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The Promise - Die Erinnerung bleibt

17.08.2017 13:05

Regie: Terry George; mit Oscar Isaac, Charlotte Le Bon; USA 2017 (Capelight); 133 Minuten; ab 17. August im Kino

Vor 102 Jahren rettete ein französisches Kriegsschiff über 4.000 Menschen vor dem Tod. Armenische Dorfbewohner hatten sich auf dem Berg Musa Dagh verschanzt und wehrten mehrere türkische Angriffe ab, bis sie endlich mit dem Kreuzer vor ihren Peinigern fliehen konnten.

Der österreichische Schriftsteller Franz Werfel war der erste, der den Völkermord des Osmanischen Reichs an den Armeniern im Ersten Weltkrieg künstlerisch verarbeitete. Sein Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh erschien 1933, als sich die Deutschen gerade zu einem Genozid rüsteten, der den der Türken an den Armeniern noch übertreffen sollte. Hitler soll sich auf die osmanischen Greueltaten bezogen haben, als er von der Ausrottung der Juden träumte. Mehreren Zeugen zufolge fragte er in einer Ansprache 1939 am Obersalzberg: »Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?«

Keiner natürlich. Schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg hat sogar Atatürk, der gegen den Genozid eingetreten war, mit einigen der alten Schlächter paktiert. Eine ähnliche Gnade erhoffte sich der Führer der Deutschen für seinen Völkermord: Wäre der Sieg erst mal errungen, dachte er, fiele die Vernichtung der jüdischen »Gegenrasse« fröhlich unter den Tisch. Bei manchen tut sie’s in der Tat bis heute noch.

Das systematische Gemetzel kostete zwischen 1909 und 1918 Schätzungen zufolge bis zu 1,5 Millionen Armenier das Leben. Jahrzehntelang war das Thema außerhalb armenischer und politisch interessierter Kreise wenig relevant. Zurück kehrte es unter anderem durch die Popkultur. Die US-Alternative-Metaller System of a Down, alle mit armenischen Wurzeln, thematisieren den Genozid seit ihrem Debütalbum. Zwar ist die Band kommerziell erfolgreich, doch verfügt sie musikalisch über ein solch großes Überraschungs- und Verstörungspotential, dass ihre Ästhetik dem Thema angemessen scheint.

Anders ist es bei Terry Georges Historienschinken »The Promise. Die Erinnerung bleibt«. Der Spielfilm zielt von vornherein auf eine immense Breitenwirkung ab – Fluch und Segen zugleich.

Dass es dem nordirischen Regisseur (»Hotel Ruanda«) um die Aufklärung der Massen geht, ahnten auch diejenigen, die den Völkermord an den Armeniern kleinreden oder besser gleich negieren wollen. Noch bevor der Film in den USA gestartet war, verzeichnete das Rating in der Internet Movie Database 70.000mal die Höchstwertung und 60.000mal die Tiefstwertung. Dazwischen gibt es nicht viel. Der »Musikexpress« mutmaßte, dass »The Promise« ins Visier türkischer Internettrolle geraten sei, die den Erfolg des Werks durch miese Bewertungen schmälern wollten, weil ihnen die Botschaft nicht gefalle.

Die fällt bei Terry George, der als junger Mann mit den nordirischen Sozialisten sympathisierte, nämlich eindeutig aus: Ja, es gab einen Völkermord an den Armeniern. Ja, er war systematisch geplant. Ja, er war höchstes Unrecht. Und ja, die Deutschen mischten auf Seiten der Bösewichte mit. Erwiesen ist unter anderem, dass deutsche Offiziere an den Plänen für die Deportation der Armenier beteiligt waren. Die Resolution des Bundestags von 2016 zum Thema hat diese Information jedoch geschickt umgangen und nur etwas von der »unrühmlichen Rolle des Deutschen Reiches« geraunt, das das Treiben nicht gestoppt habe.

George kommt deutlicher zur Sache. Seine Darstellung rumpelig singender deutscher Offiziere auf einem Balkon in Konstantinopel ist satirisch deftig und derb. Wäre es eine Szene aus »Monty Python’s Flying Circus«, hätte der Regisseur einen Treffer gelandet. Doch im Kontext des Schmachtfetzens wirkt sie fast ein bisschen deplaziert, so, als stolpere Judah Ben-Hur in dem Filmepos von 1959 als verdurstender Gefangener über einen Eimer Wasser, lande mit dem Gesicht im Matsch und verliere dabei die Unterhose.

Das Problem an »The Promise« ist nämlich nicht seine klare, gute und engagierte politische Botschaft, sondern sein Zugeständnis an die Massen. Ein Vergleich mit dem monumentalen »Ben Hur« oder dem Serienschinken »Die Dornenvögel« – wegen der schwierigen romantischen Situation – liegt nicht so fern. Wie in »Ben Hur« dominieren Bilder voller Pathos. Und wie Charlton Heston als Israelitenprinz gerät Oscar Isaac als Armenier Michael von einer Katastrophe in die nächste. In Anbetracht der Verfolgungen, Demütigungen und Ermordungen, denen die Armenier ausgesetzt waren, ist das stimmig und absolut legitim. Wenn Michael jedoch Deportierte aus einem rasenden Zug befreit, zugleich die Fahrt durch einen engen Tunnel und den Sprung in einen tosenden Fluss überlebt – und das alles bei Gewitter –, dann ist das entweder ganz großes Kino oder ganz großer Kitsch.

Überhaupt gibt Michael eine schreckliche Hauptfigur ab. Was ihn so unsympathisch macht, ist nicht, dass er treu und gutherzig ist, sondern sein Kniefall vor alten Traditionen, Versprechen und Verträgen. Kurz: Michael ist ein Kleinbürger. Er verliebt sich in Ana (Charlotte Le Bon), Freundin des tapferen, aber trinkenden (oh, Himmel!) US-Reporters Chris (Christian Bale). Zwar läuft was zwischen den beiden, doch bindet Michael ein Vertrag an seine Verlobte aus seinem alten Dorf. Den löst er schließlich brav ein, doch zum Glück lässt das Drehbuch die nervige Gattin von den Türken ermorden – und macht den Weg frei für das Liebespaar.

Solche Groschenromanwendungen verstellen den Blick in mehrfacher Weise: Sie reduzieren die historischen Ereignisse zu Kulissen. Sie drängen zerrissene Nebenfiguren wie Michaels türkischen Freund Emre (Marwan Kenzari) in den Hintergrund und berauben den Stoff so seines erzählerischen Potentials. Gegen Ende darf Michael eine Rede auf das armenische Volk halten. Das ist in Anbetracht der Geschichte verständlich, hat aber einen unangenehmen Beigeschmack. Völkisches wird mit Völkischem beantwortet. Bleibt nur zu hoffen, dass Terry George durch all seinen Pomp, Kitsch und Klischeebombast eines erreicht: der breiten Masse vom Völkermord an den Armeniern zu erzählen und ein Stück Aufklärungsarbeit zu leisten.

Katrin Hildebrand

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