VON konkret

Anfang 2011 jubelte die deutsche Öffentlichkeit: Die Massen Nordafrikas hätten sich erhoben, um in Ägypten, Tunesien, Libyen … die Diktatur ab- und die Demokratie anzuschaffen. Doch schon im Herbst 2011 erschien der Erfolg dieses Projekts fraglich: Die Lage in Libyen, so ist im noch im selben Jahr erschienenen konkret-texte-Band Despotendämmerung zu lesen, werde immer unübersichtlicher: »Wer in dem schwer zu durchschauenden Geflecht aus wenigen Menschenrechtlern, einigen im Westen geschulten Neoliberalen, vielen frommen Traditionalisten und nicht zuletzt auch militanten Islamisten in Tripolis die Oberhand behalten wird, lässt sich kaum prognostizieren, zumal zahllose dubiose, aber schwer bewaffnete Milizen die Lage weiter verkomplizieren.« Die Lage in Ägypten war kaum besser: Dort habe das Militär auch nach dem Sturz Mubaraks den Staat fest im Griff.

Im Juni dieses Jahres ist nun auch der letzte Hoffnungsträger des sogenannten Arabischen Frühlings gescheitert. Ein Referendum ratifizierte eine Reform der tunesischen Verfassung, die Präsident Saied nicht nur weitgehende Rechte einräumt, sondern auch die Islamisierung Tunesiens ermöglicht. Zur tunesischen Verfassungsreform sprach konkret mit dem Generalsekretär der tunesischen Partei Al-Massar, Faouzi Charfi (Seite 34). Medien weisen auf die geringe Wahlbeteiligung hin. Trotzdem ist davon auszugehen, dass die Rückkehr zum Islamismus den Willen der Bevölkerungsmehrheit abbildet. Schwulen- und Frauenrechte liegen nur selten im Volkswillen, es sei denn, sie gehen mit dem Versprechen auf ein besseres Leben einher.

Kurz vor Druckabgabe erreichte die Redaktion dieser Nachtrag von Florian Sendtner zu seinem Artikel in konkret 8/22:

Gab es in den vergangenen Jahrzehnten irgendeinen Sparkassen-, Frühstücks- oder Sportdirektor, der nicht in einer wegweisenden Rede Walter Benjamin zitierte? Oder zumindest glaubte, das zu tun? Es war also unausweichlich, dass auch das Deutsche Panzermuseum sich 2016 ein Walter-Benjamin-Zitat auf seine Fahnen beziehungsweise auf seine Außenmauern schrieb. Walter Benjamin im Zeitalter seiner beliebigen Zitierbarkeit. Und wenn’s nur dazu gut ist, dass sich irgendwelche Linken drüber mokieren.

Voilà. Der Satz ist immerhin richtig zitiert: »Wer aber den Frieden will, der rede vom Krieg.« Er stammt aus Walter Benjamins vernichtender Besprechung des 1925 erschienenen Buchs Flügel der Nike. Buch einer Reise von Fritz von Unruh. Das war’s dann aber auch schon. Alles andere ist falsch. Nicht nur, weil es kein richtiges Zitat auf einem falschen Museum gibt. Sondern weil die umständliche Erklärung zum »Benjamin-Zitat« auf der Internetseite des Deutschen Panzermuseums nur so strotzt vor Lächerlich- und Peinlichkeiten. Da wird Benjamin (»Wer war der Mann?«) als »einer der großen Denker des 20. Jahrhunderts« umgarnt. Ein unbeholfen zusammengestoppelter Text, der gegen die intellektuellen Kriegsgegner, wie Benjamin einer war, gerichtet ist, und der den renommierten Namen, den er für sich reklamieren will, noch nicht mal richtig wiederzugeben vermag (»Walter Benjamins« im Nominativ). Ebenso scheitert er an der korrekten Nennung des Titels von Benjamins Kunstwerk-Aufsatz. Was halt so herauskommt, wenn man aus der Luke eines deutschen Wehrmachtspanzers heraus Walter Benjamin posthum nochmal ins Visier nimmt.

Das ist jetzt ungerecht? Das Deutsche Panzermuseum hat doch immerhin verstanden, dass es bei Benjamins Kunstwerk-Aufsatz irgendwie um die »Aura« geht. Und dabei ist »dieser Begriff bis heute ein zentraler Begriff der Museumsarbeit«! Von der Panzermuseumsarbeit zu schweigen! Es steht zu vermuten, dass Walter Benjamin, wenn er »Kunstwerk« sagte, »Panzer« meinte, und dass er nichts anderes als das 1983 (also auf dem Kulminationspunkt von Kohls »geistigmoralischer Wende«) eröffnete Deutsche Panzermuseum vor Augen hatte, als er 1935 »den Begriff der ›Aura‹ herausarbeitete«, denn welches Kunstwerk strahlte eine überwältigendere Aura aus als der zumal deutsche Kampfpanzer?

Keine Frage, dass das Deutsche Panzermuseum das »Benjamin-Zitat« benutzt, um den eigenen Friedenswillen zu beteuern. Staatlich finanzierte Kriegsverherrlichung? Gott bewahre! »Wir reden vom Krieg, weil wir den Frieden wollen.« Ja sicher! Wie heißt es bei Benjamin, unmittelbar vor dem feindlich übernommenen Satz? Da steht: »Die eigne Friedensliebe zu betonen, liegt denen nahe, die den Krieg gestiftet haben.«

Walter Benjamin meint damit Fritz von Unruh, der im August 1914 in einem Gedicht dazu aufforderte, »die Welt zusammenzuhaun«, wobei er insbesondere Paris als Ziel nannte. Wenige Jahre nach vollbrachtem Millionenmord reiste derselbe Herr von Unruh nach Paris und erging sich in rührseligen Friedensphantasien, was als 400seitiger Erguss im erwähnten Buch mündete. »Denn«, schreibt Benjamin, »weiter als die Dummheit dieses Buchs reicht die spiegelgeile Eitelkeit des Verfassers«, und das passt recht gut auf das Deutsche Panzermuseum, das sich in roter Farbe einen echten Walter Benjamin auf die Fassade pinseln ließ, um intellektuell für alle Zeiten aus dem Schneider zu sein. Denn weiter als die Dummheit dieses Museums reicht die spiegelgeile Dreistigkeit, sich das eigne Menetekel auf die Fassade geschrieben zu haben.