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»Kampf dem System«

Für einen Beitrag zum 75. Jahrestag der Explosion des Luftschiffs Hindenburg hat die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« einen NS-Massenmörder abgeschöpft.

Von Philipp Osten

Am 6. Mai 1937 explodierte das Luftschiff Hindenburg bei seiner Landung in Lakehurst/New York. Bei der vom Berliner Propagandaministerium kuratierten Trauerfeier versank der Hamburg-Pier des New Yorker Hafens in einem Meer von Hakenkreuzfahnen und Trauerflor. Hinter jedem Sarg stand als Totenwache ein schwarz uniformierter SS-Mann mit gerecktem rechten Arm.

Aus diesem Anlaß gedachte vor wenigen Wochen die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« (»FAS«) des 75. Jahrestags des Unglücks mit einem Beitrag über das letzte noch lebende Besatzungsmitglied. Etwa ein Viertel seines Beitrags schrieb der Redakteur des politischen Teils aus dem Buch Kabinenjunge Werner Franz vom Luftschiff Hindenburg ab, das der SA-Standartenführer Walter Freiherr von Medem (1887–1945) 1938 im Auftrag des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda verfaßt hatte. Artig setzte Redakteur Philip Eppelsheim die Zitate in Anführungszeichen. Mehr als 80 Zeilen übernahm er wörtlich. Den Hinweis auf ihren Urheber sparte er sich. Dabei ist das »Jungenbuch« aus dem Jahr 1938 in dem Artikel abgebildet. Für das »FAS«-Layout wurde allerdings eine Cover-Abbildung verwendet, auf der die Hakenkreuze entfernt worden waren, die einst acht Meter groß auf den Heckflossen des Luftschiffs geprangt hatten. Außerdem wurde das Buchcover so beschnitten, daß oben der Name des Autors verschwand und unten der des Schneider-Verlags, der mit Jugendbuchklassikern wie Kinder was wißt ihr vom Führer? (1933), Horst Wessel. Künder und Kämpfer des Dritten Reiches (1933), Horst der Panzerschütze (1936), Flieger gegen England (1939), Utz kämpft für Hitler (1940), Sybille und ihr Soldat (1940), Immer voraus! Flandern 1940 (1941), Stoßtrupp in Polen (1940), Wir sahen den Führer! (1941) oder Hanni und Nanni (1965) und Bibi Blocksberg (2012) stets am Puls der Zeit ist. Kinder lieben Schneider-Bücher.*

Walter Freiherr von Medem, dessen Namen die »FAS« ihren Lesen vorenthielt, war einer der bekanntesten deutschnationalen Journalisten der zwanziger Jahre. 1919 befehligte er das Freikorps Medem, eine im Baltikum mordende Söldnertruppe, zu der auch Albert Leo Schlageter gehörte.

Im Buch Kabinenjunge berichtet er über seine erste Begegnung mit dem 14jährigen Protagonisten seiner Propagandaschrift: Wir sagen uns den Hitlergruß, und ich sehe in ein offenes, beinahe zartes Jungengesicht. ... In der Tiefe dieser blauen, anständigen Kinderaugen liegt etwas, was auch meine jüngsten Freiwilligen im Freikorps hatten, wenn sie aus Kämpfen ums Leben herausgekommen waren. ... Da habe ich Werner Franz nach seinem Leben gefragt. Aus Kameradschaft, nicht aus Neugierde. Ich habe vorher von meinem Leben erzählt, vom Freikorps, von Schlageter und unseren Kämpfen um Deutschland. Nun war zwischen uns das Vertrauen der Kameradschaft.

Wen Kinderaugen an die Visagen seiner vom Morden heimkehrenden Söldner erinnerten, der empfahl sich für eine »rechtsradikale Bilderbuchkarriere«, die der Freiburger Historiker Stephan Malinowski Medem attestiert. 1923 ließ Medem den von den Franzosen hingerichteten katholischen Jungnazi Schlageter mit großem Pomp nach Freiburg umbetten. Seine zehntausendfach gedruckte Grabrede An Schlageters Bahre stellte er unter das Motto: Heldenverehrung ist Ehrfurcht und Wille zur Tat. Medem war Architekt des Heldenkults, der den Ruhrkampf-Terroristen zu einem nationalsozialistischen Christus stilisierte. 1924 schloß sich Medem dem Stahlhelm an, der 1933 in die SA überführt wurde.

