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Der Herr des Handels

19.02.2013 16:35

Der Metro-Gründer und ehemalige Scharführer bei der Waffen-SS Otto Beisheim ist tot. In den hiesigen Meinungsmedien wir der "Legende des Handels" allerlei nachgerufen. Nach alter Gewohnheit wird dabei eine bestimmte Zeitspanne ausgeblendet. Beisheim hätte zwar  "seinen Militärdienst in den düstersten Jahren Deutschlands" (FAZ) erledigt, und "Verstrickungen mit dem NS- Regime" (Tagesspiegel) habe es gegeben, "weitgehend im Dunkeln blieb jedoch sein Wirken in der Nazi-Zeit" (Deutschlandradio). Die Geschichte des Otto Beisheim beleuchtete Otto Köhler in KONKRET 7/1996.  

»Er führte ein Leben ohne Pomp, die Fäden werden im Hintergrund gesponnen«, schwärmte die »Welt« über den Milliardär Otto Beisheim und seinen »stillen Triumph«: von der SS-Leibstandarte Adolf Hitler zum Besitzer von Europas größtem Handelskonzern  

Freitag in Saarbrücken, 24. Mai 1996. Das Parlament ist zusammengetreten. 198 Millionen lassen sich von ihren Abgeordneten vertreten. Es geht streng parlamentarisch zu. Einzelne, die nur »minimale« Minderheiten vertreten, wie die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« leicht indigniert meldet, legen »lange Fragenkataloge« vor, die »geduldig beantwortet« werden. Es gibt harte Kritik. Und dann die Abstimmung. 99,73 Prozent Ja-Stimmen für die Regierung.  

Dienstag in Frankfurt, 28. Mai 1996. Das Parlament ist zusammengetreten. 98 Millionen lassen sich von ihren Abgeordneten vertreten. Es geht streng parlamentarisch zu. Abgeordnete werfen der Regierung »plumpe Sondervorteilnahme« vor. Es gibt harte Kritik. Und dann die Abstimmung. 99,6 Prozent Ja-Stimmen für die Regierung.  

Donnerstag in Köln, 30. Mai 1996. Das Parlament ist zusammengetreten. 405 Millionen lassen sich von knapp tausend Abgeordneten vertreten. Es geht streng parlamentarisch zu. »Schrille Töne«, »Widerspruch« nehmen die Titelzeilen der »Süddeutsche Zeitung« wahr. Ihr Reporter berichtet von den Protesten der Abgeordneten: »Wir werden hier über den Tisch gezogen« – »Dies ist eine brutal-raffinierte Vorteilsnahme.« Der Redaktionsschluß verhindert, daß das Blatt sofort auch das Abstimmungsergebnis mitteilt: es ist wieder überwältigend – mehr als 99 Prozent sagen Ja in dieser – wie der Präsident feststellt – »historischen Stunde«.  

Allen drei Parlamenten hatte die historische Stunde geschlagen. Die Abgeordneten waren zum letzten Mal zu ihrer Hauptversammlung angetreten, zur höchsten Erscheinungsform der parlamentarischen Demokratie in den Staaten der real existierenden Marktwirtschaft, zur Epiphanie des Kapitals.  

Und es ist wahrhaft erschienen.  

Am Freitag in Saarbrücken, als die Asko verschmolz – die 1880 als Eisenbahner-Konsumverein gegründete Allgemeine Saar-Konsum, die 1971 als GmbH ihren einstigen Genossen entwunden wurde. Sie verschmilzt mit der Metro.  

Am Dienstag in Frankfurt, als die Deutsche SB-Kauf verschmolz – die 1974 von den Gewerkschaften gegründete co op AG, die damals das Erbe der Konsumgenossenschaften angetreten hatte und dann von der Asko und der WCM geschluckt wurde, jener WCM, die aufs engste verbunden war mit dem Liquidationsverein der hochkriminellen IG Farben. Sie verschmilzt mit der Metro.  

Und am Donnerstag in Köln, als der Kaufhof verschmolz – das 1879 von Leonhard Tietz gegründet und von den Nazis arisierte Warenhaus. Es verschmilzt mit der Metro. Und geht so – aber das gehört sich so in unserem Land, dessen Einzelhändler 1988 ihre Arisierungen von 1938 mit Firmenjubiläen begingen – in den Besitz eines SS-Mannes über. Doch von ihm später.  

