Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit

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Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit

Regie: Yulia Lokshina; mit Inge Bultschnieder, Peter Kossen und Alexander Klessinger; Deutschland 2020; 96 Minuten; ab 22. Oktober im Kino

 

 

»Corona wirkte am Anfang seiner Ausbreitung wie eine Art Kontrastmittel, mit dem das, was übersehen wurde, plötzlich nicht mehr übersehen werden konnte«, sagt Regisseurin Yulia Lokshina zur plötzlichen medialen Aufmerksamkeit für das Schweinesystem der Fleischindustrie. Erst die zahlreichen Infektionsfälle lenkten den Blick von Öffentlichkeit und Politik auf die Lebensbedingungen der zumeist osteuropäischen Arbeiter/innen, die auf der Basis sogenannter Werkverträge beschäftigt werden (konkret 7/20). Lokshina drehte »Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit« allerdings schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie als Abschlussarbeit an der Hochschule für Fernsehen und Film München und erhielt dafür Anfang 2020 den Max-Ophüls-Preis für den besten Dokumentarfilm. Doch ins Kino wäre der Film ohne Corona vermutlich leider nicht gekommen.

Betont langsam entfaltet der Film die Episoden seiner Geschichte. In Rheda-Wiedenbrück, dem Sitz der Firma Tönnies, wo täglich circa 30.000 Tiere geschlachtet werden, begleitet Lokshina die Arbeiter/innen und vor allem auch die Aktivistin Inge Bultschnieder bei ihrem täglichen aussichtslosen Kampf. Ihre Aussagen lässt die Regisseurin für sich stehen. Sie lässt dem Zuschauer viel Raum, um Gesagtes und Gesehenes aufzunehmen, und verzichtet auf Schockbilder. Den Arbeitsalltag hätte sie ohnehin nicht realistisch einfangen können: Selbst wenn Tönnies ihr eine Drehgenehmigung erteilt hätte, wären nur vom Fabrikanten choreografierte Bilder entstanden. Auch die bekanntermaßen desolaten Unterkünfte der Arbeiter/innen werden nicht voyeuristisch vorgeführt. Ihre Geschichten sind schlimm genug.

Inge Bultschnieder, die die Interessengemeinschaft WerkFAIRträge gegründet hat und sich für die Rechte der Arbeiter/innen einsetzt, ist häufig resigniert: Seit 2012 kämpfe sie einen Kampf, den sie, das hätten ihr alle immer wieder gesagt, nicht gewinnen könne. Zwar hätten einige überregionale Medien in den vergangenen Jahren über die Arbeitsbedingungen bei Tönnies berichtet, nicht aber die lokalen Medien im Kreis Gütersloh. »Mit Tönnies wollte sich ja niemand anlegen«, sagte Bultschnieder der »Emma«. Sie sah sich Anfeindungen ausgesetzt, weil sie sich für eine rumänische Arbeiterin einsetzte, die aus Angst vor Arbeitslosigkeit ihre Schwangerschaft verheimlichte, allein in einer Garage ihr Kind zur Welt brachte und dieses, vermutlich unter Schock, aussetzte. Die Frau wurde zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt, das Kind zur Adoption freigegeben. Lokshina räumt dieser Episode viel Raum ein und begleitet Bultschnieder mehr als zehn Minuten lang dabei, wie sie den Weg der Arbeiterin durch die Straßen Rheda-Wiedenbrücks nachvollzieht.

Das Geschäftsmodell von Tönnies – es ist das der gesamten Fleischindustrie – funktioniert nicht zuletzt durch Rassismus. Im Juni machte der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet (CDU), unfreiwillig deutlich, was er von den Arbeiter/innen hält, als er freudig erklärte, dass es nur »16 (Corona-)Übertragungen in die Bevölkerung« gegeben habe. Hinzu kommt der Alltagsrassismus der deutschen Bevölkerung. Wer will sich schon für ein paar Rumänen und Bulgaren mit einem wie Clemens Tönnies anlegen? Und schließlich der Rassismus der Arbeiter/innen selbst: Im Film kommt ein litauischer Arbeiter zu Wort, der verkündet, er würde sich zusammen mit seinem litauischen Nachbarn Kameras anschaffen, um die Wohnwagen, in denen sie leben, gegen rumänische Einbrecher zu schützen.

Ein weiterer Handlungsstrang führt in den nationalen Kontext: Die Schüler/innen eines Münchner Gymnasiums proben Die heilige Johanna der Schlachthöfe von Bertolt Brecht. Auf die Idee sind sie, wenig überraschend, nicht alleine gekommen, sondern durch Lokshina, die gezielt nach einer Schule und einem Lehrer suchte, die dieses Stück für das Filmprojekt einstudierten. Entsprechend unmotiviert wirken die Schüler/innen – zur Freude der Kamera, die ihr Gähnen und die ausdruckslosen Blicke einfängt. Sie widersetzen sich mit jugendlicher Renitenz konsequent den Versuchen ihres Lehrers, sie zu irgendeinem Engagement, zu irgendeiner Regung zu bewegen, sei es gegen das Schweinesystem oder auch nur dagegen, dass sie ein »krass linksradikales, marxistisches Stück« spielen sollen. Ihre Lethargie spiegelt die Gleichgültigkeit der Gütersloher und der restdeutschen Bevölkerung gegenüber Mensch und Tier. The kids aren’t alright.

Wo es sie gibt, verhallt die kapitalismuskritische Botschaft hinter Vereinfachungen und Betroffenheit. Eine Lokalpolitikerin fabuliert davon, dass Fleisch mehr kosten müsse, aber dies aus der Gesellschaft kommen müsse, denn mit Planwirtschaft hätten »wir« schlechte Erfahrungen gemacht. Trotz des coronabedingten kurzzeitigen Aufschreis der Medien ist die Hoffnung auf Veränderung illusorisch. Auch teures Biofleisch wird unter ähnlichen Bedingungen »gewonnen«, und die Fleischindustrie läuft Sturm gegen das angekündigte Verbot von Werkverträgen in der Schlachthofbranche – möglicherweise bis nach Karlsruhe, wo diese Branchenregelung durchaus gekippt werden könnte. Die naheliegende Forderung, Werkverträge gleich ganz zu verbieten, erheben immer noch nur die, denen schon vor Corona niemand zugehört hat. Regisseurin Yulia Lokshina drückt es so aus: »Die Ausbeutung war jahrelang grundlegender Baustein der Unternehmenspolitik und Teil der Unternehmensethik in diesen Betrieben. Das ändert sich nicht mit einem Schlag und erst recht nicht von alleine.«

Johannes Creutzer