Seine publizistische Heimat fand der Freiherr zunächst als politischer Kommentator beim »Deutschen Adelsblatt«. Bereits 1929, anläßlich der Weltrundfahrt der Graf Zeppelin, dienten ihm Luftschiffe als Sinnbilder für nationale Kraft. Medem empörte sich, daß der deutschen Republik Verkehrsminister versuche, das epochale Ereignis des Zeppelinflugs zu entnationalisieren und es zu einer Angelegenheit der Menschheit und des Weltbürgertums zu machen. ... Sie hören nicht das Donnern der Motoren, mit denen Deutschland den Erdball bezwang. Sie merken noch nichts davon, wie mit diesem Fluge das Lügennetz der deutschfeindlichen Propaganda zerrissen wird. Im selben Artikel stellt Medem die Außenpolitik Stresemanns als neurasthenisch dar. Seine Thesen münden in dem Aufruf: So gehört zu dem Kampf …, den jetzt die nationale Front von Hitler, Hugenberg bis Stelte führt, auch der Kampf gegen das System.

Als Reaktion auf den Artikel beschloß das Reichskabinett, genau einen Monat vor Stresemanns Tod, daß eine gleichzeitige Mitgliedschaft im Diplomatischen Corps und in der Adelsgenossenschaft, als deren Zentralorgan Medems »Adelsblatt« diente, miteinander unvereinbar seien. Das »Adelsblatt« führe einen derart vergiftenden Kampf gegen den bestehenden Staat, daß er schlechterdings mit den Pflichten eines Beamten gegen seinen Chef unvereinbar sei, steht im Protokoll der Kabinettssitzung vom 3. September 1929. Selbst Reichswehrminister Groener befahl daraufhin 500 Offizieren, aus dem Adelsverband auszutreten.

War es lediglich ein sprechender Zufall, daß die indirekte Medem-Apologie der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« ausgerechnet in jener Ausgabe erschien, in der die mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amtes betrauten Historiker Conze, Frei, Hayes und Zimmermann über die vergangenheitspolitisch motivierten Aktenvernichtungen des Außenministeriums berichteten? Oder sollte die Heldengeschichte aus brauner Zeit einen entsprechend gestimmten Leserkreis für die Zumutungen des Feuilletons entschädigen? Dafür spricht nicht zuletzt die Polemik des »FAZ«-Historikers und Ex-Legationsrats Rainer Blasius, der drei Wochen später (»FAZ«, 31. Mai) den Artikel der Historikerkommission als »Kreuzzug gegen das Archiv des Auswärtigen Amts« geißelte.

1937 veröffentlichte Medem eine Sammlung seiner Leitartikel aus der Zeit der verhaßten Republik: Diese Betrachtungen schildern wohl das System in seiner Verworfenheit, seinem feigen Pazifismus, in seinem jüdisch-liberalistischen Weltbürgertum; sie geißeln die schamlose Prostitution des Weimarer Parlamentarismus und seines Parteienwirrwarrs, seiner würdelosen Außenpolitik nationalen Verzichts. ... Sie setzen das Führerprinzip gegen den Parlamentarismus ... und atmen in der Grundstimmung das Fronterleben des großen Krieges. Medem nannte sein Buch Kampf dem System als Chronist. Da war er längst beim Hugenberg-Kampfblatt »Der Tag« – als Hauptschriftleiter, wie Chefredakteure von Gnaden des Propagandaministeriums genannt wurden. Medems Reichsschrifttumskammerakte offenbart seine vielfältigen Aktivitäten für das PROMI, wie Goebbels’ Ministerium im internen Jargon firmierte. Mal diente er seinem Minister als Filmdramaturg, mal als politischer Redner, mal als Reiseschriftsteller und mal als Jungenbuchautor (Stürmer von Riga, 1935, Fliegende Front, 1942).

