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Aus der Volkssubstanz

21.06.2012 14:46


Im Herbst 2008 warnte die Anti Defamation League vor einem Erstarken antisemitischer Tendenzen im Zuge der Finanzkrise. Sie begründete ihre Warnung mit einer Vielzahl von Artikeln in US-amerikanischen, südamerikanischen und europäischen Printmedien und Internetforen, in denen im Kontext der Auseinandersetzung mit der Finanzkrise mehr oder weniger offen antisemitische Ressentiments artikuliert wurden. Diese reichten von antisemitischen Stereotypen wie den »raffgierigen Juden « bis hin zu Weltverschwörungsthesen, die durch eine spezifische Verknüpfung von Antisemitismus, Antiamerikanismus und Israelfeindschaft gekennzeichnet sind. Tenor: Die Juden respektive das »Weltjudentum« sind für die Krise verantwortlich. Vor diesem Hintergrund haben wir in den Jahren 2009 bis 2011 in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien am Institut für Konfliktforschung eine Studie zu den österreichischen Printmedien mit der Absicht durchgeführt, herauszufinden, inwiefern in den Debatten um die Krise antisemitische Ressentiments zum Ausdruck kamen. Wir haben uns dabei auf die Tages- und Wochenzeitungen »Kurier«, »Neue Kronen Zeitung«, »Der Standard«, »Die Presse«, »Profil«, »News« und »Format« konzentriert.

Was die Beschreibung der Ursachen und Auslöser der Krise betrifft, lassen sich unterschiedliche Darstellungsformen unterscheiden, die sich meist überschneiden.

 Zum ersten die Darstellung der Krise als Naturereignis und -katastrophe: Häufig verwendete Metaphern sind etwa »tobender Tsunami«, Erdbeben oder Großbrand; in neoliberaler Sicht erscheint der Finanzmarkt hier mitunter auch als »wildes Tier«, das zwar schwer im Zaum zu halten sei, dessen »Urkräfte« aber produktiv genutzt werden könnten. Sodann wird in biologisierender Manier die Krise auf eine als unveränderlich angenommene menschliche Natur zurückgeführt, deren innerstes Kennzeichen die Gier sei.

 Zum zweiten die Beschreibung der Krise als Ergebnis eines ihr zugrundeliegenden allgemeinen Moral- und Werteverlusts: Gier, Geiz, Regellosigkeit und Indifferenz werden hier als Formen  gesellschaftlicher und individueller »Dekadenz« präsentiert. Diese Darstellungen operieren wesentlich mit der Gegenüberstellung von Gut und Böse, indem etwa ein »echtes Unternehmertum« mit einer  Gierökonomie« kontrastiert wird. Auf der metaphorischen Ebene äußert sich dies in Vergleichen »echter  nternehmer « mit Honigbienen, während »Zokker «als Heuschrecken erscheinen. Nicht selten findet sich in diesem Zusammenhang auch eine religiöse Rahmung, indem etwa der Finanzkapitalismus als Götzendienst bezeichnet wird. Häufig gehen diese Gegenüberstellungen mit einer unvermittelten Kontrastierung von Finanz- und Realwirtschaft einher, wobei letztere als »echt«, »bodenständig« und »authentisch« erscheint, während die Finanzwirtschaft als international, abgehoben und undurchschaubar vorgestellt wird.

 Zum dritten die Erklärung der Finanzkrise als Ausdruck systemischer Mängel: Auch hier ist der Ausgangspunkt oft ein »guter«, »produktiver « Kapitalismus, während das Finanzkapital, das einer »Gierökonomie« und einem »Kasinokapitalismus« Vorschub leiste, für Mängel und Defizite verantwortlich gemacht wird. Es finden sich jedoch auch neoliberale Interpretationsangebote, welche die Ursache der Krise in einem zu großen Einfluß des Staates auf die Ökonomie oder im Sozialstaat als solchem ausmachen.

 Zum vierten wird die Krise auch als Konsequenz des Handelns bestimmter Akteure, Institutionen beziehungsweise kryptisch konstruierter Gruppen gezeichnet. Dieser Beschreibungstypus kreist um (US-)Hochfinanz, Großfinanzgruppen, Finanzhaie, Spekulanten, Zocker, Konzerne, Manager, Banken, Börsen. Werden solche Gruppen als Hauptschuldige an der Krise dargestellt, nimmt die Argumentation nicht selten verschwörerischen Charakter an.

