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14.09.2012 14:14

REVISION

Regie: Philip Scheffner; Deutschland 2012 (Realfiction); 106 Minuten; ab 13. September im Kino

Sie hätten die beiden rumänischen Roma für Wildschweine gehalten, behaupten zwei deutsche Jäger, nachdem sie am 29. Juni 1992 Grigore Velcu und Eudache Calderar in einem Getreidefeld nahe der deutsch-polnischen Grenze erschossen haben. Ein Jahr nach dem Vorfall beginnt der Prozeß gegen die Todesschützen. Ermittlungsfehler und Schlampereien verschleppen das Verfahren. Die Geschosse, die man am Tatort fand, könnten keiner der verwendeten Jagdwaffen eindeutig zugeordnet werden, heißt es in einem erst drei Jahre später eingereichten Gutachten. Sieben Jahre nach den tödlichen Schüssen, die in deutschen Medien allenfalls am Rande als »Jagdunfall«, bei dem »Schlepper« und »Menschenhändler« ums Leben gekommen seien, Erwähnung finden, werden die Angeklagten freigesprochen.

Philip Scheffner rekonstruiert 20 Jahre später mit seiner aufrüttelnden Dokumentation »Revision« eine Geschichte, die öffentlich nie erzählt wurde. Er befragt Zeugen, Angehörige und Funktionsträger der ermittelnden Behörden. Dabei fixiert die Kamera ihr Gegenüber. Wir sehen den Interviewten zu, wie sie eine Aufnahme anhören, die die eigene Aussage aus einem Vorgespräch wiedergibt. Nur die Mimik kommentiert das Gesagte. Wie in einem Verhör fragt der Regisseur, nachdem er das Band gestoppt hat, ob sie ihre Einlassungen ändern oder ergänzen möchten. Der bürokratische Ton eines Anwalts, der im Prozeß einen der Schützen vertreten hat, verrät die ganze Wahrheit: Hier geht es um die Verwaltung von Sachen mit menschlicher Kennung.

Scheffner unterbricht diese Interviews durch stumme Aufnahmen weitläufiger Landschaften, die doch keinen Fluchtpunkt bieten, weil sie unter dem Eindruck der Erzählung beinahe bedrohlich wirken. Die Hinterbliebenen, kommt im Gespräch mit Scheffner heraus, haben von einem Gerichtsverfahren nichts gewußt. Über das, was sich im Juni 1992 ereignete, hat man sie nie informiert. Die deutschen Behörden schickten einer der Familien statt dessen die Leiche in einem Zinksarg nach Rumänien.

Einige derer, die damals mit Grigore Velcu und Eudache Calderar nach Deutschland kamen und mit ansehen mußten, wie die beiden auf dem Feld verbluteten, waren später in der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen untergebracht und entkamen dem deutschen Mob, der dort im August 1992 aufmarschierte, nur knapp.

– Philipp Schmidt –

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