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Teheran Tabu

16.11.2017 11:06

 "Ali Soozandehs Mut dürfte ... rekordverdächtig sein." Nicolai Hagedorn über »Teheran Tabu« von Ali Soozandeh

Regie: Ali Soozandeh; mit Elmira Rafizadeh, Zar Amir Ebrahimi;  Deutschland/Österreich 2017 (Camino); 96 Minuten; ab 16. November im Kino  

Als mutig gilt es bekanntlich schon, eine Frau in den Mittelpunkt eines Kinofilms zu stellen, insbesondere wenn sie nicht allen Schönheitsidealen entspricht. Als besonders mutig gilt es, Prostitution zu thematisieren, ohne sie als unmoralisch, verdorben oder die Sexarbeiterinnen als Opfer darzustellen. Ali Soozandehs Mut dürfte nach diesen Maßstäben rekordverdächtig sein, denn seine Protagonistin Pari ist nicht nur Prostituierte in Teheran, sie nimmt auch noch ihren fünfjährigen Sohn Elias mit zur Arbeit, ist dabei wehrhaft, klug, lebensfroh und erscheint ebenso als Sympathieträgerin wie als Stimme der Vernunft. Auf die Frage ihrer Freundin, woran man erkenne, welche Drogen ein Mann genommen habe, empfiehlt sie: »Schlag ihn. Wenn er keine Reaktion zeigt, hat er Opium genommen, wenn er anfängt zu lachen, war es Gras, wenn er aufwacht, war es Haschisch. Wenn es Crystal Meth war, fällt er einfach tot um, und wenn er Kokain genommen hat, fängt er an, dich wie ein Verrückter abzuknutschen. Wenn er dich beschimpft, hat er gesoffen, aber wenn er dir so eine runterhaut, dass dir die Zähne rausfallen, ist alles normal. Er ist nüchtern.«

Pari kämpft derweil an allen Fronten. Das Rektorat der nahen Grundschule will Elias nicht aufnehmen, weil sie eine Frist verpasst hat; die neue Nachbarin ist unglücklich schwanger, unglücklich verheiratet, hat bereits zweimal heimlich abtreiben lassen und ist auf der Suche nach Arbeit und Freiheit. Darüber hinaus lernt Pari den jungen Musiker Babak kennen, der auf einer Party eine Frau entjungfert hat, was nun operativ rückgängig gemacht werden muss. Alle brauchen Hilfe, und das Drama nimmt seinen Lauf.

Das Rotoskopie-Verfahren, das mit echten Darstellern eingespielte Szenen abpaust, funktioniert als Verfremdungseffekt hervorragend. Obgleich der Animationsfilm des mittlerweile in Deutschland lebenden iranischen Regisseurs manchmal zu plakativ ist und sich im Plot etwas verzettelt: Durch seine Detailverliebtheit, seinen leisen Humor und seine Ambivalenz (Frauen, die das patriarchale Verhalten internalisiert haben und es reproduzieren, sind Teil des Problems, auch Männer leiden unter den engen, muffigen Verhältnissen, und selbst in den konservativen Familien spiegeln sich die krassen Gegensätze der Neunmillionenmetropole) ist er ein seltenes Kinoerlebnis. Wirklich ein mutiges Debüt.

Nicolai Hagedorn  


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