Bisher hatte die Metro 50,53 Prozent Anteile am Kaufhof, 55 Prozent an der Asko, und die wiederum hatte 79,01 Prozent an der Deutschen SB-Kauf. Das alles ist jetzt dank der 99prozentigen »Honecker-Wahlergebnisse in Hauptversammlungen« (Kleinaktionär Henry Nold) eine einzige Metro, denn: »Die Verlockungen der Verschmelzung sind zu süß.« So die Überschrift der »FAZ«, die den Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz aus der Asko-Hauptversammlung zitiert.  

Keiner der Kleinaktionäre äußerte grundsätzliche Bedenken. Sie fühlten sich nur über den Tisch gezogen. In Köln, bei der »Metro-Mega-Fusion dritter Akt« (»FAZ«), gab es Proteste: »Der Kaufhof wird um einige 100 Millionen zu niedrig bewertet.« Sie nützten nichts. Beim Geld geht es streng demokratisch zu. Das große Kapital zählt mehr als das kleine. Während bei der Bewertung der von der neuen Metro mitgeschluckte große Immobilienbesitz zu niedrig veranschlagt wurde, blieben die Immobilien der alten Metro draußen. Die Metro, kritisierten die Kleinaktionäre, bringe nur einen Teil ihres Geschäfts in die Fusion ein, das von den Wirtschaftsprüfungsgesellschaften viel zu hoch bewertet werde.  

Peanuts – wird doch die neue, die in der letzten Maiwoche im Dreischritt so zielstrebig erweiterte Metro »das größte Einzelhandelsunternehmen der westlichen Hemisphäre«. Die Deutsche Bank wird zusammen mit der Dresdner Bank und der Westdeutschen Landesbank die neuen Metro-Aktien an der Börse einführen. Die neue Metro will in diesem Jahre 65.600.000.000 DM umsetzen und diesen Wert bis 1998 auf 76,4 Milliarden jährlich erhöhen.  

Wer aber ist die Metro, die Metro-Holding, die ihren Sitz in Baar, in der Schweiz, hat. Sie hat drei Hauptgesellschafter: die Großhändler-Familie Schmidt-Ruthenbeck, die an der Metro-Gründung beteiligt war. Die Familie Haniel – der 1965 verstorbene Großindustrielle Franz Haniel (Gutehoffnungshütte, Deutsche Werft AG u.a.) gehörte zum Deutschen Herrenklub, der Hitler die Steigbügel hielt. Und – er ist der wichtigste Gesellschafter – Otto Beisheim.  

Wer ist Beisheim?  

Er ist, sagt die Wissenschaft, ein »Weltbürger, der wie wenige am Aufbau der Bundesrepublik Deutschland mitgewirkt und zugleich die Wirtschaftsordnung mitgestaltet« hat. Glaubt die Universität Dresden. Deshalb verlieh 1993 diese endlich in voller Freiheit wirkende Universität Beisheim den Doktor der Wirtschaftswissenschaften ehrenhalber. Und zwar – das ist bei einem Monopolisten lustig – in Anerkennung »seiner Verdienste um die Weiterentwicklung der Wettbewerbsordnung in Deutschland«. Die von Westdeutschen eroberte Hochschule würde den Doktor der Philosophie für seine Beförderung der Humanität auch an HannsMartin Schleyer verleihen – lebte er noch. Tatsächlich erklärte der verleihende Dekan Import-Professor Dr. rer. pol. Ulrich Blum bei der Übergabe des Titels: »... ist es eine große Anerkennung für uns, daß Sie, sehr geehrter Herr Beisheim, diese Ehre bereit sind anzunehmen.«  

Warum es im Fall Beisheim nur der Doktor der Wirtschaftswissenschaft und nicht der zierendere der Philosophie war, ist schwer erklärbar, denn diese »herausragende paradigmatische Persönlichkeit« ist nach Erkenntis der ausfertigenden Universität Begründer einer Idee: »Im Jahr 1964 realisierte OTTO BEISHEIM die METRO-Idee durch Eröffnung des ersten Marktes am 27. Oktober 1964.«  

Beisheim ist auch ein Revolutionär. Die Universität, in der Syntax, die ihr eigen ist: »Insbesondere das in der METRO verwirklichte Konzept der Übertragung der Selbstbedienung auf den Großhandel und auf andere, bisher als essentiell eingeschätzte Großhandelsfunktionen zu verzichten, war ein revolutionärer ›schumpeterischer‹ Akt.«  

Der revolutionäre Ideenbegründer hatte – ganz wie Josef Schumpeter – einfach Einkaufsausweise für seine vorgeblichen Großhandelsmärkte an jeden ausgegeben, der irgendwie den Eindruck eines Einzelhändlers erwecken konnte. Doch der schlaue Kunde ist reingelegt. Aldi-Preise sind meist niedriger als die angeblichen Großhandelspreise von Metro. Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels, der viele Gerichte bis hinauf zum Bundesverfassungsgericht gegen Metro bemüht hatte, kapitulierte inzwischen vor der »Macht des Giganten« (»Frankfurter Rundschau«), obwohl die Metro-Großhandelsmärkte jetzt sogar – wie jeder andere Letztkonsumentenladen auch – mit ordinärer Animiermusik beschallt werden.  

