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Wir brauchen keine Erlaubnis

24.04.2017 11:43

Erinnerungen der ArbeiterInnen von Fiat-Mirafiori

Regie:  Pier Milanese, Pietro Perroti, mit:  Pietro Perroti, Italien 2014, 95 Minuten, deutsche Fassung seit Frühjahr im Kino;

nächste Termine: 27.4. Marburg (Capitol Kino), 28.4 Frankfurt a. Main (Landungsbrücken); wirbrauchenkeineerlaubnis.blogsport.de

 
Am 25. April 1985, dem 40. Jahrestag der Befreiung Italiens vom Faschismus, kündigt Pietro Perroti mit folgenden Worten seinen Job bei den Fiat-Mirafiori-Werken in Turin: „Ich wähle diesen politisch bedeutsamen Tag, um euch mitzuteilen, dass ich meine Freiheit wieder in Besitz nehme."

Perroti zog im Sommer 1969, wie Abertausende andere auch, nach Turin, um dort in der einstmals größten Automobilfabrik Europas, den Mirafiori-Werken, Arbeit zu finden. Dank einer in die Fabrik geschmuggelten Kamera liefert der Protagonist und Regisseur des Dokumentarfilms „Wir brauchen keine Erlaubnis“ authentische Einblicke ins Innere dieses sonst hermetisch abgeschirmten Mikrokosmos. Originalaufnahmen innerhalb des eine Million Quadratmeter umfassenden Werksgeländes mit seinen knapp 60.000 Arbeiterinnen und Arbeitern, versinnbildlichen dabei auf eindrucksvolle Weise die Realität der tayloristischen Fabrikarbeit: Unendlich weite Fabrikhallen, vollgestellt mit lärmenden Maschinen und endlos langen Förderbändern, die Karosserien von einem Montageschritt zum nächsten transportieren; die gesamte Szenerie untermalt vom ohrenbetäubenden Lärm der alltäglichen Produktion.

Auch wenn die Fabrik in erster Linie ein Ort der Ausbeutung und der Entfremdung gewesen ist, wie Perroti im Film betont, sei sie gleichzeitig jedoch immer auch „ein Ort des Zusammenkommens und des Sozialen gewesen“. Ein Ort, an dem zu dieser Zeit das neue politische Subjekt des Massenarbeiters/der Massenarbeiterin entsteht. Deren anfangs erfolgreichen Kämpfen in den siebziger Jahren, angefangen mit der Durchsetzung der 40-Stunden-Woche über bezahlten Bildungsurlaub bis hin zur großen Niederlage 1980, bei der die Gewerkschaftsführung den streikenden Arbeitern und Arbeiterinnen in den Rücken fiel, setzen Perroti und Pier Milanese mit ihrem Film ein Denkmal.

Originalaufnahmen von Betriebsversammlungen, monatelangen Streiks und Blockaden legen Zeugnis davon ab, mit welcher Entschlossenheit und Ausdauer die Arbeiter/innen dem Kapital einst Zugeständnisse abringen konnten, die heutzutage als teilweise selbstverständlich gelten – beziehungsweise, im schlimmsten Fall der ständigen Bedrohung ausgesetzt sind, wieder rückgängig gemacht zu werden. Der Film legt aber auch Zeugnis davon ab, wie die traditionellen Vertretungsorgane die selbstbewusst vertretenen Interessen der Arbeiter/innen, die sich längst nicht mehr auf die Verhältnisse im Inneren der Fabrik beschränkten, zugunsten der Sozialpartnerschaft verraten und somit einen erheblichen Teil dazu beigetragen haben, der italienischen Linken eine historische Niederlage beizufügen.

Die erst im Frühjahr mit deutschen Untertiteln versehene Dokumentation lässt sich am besten zusammenfassen mit den abschließenden Worten Perrotis, der selbst Teil all dieser Auseinandersetzungen gewesen ist: „Ich habe außergewöhnliche Menschen kennengelernt, die ich nicht vergessen werde. Von vielen kannte ich nur den Namen, von anderen den Nachnamen, unter all den anderen nannten wir uns ganz einfach GenossInnen. Mit ihnen habe ich Freude und Bitterkeit geteilt, Hoffnungen und Enttäuschungen, den Traum verfolgend, eines Tages die Fabrik und die Gesellschaft zu ändern."

 

Joel Schmidt

 

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