Auffällig ist an all diesen Darstellungsformen die frappante Ausblendung des kapitalistischen Produktionsverhältnisses. Der Kapitalismus, durch immanente Strukturgesetze notwendig krisenhaft, wird in den medialen Ausführungen durchweg reduziert auf beziehungsweise gespalten in einen Finanz- und einen Produktionsbereich. Die  Berichterstattung zur Krise ist dominiert durch den Ausfall von Reflexion darauf, daß unter Finanzkapital ein abstraktes, nicht an einzelne Personen zurückzubindendes Machtverhältnis zu verstehen ist, in dem sich Bank- und Industriekapital verschränken. Statt dessen werden zumeist dem Finanzsektor zugerechnete Einzelne bzw. vage Gruppen für die Krise verantwortlich gemacht. Dadurch geraten die Gesamtheit und die Durchdringung einzelner Sphären der globalisierten Wirtschaft aus dem Blick, und es entsteht der Eindruck, als läge es in der Macht Einzelner, die Weltwirtschaft in den Abgrund zu führen.

Antisemitische Erklärungsmuster versuchen die österreichischen Medien bei der Krisendarstellung möglichst zu vermeiden. Mit Ausnahme des auflagenstärksten Blattes, der »Neuen Kronen Zeitung«, hat man sich vor offenem Antisemitismus gehütet; man vermied Stereotype wie »raffgierige Juden« oder »Weltjudentum «, ja selbst die bloße Erwähnung von Juden oder Judentum im Zusammenhang mit der Krise unterblieb. Wohl aber fanden sich im Rahmen der allgemeinen Krisendarstellungen häufig Erwägungen, die auf der semantischen und argumentativen Ebene Assoziationen zu antisemitischen Stereotypen wachriefen, ohne den Zusammenhang zu explizieren.

Anhand theoretischer Überlegungen zu den Strukturen und Motivationen des Antisemitismus haben wir, ausgehend vom empirischen Material, einen Katalog von Themen beziehungsweise Diskurssträngen erstellt, die für sich genommen nicht unbedingt antisemitisch sein müssen, die jedoch, wenn sie in bestimmten Konstellationen verdichtet auftreten, was häufig der Fall ist, deutlich antisemitisch codiert sind beziehungsweise antisemitische Ressentiments implizit bedienen und abrufen. Als wesentliche Marker, über welche Antisemitismus verdeckt transportiert wurde, ließen sich nationalistische und völkische Ideologeme in Verbindung mit einer falschen, weil verkürzten Kapitalismuskritik sowie Weltverschwörungstheorien und Antiamerikanismus herausarbeiten. Wie schon die allgemeinen Typen der Krisendarstellung treten auch diese Momente selten isoliert voneinander, sondern meist in unterschiedlichen Konstellationen und Kombinationen auf. Je vermittelter die Typen auftreten, um so mehr scheint die Interpretation gerechtfertigt, daß unter der Oberfläche der Argumentation  Antisemitismus bedient wird.

Verdeutlichen läßt sich dies etwa an der Verwendung des Terminus »Hochfinanz«, der nicht selten eine unreflektierte Aufspaltung des kapitalistischen Produktionsverhältnisses in Finanz- und Produktionssphäre anzeigt. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn die »Hochfinanz« als Quasiperson gefaßt wird, der sodann, als asymmetrischer Gegenbegriff, das »Volk« entgegengesetzt wird. Es zeichnet sich hier eine Personalisierung abstrakter Herrschaftsverhältnisse ab, derer sich der moderne Antisemitismus traditionell bediente.

Vor allem in der »Neuen Kronen Zeitung« finden sich zahlreiche, einander durchgängig ähnliche Metaphernszenarios um Hochfinanz und Volk, welche die ausschließende  Gegenüberstellung von Fremdem und Eigenem repräsentieren. Während das Fremde/Andere, mit der Hochfinanz identifiziert, als unproduktiv, gierig, betrügerisch, schmarotzend, raffend, international, künstlich, unauthentisch und unverwurzelt charakterisiert wird, steht das Volk für das Eigene, dem (implizit) die jeweils entgegengesetzten Attribute zugeschrieben werden.* Die Hochfinanz, als einheitlicher Block imaginiert, wird einem ebenso homogen konstruierten Volk gegenübergestellt. Wesentlich ist dabei auch die ausschließende Kontrastierung von  internationalem und Nationalem, der jene von bedrohlichem Fremden und bedrohtem Eigenen korrespondiert. Die Finanzsphäre wird als antinationales Element gezeichnet, das die nationale Einheit zerstören würde. Ganz im Sinne nationalistischer und völkischer Ideologie extrapoliert solcher Diskurs das den Kapitalismus bestimmende Ausbeutungsverhältnis und deklariert dieses als ein fremdes, von außen kommendes Unheil. Man gibt sich vordergründig kapitalismuskritisch, um das kapitalistische System um so ungebrochener beibehalten zu können.