Der im Tal der Ahnungslosen wegen seiner »Verdienste« um die »Wettbewerbsordnung« geehrte Mann, kaufte einen Konkurrenten nach dem anderen auf. Ahnunglos aber sind die verleihenden Wessis nicht, sie tun nur so und schreiben doch in ihrer Doktorverleihungsurkunde selbst: »Dadurch schuf der Unternehmer OTTO BEISHEIM die Bedingungen dafür, daß sich heute unter dem METRO-Dach so klangvolle Namen wie Kaufhof, Kaufhalle, Media-Markt, Saturn-Hansa, Asko, BLV, Meister, Massa oder Praktiker befinden.« Es sind noch einige andere mehr, die Beisheim aufgekauft hat: Vobis, tip, extra, Möbel-Unger, Saturn, Oppermann, Reno, Adler und weiß der Himmel wer noch.  

Das findet man in Dresden bei den Freunden der Wettbewerbsordnung gut. Mußte man auch. Schließlich hatte Beisheim auf die Universität einige Krumen von seinem reichgedeckten Tisch fallen lassen (sein Privatvermögen wird auf fünf Milliarden geschätzt). Sehr kleine Krumen. Aber es hätten auch 50 Millionen sein können, wenn die Dresdner Hochschule, die seinerzeit nie Walter-Ulbricht- oder Wilhelm-Pieck-Universität hieß, rechtzeitig auf die Idee gekommen wäre, den Namen des revolutionären Spenders anzunehmen. So wanderten die 50 Millionen zur »Wissenschaftlichen Hochschule« für Unternehmensführung nach Koblenz, die darum seit 1994 Otto-Beisheim-Hochschule heißt. Ein Versuch, dem so Verehrten für ein paar Zehntausender auch einen Ehrensenator an der Universität Mannheim zu verschaffen, scheiterte letztes Jahr am Widerstand der Studenten.  

Die Freiheit der Wissenschaft in Dresden: »Bald begann die planmäßige und intensive Multiplikation der METRO-Idee, die Ende der 60er Jahre auch auf Belgien, die Niederlande und Großbritannien übertragen wird, gefolgt von einer Expansion nach Dänemark, Frankreich, Italien, Österreich. Heute ist die METRO-Gruppe nicht nur in diesen Ländern, sondern auch in Spanien, Portugal, der Türkei, Griechenland, Marokko und der USA tätig.« Das war 1993.  

Und heute die ganze Welt. Die »FAZ« am 23. Mai 1996 über die materielle Gewalt gewordene Idee des Dresdner Ehrendoktors: »Der Metro-Konzern legt seinen ersten Weltabschluß vor.« Zwei Tage zuvor hatte die »Welt angekündigt: »Metro will Weltmarkt erobern.«  

Wer aber ist – vom Ehrendoktor abgesehen – Otto Beisheim nun wirklich?  

Der »Spiegel«, der sich aus früher eigener Erfahrung gut mit SS und SD auskennt, schrieb es 1992: »Einer der wichtigsten Männer der deutschen Medienzunft« – darauf kommen wir auch noch – »gebärdet sich wie ein mafioser Dunkelmann, und kaum jemand weiß, ob das nur eine Marotte ist oder ob es andere Gründe hat. Unter solchen Umständen kann es jedenfalls nicht gleichgültig sein, daß, wie der Springer-Verlag vorletztes Jahr noch einwandte, Beisheim als junger Mann der Waffen-SS angehörte. Mag ja sein, daß dies eine längst vergessene Episode im Leben eines politisch gewandelten Mannes ist. Aber Beisheim hat sich zu seinen politischen Einstellungen bisher nicht geäußert. Er äußert sich überhaupt nicht; für die Zustellung einer gerichtlichen Verfügung war er 1991 über ein halbes Jahr nicht mal für den Gerichtsvollzieher zu erreichen. Wie stünde die deutsche Medienwelt, wie stünde der Axel Springer Verlag mit einem undurchsichtigen Hintermann von solchem Kaliber da?«  

Gemach, der Springer-Verlag stand jahrzehntelang ganz gut da mit einem Chefpropagandisten der Nazis, der 1944 angeregt hatte, »z.B. mit Sprengstoffunden in jüdischen Vereinshäusern und Synagogen« Vorwände zu schaffen für die Deportation der Budapester Juden nach Ausschwitz. SS-Obersturmbannführer Paul Carl Schmidt alias Paul Carell war persönlicher Sicherheitsbeauftragter von Axel Springer bis zu dessen Tod, und Serienschreiber sowohl für den Springer-Verlag wie zuvor für den »Spiegel«.  

