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For Sama

Egal, ob zwei kleine Jungen, vielleicht sieben und drei Jahre alt, die voller Dreck am Körper den über Staub und Blut bedeckten leblosen Körper ihres kleinen Bruders in ein improvisiertes Krankenhaus bringen oder ob es um ihre eigene kleine Hochzeit geht - Waad al-Kateab hält rücksichtslos die Kamera auf alles und jeden um sich herum. Denn ihr Ziel war es, den Syrien-Krieg ohne jegliche Verschleierungen zu filmen. Dies ist ihr gelungen.

Regie: Waad al-Kateab und Edward Watts; GB/USA 2020 (Filmperlen); 100 Minuten; ab 5. März im Kino

Mit der simplen Idee, die Youtuber seit Jahren nutzen, um mit sogenannten Vlogs einfachen Content zu produzieren, hat die heute mit ihrer Familie in London lebende Regisseurin Waad al-Kateab alles aus ihrem Alltag in Aleppo gefilmt und zeigt mit „For Sama“, dass nichts daran einfach war. Die Umstände, unter denen sie ihr Videotagebuch gedreht hat, bringt Waad al-Kateab einem in ihrem Film extrem nahe. Mit den Aufnahmen, die insgesamt fünf Jahre dauerten, begann sie 2012, zu Beginn einer jungen Revolution, voller Hoffnung, dass man das terroristische Regime stürzen könnte. Den Fokus legt sie auf ihr eigenes Leben und das ihrer Freund*innen, von Anfang an Mitkämpfer*innen der Revolution. Als die Lage eskaliert, beginnen sie damit, ein Krankenhaus (Dreh und Angelpunkt des Films) umzubauen, um dort verletzte Demonstrant*innen und Zivilist*innen ärztlich zu versorgen. Doch über den Film hinweg zeigt sich, wie die zu Anfang geplante Revolution der jungen Menschen, sich immer mehr zu einem Stellvertreterkrieg entwickelt und tausende Bürger*innen dem Krieg zum Opfer fallen, wie das Explodieren der Bomben und das Begraben der Opfer alltäglich wird. Einmal zeigen die oft verwackelten Handkameraaufnahmen ein kleines im Sonnenlicht glitzerndes Ding, das langsam vom malerisch blauen Himmel fällt und wenige Sekunden später als riesiger roter Feuerball explodiert und alles um sich herum zerstört.

Mit dem Krieg entwickelt sich auch Waad al-Kateab. Sie wird von einer jungen Studentin zur Mutter. Selbst als ihre Tochter Sama geboren wird, hört sie nicht auf zu filmen und zu kämpfen sondern ist umso motivierter, nicht aufzugeben. Sie widmet Sama den Film, spricht sie aus dem Off immer wieder an. So gibt sie den Zeitsprüngen zwischen vor und nach Samas Geburt einen Rahmen. Al-Kateab ermöglicht ihrem Publikum Eindrücke, die über das Schockiertsein über Gewalt und Krieg und die Berichte der internationalen Presse hinausgehen und lässt zu, dass sich der/die Zuschauer*in an der ein oder anderen Stelle mit ihr identifiziert. Neben Trauer, Wut und Verzweiflung zeigt sie die freudigen Momente ihres Lebens, beispielsweise Freunde beim Witzeln oder alte Männer beim Schachspielen, die sich darüber unterhalten, dass ein langer Hals ein langes Leben bedeute und einer daraufhin erwidert „Ja, und Assad ist eine Giraffe.“

Einziges Manko ist die oft viel zu pathetische Musik, die den sonst so klaren und für sich sprechenden Film kitschig wirken lässt und der Zuschauer*in bestimmte Gefühle aufzwingen will. Das sollte nicht davon abhalten, sich den Film anzugucken. Man sollte sich aber bewusst sein, dass das, was syrische Bürger*innen täglich sehen und erleiden müssen, nicht leicht zu verkraften ist.

Minu Lintermann