austauschbar. Das ist nicht unbedingt förderlich für einen solidarischen Bezug auf andere, der für Arbeitskämpfe nötig wäre. Die emotionale Zumutung der Flexibilität liegt gerade darin, dass alles und alle unverbindlich bleiben. Flexibel bedeutet biegsam. Wenn sich zu verbiegen nicht als pervers, sondern als hip erscheint, kann sich kein Widerstand regen. »Hamburg–Münster? Kann man doch gut pendeln!«

Es wäre aber billig, sich über egomanische Eierköpfe zu echauffieren. Das Grundproblem ist der wahnsinnige Charakter der kapitalistischen Vergesellschaftung, der die Psyche dergestalt zurichtet. Die Selbstunternehmerinnen trifft man nicht nur auf dem Campus. Ihre Persönlichkeitsstruktur ist allgegenwärtig, denn sie ist schlicht Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse.

Immerhin macht Sozialisation nicht vollends zum Zombie. Dementsprechend tut sich auch etwas an den Hochschulen. 2017 hat sich das Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft gegründet. Die Vernetzten wollen das ganze Hochschulsystem umkrempeln. Sie fordern unter anderem, die Befristungen und sogar die Professuren abzuschaffen. Ein anderes Beispiel ist die Hochschulgewerkschaft Unter_bau in Frankfurt am Main, die sich selbst als rätedemokratisch versteht. Sie richtet sich an alle, die in der Uni arbeiten müssen, vom Wimi bis zur Mensaköchin. Auch in Hamburg bildet sich gerade eine hochschulübergreifende Mittelbauinitiative. Es ist zu hoffen, dass alle diese Initiativen dauerhaften Zulauf erhalten und sich als politische Kräfte etablieren können. Das erfordert kritisches Bewusstsein bei den Betroffenen und vor allem den Mut, den Konformismus abzulegen und sich nicht alles gefallen zu lassen.

Es geht nämlich nicht nur darum, die Existenzangst auf den Fluren der Fakultätsgebäude abzuschaffen. Universität und Wissenschaft sind ein Spiegelbild der Gesellschaft und wirken gleichzeitig in sie hinein. Gerade in Zeiten neoliberal-autoritärer Entwicklung braucht es dringend Hochschulen, die demokratische Räume für freie, kritische Forschung und Bildung sind. Das können sie aber nur sein, wenn die darin Arbeitenden die nötige Luft zum Leben haben und ihre eigene Rolle stärker reflektieren.

Robert Kempf ist Doktorand in Hamburg

 

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