Trotzdem, was ist mit der SS-Vergangenheit des Mannes, in dessen Metro-Reich die Sonne nicht untergeht? Woher hatte Beisheim das Geld, um sein Imperium aufzubauen?  

Der Medienexperte Michael Radtke hat nachgeforscht. Beim »Mann ohne Gesicht«, bei Otto Beisheim, entdeckte er eine »Leerstelle in seiner Biographie«. Eine Lücke klafft zwischen 1941 und 1949. Radtke: »Erst nachdem Ende Oktober 1949 die Entnazifizierung in Nordrhein-Westfalen aufgehoben wird, und man wieder ohne lästige Nachfragen eine Arbeitsstelle annehmen konnte, ist Otto Beisheim wieder zur Stelle.« Beisheim – das immerhin hat Radtke bei seiner intensiven Suche in Archiven herausgefunden – muß bis 1945 Scharführer bei der Waffen-SS, Leibstandarte Adolf Hitler, gewesen sein. Wo aber steckte er bis 1949? Radtke hört von ehemaligen SS-Leuten, die geheimnisvoll andeuten, »der Otto mache das schon«. Was? SS-Leute in Ausland schleusen? Die Recherchen stießen auf eine Mauer.  

Das – und einiges mehr – hat Radtke 1994 in seinem Buch Außer Kontrolle – die Medienmacht des Leo Kirch geschrieben. Was hat Beisheim mit Kirch zu tun, dem Filmhändler, dem Freund des Kanzlers, dem Herrscher über sechs Fernsehkanäle?  

Leo Kirch, der mächtige Medienmann, steht 1989 vor dem Ende: RTL und ARD nehmen ihm keine Filme mehr ab, sogar ZDF-Intendat Stolte, der seinen eigentlich öffentlich-rechtlichen Sender nahezu total abhängig von Kirch gemacht hat, traut sich plötzlich nicht mehr, als bedingungsloser Abnehmer der Kirch-Ware zu erscheinen, und sogar bei seinem Heimatsender SAT1 leistet Springer-Manager Peter Tamm Widerstand gegen die Abnahme der teuren Kirch-Filme. Vor allem aber: seine Bank, die Deutsche Genossenschaftsbank (DG), zieht kräftig an der Kreditlinie, ihr bisheriger Direktor Stefan Ziffzer, zuständig für die hohen Darlehen an die Kirch-Gruppe, wechselt in ebendieselbe und übernimmt am 1. Oktober 1989 als Leiter der neu geschaffenen Abteilung Finanz-, Rechnungswesen und Controlling die Aufsicht über die Gelder der Kirchgruppe.  

Und dann bescheinigt dem Filmhändler auch noch das von ihm angerufene Gericht: »An der Wiedergabe der Äußerung von Axel Springer in der Presse besteht ein berechtigtes Interesse der Öffentlichkeit.« Gemeint ist die von Zeugen bestätigte Äußerung des inzwischen Verstorbenen, Kirch sei ein Krimineller, ein Verbrecher. Nichts geht mehr.  

Das Ende ist nah – doch wo Gefahr, wuchert das Rettende auch. Und das hieß Beisheim.  

Nächstenliebe war es nicht, die den SS-Mann antrieb, Kirch zu sanieren, es war mutmaßlich eine Idee, für die er sämtliche Ehrendoktortitel verdient hätte, die das Anschlußgebiet im Angebot hat. 1964, im selben Jahr, in dem Beisheim die von der Universität Dresden promovierte »METRO-Idee« gebar, erschien erstmals in deutscher Sprache die Strategie im Reich der Wünsche des einschlägigen US-Wissenschaftlers Ernest Dichter mit grundlegenden Erkenntnissen über unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung:  

Wenn wir uns ausschließlich auf die Deckung unmittelbaren und lebensnotwendigen Bedarfs beschränkten, würde unser Wirtschaftssystem buchstäblich über Nacht zusammenbrechen, denn in Konsumtion und Produktion ist es ein System psychologischen Überschusses. Fünfzig Prozent der Bewohner unseres Landes, und vieler anderer Länder, könnten ohne Auto auskommen, achtzig Prozent ohne Fernsehgeräte, Kinos, Alkoholika, Zigaretten und Süßigkeiten. Die wahren Verteidiger einer positiven Lebensanschauung, die echten »Reisenden in Prosperität« und damit der Demokratie, sind alle jene Menschen, die ihr Recht, sich einen neuen Wagen, ein neues Haus, ein neues Radio zu kaufen, vertreten.  

