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The Wolf of Wall Street

16.01.2014 15:00

Regie: Martin Scorsese; mit Leonardo DiCaprio, Jonah Hill; USA 2013 (Universal); 179 Minuten; seit 16. Januar im Kino

Man kann noch so viel wissen über Mechanismen und Metaphysik des Kapitalismus, über den Fetisch, dem er dient, und die Lüge, mit der er die Welt beherrscht – wirklich verstehen, warum die Menschheit sich diesen Riesenirrsinn antut, wird man damit noch nicht. Es ist deshalb recht hilfreich, sich gelegentlich mit der Vita jener zu beschäftigen, die vom Kapitalismus alles erfüllt bekamen, was er verspricht, das heißt, mit dem Leben der Tellerwäscher, die zu Millionären wurden.

Das US-Kino, die führende Propagandamaschine des Weltkapitalismus, hat von seinen frühen Tagen an solche Biographien präsentiert, und mit welcher hypnotischen Kraft! Sie erwächst nicht zuletzt daraus, daß Selfmade-Nabobs im amerikanischen Film ziemlich oft ziemlich schlecht wegkommen. Der Bürger Kane und Tony Montana, Gordon Gekko und Michael Corleone: lauter von Gier, Egoismus und Eitelkeit getriebene Männer, die schließlich in dem Nichts versinken, das dem Kapitalisten alles bedeutet. Der ebenso publikumswirksame wie perfide Trick solcher Filme wie »Little Cesar«, »Giant« oder »Wall Street« liegt darin, die Verkommenheit des Subjekts als individuellen moralischen Makel zu verkaufen, das System selbst jedoch nie in Frage zu stellen. Daß Reichtum den Charakter verderben kann, wird zugegeben; daß ein Charakter, der nach nichts als Reichtum strebt, vom Kapitalismus verdorben sein könnte, nicht mal angedeutet.

»The Wolf of Wall Street«, der neue Spielfilm von Martin Scorsese, bricht mit der systemkonformen Bigotterie so spektakulär und rücksichtslos, wie man es vom bedeutendsten Regisseur unserer Zeit erwarten durfte, jedoch in dieser Form nicht mehr erwartet hat – nicht nach einem schwermütigen Melodram wie »Shutter Island« und einer Kino-Elegie wie »Hugo«. Die wahre Geschichte von Jordan Belfort, der mit krummen Börsengeschäften ebenso schnell ein gigantisches Vermögen aufstapelte, wie er dank seines Größenwahns alles wieder verzockte, enthält reichlich Stoff für eine große moralische Lektion. Aber genau darauf verzichtet Scorsese. Statt dessen hat er den komischsten Film seines Lebens gedreht.

Hochempathisch übernimmt er die schiefe Perspektive seines Helden und läßt ihn unwidersprochen Sätze wie diesen in die Kamera sagen: »Geld macht einen zum besseren Menschen.«Oderdiesen: »Ihr Geld war in meinen Taschen besser aufgehoben – ich wußte einfach besser, wie man es ausgibt.« Darin, im Bescheißen und Verprassen, schwelgt der Film gemeinsam mit seiner Hauptfigur, und es fällt schwer, diesen Junkie und Sexisten mit dem Gewissen einer Hyäne nicht schon nach ein paar Minuten ins Herz zu schließen. Das liegt an der Begeisterung, mit der Belfort das Register seiner Sünden offenlegt, an Leonardo DiCaprio, der in dem smarten Mistkerl die Rolle seines Lebens gefunden zu haben scheint, und natürlich an Martin Scorsese, der viel zu klug und katholisch ist, um sich für eine edlere Seele zu halten: »Von solchen Typen distanziert man sich gern. Aber in Wahrheit sind sie gar nicht so anders. So sind wir. Das bin ich, und das bist du.«

Jordan Belfort beginnt seine Laufbahn ganz brav bei einem alteingesessenen New Yorker Börsenhändler. Einer der Veteranen nimmt sich des jungen Mannes an und treibt ihm bald die Flausen aus, für irgendwelche Kunden ein loyaler Berater sein zu wollen. Um Geld geht es und mehr Geld und darum, möglichst viel davon aufs eigene Konto umzuleiten. Außerdem verrät erBelfortdie beiden Schlüssel zum Erfolg: Kokain und exzessives Wichsen. Kurz darauf beendet der Börsencrash von 1987 Belforts Karriere als ordentlicher Broker. Er hat allerdings mittlerweile genug von seinem Mentor gelernt, um es jetzt mit einem Start-up als unordentlicher Dealer zu versuchen, und zwar für »Penny-Stocks«, Aktien, die so niedrig notiert sind, daß sie in den Indizes der Börsen nicht auftauchen und daher ideale Objekte für gewiefte Spekulanten abgeben. UndBelfortist ein sehr begabter Spekulant.

Noch ausgeprägter aber ist sein Talent als Verkäufer. Weil er mittlerweile kapiert hat, daß in einer kapitalistischen Welt das Geld an sich einen Reiz entfaltet, der alles andere verblassen läßt, füttert er die Menschen, die er ausnehmen will, mit bombastischen Gewinnverheißungen, bis sie Zeugs erwerben, das sie bei etwas Überlegung nicht mal mit der Kneifzange anrühren würden.Belfortschart schnell ein Rudel gleichgesinnter Zocker und Halsabschneider um sich, und schon nach wenigen Jahren ist seine Agentur Stratton Oakmont das führende Betrugsinstitut im amerikanischen Aktiengeschäft. So absurd wie die Geschäfte der Firma, so grotesk geht es in der Zentrale zu: Zur Entspannung veranstaltet man »Zwergenwerfen«, bestellt Prostituierte gleich in Busladungen und wirft sich alles ein, was aufputscht und enthemmt. Zwischendurch hält der Chef Ansprachen, die wirken wie Erweckungspredigten, was kein Wunder ist, denn sie drehen sich um den Gott schlechthin: Geld. »Es war obszön«, gibtBelfortaus dem Off zu, »in der normalen Welt. Aber wer wollte da schon leben?«

Man kann sich das tatsächlich fragen angesichts der 50-Meter-Yacht Jordan Belforts, seines 100-Zimmer-Palasts, seiner Ferrari-Sammlung und nicht zuletzt seiner zweiten Ehefrau Naomi, gespielt von der fast verboten schönen Margot Robbie. Wenn das alles für Geld zu haben ist, das und ein Leben ohne irgendeine soziale Verantwortung, ein Leben, in dem Triebbefriedigung jederzeit verfügbar und mit den richtigen Drogen auch ständig ein Trieb vorhanden ist: warum nicht so werden wie Jordan Belfort? Nur weil er am Ende alles verliert?

Der Regisseur überläßt es dem Zuschauer, diese Frage für sich selbst zu beantworten. Nicht allein darin ähnelt »The Wolf of Wall Street« seinem Chef d’oeuvre »GoodFellas« von 1990. In beiden Filmen erscheint nichts verlockender als das Leben eines Kriminellen – »Wolf« bietet gleichsam die White-Collar-Version von »GoodFellas«. Deshalb auch ist der neue Film gepflastert mit Anspielungen auf den Vorgänger und entwickelt in Montage und Kameraführung gleichfalls ein Tempo, für das die Helmpflicht gelten sollte. Die Verführungsmacht des Kapitalismus war noch nie so eindrucksvoll, sein Aberwitz selten so lächerlich auf der Leinwand zu sehen. Kein anderer als Martin Scorsese konnte das hinkriegen. Es hätte sich auch kein anderer getraut.

– Kay Sokolowsky –

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