Mit Beginn des Rußlandfeldzuges erreicht Medems politische Karriere ihren Höhepunkt. Sein enger Freund Alfred Rosenberg, Chefideologe des »Dritten Reichs« und Verfasser des pseudophilosophischen antisemitischen Standardwerks Mythus des 20. Jahrhunderts, das biologistische Rassentheorien mit religiösen Phantasien vermengt, wird Reichsminister für die besetzten Ostgebiete. Rosenberg macht Medem am 25. Juli 1941 zum Gebietskommissar von Jelgava (Mitau), jener Region, in der das Freikorps Medem 1919 gekämpft hat. Zwischen dem 12. und dem 29. Juli 1941 wird die jüdische Bevölkerung der einst florierenden, 50 Kilometer südwestlich von Riga gelegenen Handelsstadt Jelgava ermordet. Deutsche Polizeibataillone und ein von der NS-Presse angestachelter Mob arbeiten dabei Hand in Hand. In Gruppen von 40 Personen werden Männer, Frauen und Kinder in den Wald und auf den jüdischen Friedhof getrieben und vom Einsatzkommando 2 des Reserve-Polizeibataillons 9 erschossen.

In dem barocken Stadtpalast von Jelgava regiert nun Gebietskommissar Walter Freiherr von Medem. 21 Überlebende des Massakers läßt er festnehmen und nach Riga in den Tod deportieren. »Mitau – Judenfrei« war das erste Schild, das wir sahen, als wir in die Stadt fuhren, berichtet Max Kaufmann 1947 in seinem Buch über die Vernichtung der lettischen Juden.

Nach der Ermordung der jüdischen Bevölkerung wirbt Medem für die Tötung der Insassen von Heil- und Pflegeanstalten nach dem Muster der NS-»Euthanasie«. Zwischen dem 30. August und dem 5. September 1941 werden zuerst jüdische Patienten zu einer Ausfallstraße getrieben und erschossen. 400 Opfer sind dokumentiert.

König von Kurland wollte Freiherr von Medem von seinen Untertanen genannt werden. Als im November 1944 sowjetische Truppen nahten, floh er durch die Hintertür des Barockschlosses von Jelgava. Als sein Todesdatum gilt der 9. Mai 1945.

Über das weitere Schicksal des »Kabinenjungen« Werner Franz berichtet die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung«: Er … ging schließlich zur Luftwaffe. Bordfunker: »Das war auch eine schöne Zeit.« Ob die wenigen Zitate des mittlerweile 89jährigen, die nicht aus dem Buch von 1938 stammen, in einem aktuellen Gespräch mit dem »FAS«-Redakteur fielen oder ob sie, wie Textübereinstimmungen nahelegen, aus älterem Material zusammengesetzt sind, wollte der Autor nicht offenbaren. Meine Fragen zu seinem fragwürdigen Umgang mit Quellen und NS-Tätern habe er an den Justitiar seines Blattes weitergeleitet.                                             

 

* Kursive Passagen sind Buchtitel und Zitate.

 

Literatur

Bundesarchiv Berlin, Sammlung Berlin Document Center, Akten der Reichskulturkammer.

Wolfgang Benz, Konrad Kwiet, Jürgen Matthäus (Hg.): Einsatz im »Reichskommissariat Ostland«. Dokumente zum Völkermord im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944. Berlin 1998

Wolfgang Curilla: Die Deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrussland 1941–1944. Paderborn 2006

Andrew Ezergailis: The Holocaust in Latvia 1941–1944. Washington/Riga 1996

Sven Jüngerkes: Deutsche Besatzungsverwaltung in Lettland 1941–1945. Konstanz 2010

Max Kaufmann: Churbn Lettland. Die Vernichtung der Juden Lettlands. München 1947

Georg H. Kleine: »Adelsgenossenschaft und Nationalsozialismus«. In: »Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte« 26 (1978), S. 100–143

Alexander Kruglov: »Jelgava«. In: Geoffrey Megargee (Hg.): The United States Holocaust Memorial Museum Encyclopedia of Camps and Ghettos. Vol. II: Ghettos in German Occupied Eastern Europe, Teil B. Bloomington 2012, S. 1006–1007

Stephan Malinowski: Vom König zum Führer. Sozialer Niedergang und politische Radikalisierung im deutschen Adel zwischen Kaiserreich und NS-Staat. Berlin 2003

Matthias Sprenger: Landsknechte auf dem Weg ins Dritte Reich? Zu Genese und Wandel des Freikorpsmythos. Paderborn 2008

 

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