Beisheim muß begriffen haben, daß das Volk nicht nur Rechte einfordern darf, daß es vielmehr auch Pflichten auf sich nehmen muß. 1965 hat nämlich der große nationalsozialdemokratische Soziologe Helmut Schelsky das, was er 1934 eher etwas negativ formuliert hatte (»Wahrer Sozialismus ist es, Leute, die für das Volk ihre Leistung nicht erfüllen oder es gar schädigen, auszuschalten oder sie sogar zu vernichten«) in die menschenfreundliche Sprache unserer marktwirtschaftlichen Ordnung übertragen:  

Die Produktionshöhe der modernen Massenindustrien stellt an den Menschen einen hohen Konsumanspruch, ja legt ihm geradezu eine Konsumpflicht auf, wenn dies auch mit der »sanften Gewalt« der dauernden Wunscherzeugung und des unvermeidlichen Bereitstellens der Erfüllungen geschieht. So tritt der Mensch heute in seiner Freizeit geradezu unter eine der industriellen Arbeitsdisziplin durchaus verwandte industriegesellschaftliche Zwangsgesetzlichkeit: die des gesteigerten Konsums an materieller und geistiger Massenproduktion... –  

also von mehr Autos und von mehr Talkshows. Und das bedeutet Werbung von früh bis spät, und nichts eignet sich dazu besser als kommerzielles Fernsehen. Genau das ist die Vollendung der METRO-Idee, wie sie 1989 geschah, als die Bürger der DDR für ihr Recht, ein neues Auto zu kaufen und den SAT.1-Porno zu sehen, ihre friedliche Revolution machten.  

Während am 20. Dezember 1989 der Westberliner CDU-Chef Eberhard Diepgen die Öffnung des Brandenburger Tors auch für Autos fordert und ab sofort Filialen westdeutscher Banken für das gesamte Gebiet der bald ehemaligen DDR zugelassen werden, vollzieht sich im Steuerparadies der Alpenrepublik »eine Operation, die für den von Bankschulden und stockendem Absatz seiner Spielfilme bedrängten Programmhändler den Befreiungsschlag bringen soll und zugleich die Geschäftspalette von Metro-Gründer Otto Beisheim um eine wichtige Farbe bereichern wird« (Radtke).  

Beisheim gründet die MH Medienhandel. Die rettet Kirch, indem sie drei Tage später für 530 Millionen das Filmpaket kauft, das er nicht loswurde, und verkauft es schon drei Monate später an SAT.1. Beisheim hatte nur einen Parkplatz gegründet. Der Springer-Verlag – man schlägt sich, man verträgt sich – versöhnt sich mit Kirch. Beisheim aber ist jetzt auch im Mediengeschäft, er hat Kirch in der Hand. Was aber gibt es Besseres für das größte Einzelhandelsunternehmen der westlichen Hemisphäre als kommerzielle Fernsehsender, die Tag und Nacht ihre Zuschauer an ihre Konsumpflicht erinnern und daran auch noch verdienen. So greift eine Hand in die andere. Was er in dieser einmaligen Kombination von Werbung und Warenverteilung mit der einen ausgibt, bekommt er in die andere zurück.  

Die verstärke Expansion in den Osten wurde in den drei Hauptversammlungen schon angekündigt. Eine nach Süden steht wohl auch bevor. Niemand wird es überraschen, wenn Berlusconi, dem ein längerer Gefängnisaufenthalt bevorsteht, seine Kaufhauskette an Metro und seine Fernsehsender an Kirch – und damit letztlich auch an Beisheim – verkaufen wird.  

Und da ist noch etwas, was auf die letztendliche Privatisierung der zuckenden Reste staatlicher Ordnung hinweist. Die »Süddeutsche Zeitung« titelte schon zu Jahresbeginn: »Metro bastelt an der steuerfreien Gesellschaft.« Wovon wohl jeder Bürger einmal träume, das werde für die Metro letztlich Wahrheit: die »Zero-Tax-Company«. Gruppenweit werde die Metro auf »einen Verlustvortrag von sage und schreibe rund 3,5 Milliarden zurückgreifen« können. Allein die Fusion mit der Deutschen SB-Kauf hatte dazu in der letzten Mai-Woche mit zwei Milliarden beigetragen.
 

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