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Der Schacht

Der düstere spanische Sci-Fi-Horrorfilm verfolgt seine zentrale Idee mit einer diabolischen Konsequenz. Von Tim Lindemann

Regie: Galder Gaztelu-Urrutia; mit Iván Massagué, Antonia San Juan; Spanien 2019; 94 Minuten; Netflix

 

Die abstrakten Ausbeutungsmechanismen des Kapitalismus in futuristischen Strukturen zu verbildlichen, ist eine der großen Stärken des Science-Fiction-Genres. So steht der düstere spanische Sci-Fi-Horrorfilm »Der Schacht« in der Tradition parabelhafter Genre-Einträge wie »Snowpiercer«, »High-Rise« und »Cube« sowie den vergangenen Großtaten Terry Gilliams. In »Der Schacht« steht ein brutalistisches Betongefängnis im Fokus, das sich unterirdisch kilometertief erstreckt. Auf jeder der zahllosen Ebenen befinden sich zwei Gefangene. Jeden Tag fährt eine mit Essen beladene Plattform durch die Ebenen. Befindet man sich weiter oben, ist die Verpflegung gesichert. Auf beispielsweise Ebene 150 sieht es deutlich dramatischer aus. Der Mangel an Nahrung führt in kürzester Zeit zu Gewalt und Kannibalismus.

Dieser simple, aber effektive Debütfilm des Spaniers Galder Gaztelu-Urrutia verfolgt seine zentrale Idee mit einer diabolischen Konsequenz, wie man sie im Genrefilm seit dem ersten Teil der »Saw«-Reihe nicht mehr gesehen hat. Im Gegensatz zu den reaktionären Selbstjustiztendenzen jener Horrorsaga aber ist »Der Schacht« ein linkes Projekt. Denn, so stellt sich nach einiger Zeit heraus, genug Essen für alle ist theoretisch vorhanden – nur macht die hierarchische und zugleich willkürliche Struktur des Gefängnisses den solidarischen Akt, der zur Verpflegung aller notwendig wäre, so gut wie unmöglich. Als Kollektiv könnten alle überleben – aber dazu bräuchte es zunächst Rebellion.

Für schwache Gemüter ist der Film kaum zu empfehlen: Nach und nach erkundet der Protagonist – der Neuinsasse Goreng – die unteren Level des Schachts und trifft dabei erwartbar auf eine Welt, aus der jegliche Menschlichkeit verschwunden ist. Die sich daraus ergebenden verstörenden Szenen stehen allerdings stets im Dienst des filmischen Anliegens und werden nicht unnötig ausgewalzt. Gleichzeitig setzt der Film auf ein beeindruckend bedrückendes Setdesign sowie auf einen hervorragenden Cast, der dieses mehrdimensionale Kammerspiel mit Leben füllt. Wie vielen Filmen seiner Art gelingt es auch »Der Schacht« nicht so recht, ein zufriedenstellendes Ende für sein Gedankenspiel zu finden. Dennoch überzeugt er als kleiner, fieser Horrorfilm mit wütend schlagendem Herzen.

Tim Lindemann