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Da 5 Bloods

Spike Lees neuer Film könnte kaum besser in diese Zeit passen. Tim Lindemann hat den Film, den Netflix im Programm hat, gesehen.

Regie: Spike Lee; mit Delroy Lindo, Clarke Peters; USA 2020; 154 Minuten; Netflix

 

 

Der wütende Tenor von Spike Lees neuem Film könnte kaum besser in diese Zeit passen. Vier afroamerikanische Kriegsveteranen reisen darin nach Vietnam, um von dort die sterblichen Überreste ihres gefallenen Kameraden Norman zurückzuführen. Außerdem hoffen sie, einen Goldschatz wiederzufinden, den sie dort vor über 40 Jahren versteckt haben. Die Suche konfrontiert die Freunde sowohl mit den Dämonen ihrer Vergangenheit als auch mit gefährlichen neuen Gegenspielern. Eine Auseinandersetzung mit dem komplexen Verhältnis schwarzer Soldaten zum militärischen Imperialismus der USA wirkt besonders drängend in einem Jahr, in dem der amerikanische Präsident droht, schwarze Bürgerrechtsproteste von der Armee niederschlagen zu lassen. Eine rote »Make America Great Again«-Kappe nimmt im Film nicht von ungefähr eine zentrale Rolle ein, obwohl er vor den derzeitigen Protesten fertig wurde.

Lee hat sich der schwarzen Perspektive auf den Kriegsdienst schon einmal genähert: Der Zweite-Weltkriegs-Film »Miracle at St. Anna« gehört allerdings mit seiner stereotypen Figurenzeichnung und kitschigen Story zu den Tiefpunkten einer umfangreichen Filmografie. Davon abgesehen steht eine Beschäftigung mit dem imperialistischen Vietnam-Krieg naturgemäß unter gänzlich anderen Vorzeichen als ein Film über den Kampf gegen den Faschismus. Einer der zentralen Angriffspunkte von »Da 5 Bloods« besteht deshalb in dem zynischen Paradox, dass sich schwarze Amerikaner für diesen offensichtlich unrechten antikommunistischen Krieg opfern mussten, während sie in der Heimat selbst gegen rassistische Unterdrückung kämpften und bis heute kämpfen.

Muhammad Alis berühmte Absage an den Vietnam-Krieg stellt der Regisseur darum ganz an den Anfang des Films: »Mein Gewissen lässt es nicht zu, irgendwo arme hungernde Brüder im Namen des großen Amerika zu erschießen.« Andererseits ermöglichte der Kriegsdienst Afroamerikanern eine mehr als seltene gesellschaftliche Anerkennung – Lees Protagonisten sind allesamt gespalten zwischen trotzigem Stolz und erdrückender Schuld. Die mögliche, aber unerfüllte Solidarität zwischen den vietnamesischen Opfern des US-Imperialismus und den schwarzen Soldaten reflektiert Lee in einer der besten Szenen: Eine Rückblende imaginiert eine nordvietnamesische Propaganda-Radiosendung, in der die Sprecherin diesen Gewissenskonflikt direkt anspricht und den »schwarzen Kameraden« daraufhin einen Song von Marvin Gaye widmet.

Solche inspirierten Momente, die gekonnt zwischen Satire und Drama pendeln, gibt es in der ersten Hälfte des Films zur Genüge. Lee macht dabei kein Hehl aus seinen großen Vorbildern: Das Kinoplakat zu »Apocalypse Now« ziert gleich zu Beginn eine Disco, in der die selbsternannten »Bloods« Paul (Delroy Lindo), Otis (Clarke Peters), Eddie (Norm Lewis) und Melvin (Isiah Whitlock Jr.) ihr Wiedersehen feiern; etwas später fragt Melvin, ob sich die anderen noch an diese coolen »Rambo«-Filme erinnern. Tatsächlich inszeniert der Regisseur die Rückblenden zum Kriegsgeschehen beinahe als Parodie reaktionärer Hollywood-Streifen wie »Rambo II« und »Das dreckige Dutzend«: Da wird in heroischer Pose aus dem MG geballert, Vietcongs fallen wie die Fliegen, und das Kunstblut spritzt wie in Stanley Kubricks »Full Metal Jacket«. Allerdings ist immer klar, dass Lee hier die verklärten Erinnerungen der alten Männer visualisiert, die er im Verlauf des Films entzaubert.

Die Besetzung seiner vier Protagonisten ist zweifellos Lees größter Coup. Die Chemie, die von Anfang an zwischen den alten Freunden besteht, verleiht dem komplexen Plot einen emotionalen Kern. Einer sticht dabei besonders aus der Gruppe heraus: Delroy Lindos Performance als schwer traumatisierter Paul, der zum glühenden Trump-Anhänger mutiert ist, überzeugt auf ganzer Linie. Stets scheint unter seiner machohaften Oberfläche eine destruktive Mischung aus Wut und Schmerz zu brodeln, seine aggressiv zur Schau gestellte rote »Make America Great Again«-Kappe wird zum Symbol seiner Verirrung. Seit Jahrzehnten kennt man Lindo als kompetenten Charakterschauspieler und Nebendarsteller – mit diesem Film erweist er sich einer zentralen Rolle, die immer extremere Emotionen durchläuft, mehr als gewachsen.

Auch er kann »Da 5 Bloods« allerdings nicht gänzlich vor einer enttäuschenden zweiten Hälfte retten, in der einige weniger positive Kennzeichen von Lees etabliertem Stil zum Vorschein kommen. Wie im Vorgängerfilm »BlacKkKlansman« führt der Regisseur hier etwa abrupt eine eindimensionale Frauenfigur ein, deren Aktivismus als Gegengewicht zu den eigensinnigen Protagonisten fungieren soll. In diesem Fall ist das die französische Minenräumerin Hedy (Mélanie Thierry) – eine Rolle, für deren Geschichte Lee sich ganz offensichtlich nicht interessiert und die so zur Stichwortgeberin verkommt. Als ebenso flach erweisen sich die vietnamesischen Charaktere: Der Versuch, die Einseitigkeit zahlloser US-Kriegsfilme zu durchbrechen, ist prinzipiell lobenswert, wirkt aber letztlich wie ein Lippenbekenntnis.

Die letzte halbe Stunde dieses überlangen Films zieht sich schließlich über mehrere Showdowns, Schießereien und überflüssige Monologe. Die drängende Wut über das grausame »Verheizen« schwarzer US-Soldaten im Vietnam-Krieg und den gleichzeitigen »Krieg« gegen die schwarze Bevölkerung daheim kommt »Da 5 Bloods« dabei abhanden. Besonders sauer stößt schließlich der lässige Umgang mit explizitem historischem Bildmaterial auf, der schon in »BlacKkKlansman« irritierte. Hier baut Lee Videoclips von der Exekution Nguyễn Văn Léms, der Selbstverbrennung des Mönchs Thích Quảng Đuc sowie der Flucht des »Napalmmädchens« Phan Thi Kim Phuc ein, deren unkommentierte Verwendung in einem Spielfilm einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt.

Tim Lindemann