Während hier  Antisemitismus nicht offensichtlich sein mag, jedoch auf einer latenten Ebene bedient wird, finden sich in unserer Beispielsammlung auch Fälle einer offenen Identifizierung der als betrügerisch gefaßten Hochfinanz mit jüdisch konnotierten Figuren. In einem Leserbrief vom 17. Mai 2009, unkommentiert abgedruckt in der »Neuen Kronen Zeitung«, heißt es: »Die Hochfinanz hat für sich vorgesorgt und hat die USA und die gesamte Welt dank der Federal Reserve (Fed), des privaten Bankenkartells unter Führung der beiden Großfinanzgruppen Rothschild und Rockefeller, noch im Griff. Reibach in Krisen und Kriegen. John F. Kennedy wollte die Fed verstaatlichen – doch vor Einbringung des Gesetzes wurde er ermordet.«

Nicht nur durch die Nennung Rothschilds wird hier die Assoziation von Hochfinanz und Judentum wachgerufen, sondern auch auf der semantischen Ebene, indem das aus dem Hebräischen stammende Wort Reibach verwendet wird. Bedeutet das Wort ursprünglich einfach nur Gewinn, hat es in der österreichischen, v.a. Wiener Alltagssprache auch die negative Bedeutung eines unrechtmäßigen und mit unlauteren Mitteln erworbenen hohen Profits. Das Wort ist  Allgemein als »jüdisches« Wort verständlich und verstärkt so die durch das semantische Feld rund um »Hochfinanz« und »Großfinanzgruppen Rothschild und Rockefeller« schon hervorgerufene Identifizierung von Finanzsphäre und Judentum. Auffällig ist in dieser Passage außerdem die weltverschwörerische Andeutung, daß jüdische Akteure hinter der Ermordung Kennedys gestanden hätten.

Das zentrale Ergebnis der Studie, daß nämlich zunächst eine weitgehende Vermeidung antisemitischer Stereotype in allen untersuchten Medien, mit Ausnahme der »Kronen Zeitung «, festzustellen war, verlangt genaues Hinsehen. Denn auch wenn offener Antisemitismus in den Medien einem beinahe durchgängig wirksamen Tabu unterliegt, so ist doch aus der Antisemitismusforschung der Kritischen Theorie bekannt, daß Antisemitismus auch durch andere Ideologien transportiert werden kann, hinter denen er seine Wirksamkeit beibehält. Dieser Mechanismus ist im Hinblick auf den Nationalismus in der »Kronen Zeitung« deutlich, in anderen Medien abgeschwächt belegbar. Der Nationalismus fungiert dabei nicht nur als Deckideologie, sondern ist selbst schon  Zuinnerst verwoben mit antisemitischen Momenten. Ähnliches läßt sich im Hinblick auf das Ineinandergreifen von Antisemitismus und Sexismus beziehungsweise bestimmter Genderkonstruktionen beobachten. Hier wird auch abseits der »Kronen Zeitung« das Tabu der offenen Thematisierung des Jüdischen im Zusammenhang mit der Finanzkrise durchbrochen.

Ein Beispiel: Als bekannt wurde, daß die österreichische Bankerin Sonja Kohn Komplizin des wegen Milliardenbetrugs zu 150 Jahren Haft verurteilten US-amerikanischen Finanz- und Börsenmaklers Bernard Madoff sei, entspann sich eine Debatte in österreichischen »Qualitätsmedien«, in der das Thema »Judentum« offen thematisiert wurde. Völlig ohne Bezug zur Krise wurde ausführlich über Kohns jüdische Identität sinniert: »Die Tochter jüdischer Flüchtlinge« trüge »ihre auffällige  Perücke angeblich aus religiösen Gründen« (»Die Presse «). Das »Wirtschaftsblatt« wußte über ihre angeblich »aggressive und nicht zu bändigende Persönlichkeit, die ein Nein als Antwort nicht akzeptiert«, zu berichten und fügte hinzu, daß Kohn »mit einer bauschigen Perücke und einer kampflustigen Persönlichkeit ... unter den diskreten europäischen Privatbankern aufgefallen « sei. »Daß Kohn Jüdin ist, spielt eine gewisse Rolle, hat doch Madoff, ebenfalls Jude, vor allem seine Glaubensgenossen dazu überredet, in seine Fonds zu investieren«, konnte man schließlich in der »Kleinen Zeitung« lesen. Indem hier eine als eindeutig jüdisch konnotierte Weiblichkeit thematisiert wurde, gelang es, das Szenario um Betrug und internationale Finanzwelt insgesamt als jüdisch zu zeichnen. Hieran zeigt sich, daß mit Geschlechterbildern Antisemitismus transportiert werden kann.

Resümierend läßt sich festhalten, daß die Finanzsphäre eindeutig für die Krise verantwortlich gemacht und in der »Neuen Kronen Zeitung« mehr oder weniger verdeckt mit dem Judentum in Verbindung gebracht oder gar identifiziert wird. Als effektives Vehikel, das Tabu des offenen Antisemitismus zu umgehen, erwies sich ein mit nationalistischen und völkischen Ideologemen durchzogener Diskurs, während dort, wo Genderkonstruktionen im Vordergrund standen, das Judentum auch offen und medienübergreifend im Zusammenhang mit der Finanzkrise thematisiert wurde.

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