Aktuelles

aboprämie

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

Spot on

Spot on: Houston

09.12.2013 13:02

Regie: Bastian Günther; Deutschland 2013 (Farbfilm); 107 Minuten; ab 5. Dezember im Kino

„Ich bin richtig neidisch auf Sie.“ Mit diesen Worten entläßt sein Vorgesetzter den Headhunter Clemens Trunschka zu einem Spezialauftrag nach Houston, Texas. Dort, wo der Himmel blau und es immer warm ist. Rückblende: Trunschka bei einer Geschäftsfeier im kleinen Kreis. Ein letztes Glas Wein? Endet im Kontrollverlust und mit einer verzweifelten Ehefrau - hier scheint sich eine bereits bekannte Szene zu wiederholen.

Nun also Texas. Der Auftrag: Steve Ringer, den amerikanischen CEO von Houston Petrol, als neuen Vorstandsvorsitzenden für einen deutschen Automobilkonzern anzuwerben. Schon bevor Trunschka ins Flugzeug steigt, hat der Zuschauer ein mulmiges Gefühl in der Magengegend: der Verlierer, der nicht verlieren darf.

Wie die Geschichte ausgehen wird, scheint programmiert. Es geht dem Regisseur Bastian Günther auch gar nicht darum, einen straffen Spannungsbogen zu verfolgen oder zu überraschen. Sein Thema ist das Scheitern als gesellschaftliches Tabu. Die sterile und kalte Architektur der Geschäftsgebäude und Hochhäuser dieser Stadt, die Übermacht einer Scheinwelt, lassen den von Ulrich Tukur angemessen ausdrucksarm verkörperten Durchschnittsdeutschen, der gern zu den oberen fünf Prozent gehören würde, ohnmächtig und noch stärker in sich selbst gefangen erscheinen als in seiner Heimat. Die räumliche Distanz isoliert ihn um so mehr von seiner Familie und seinen Kollegen, die manchmal mehr Traum als Realität zu sein scheinen. Irritierende Perspektiven, von steil unten oder oben gefilmt, unterstreichen die Handlung, da sie Dinge und Menschen unverhältnismäßig groß oder klein erscheinen lassen. Ein andermal legt Günther Bilder übereinander, als würde er einen analogen Film doppelt belichten: Auf den Autofahrten durch steppenähnliche Landschaften sieht man die Skyline Houstons im Hintergrund und Trunschkas ausdrucksloses Gesicht darüber - all das schafft Atmosphäre und bildet ein Gegengewicht zur kühlen Präzision der Geschäftswelt.

Erschreckend und berührend führt „Houston“ vor Augen, welche Einsamkeit Menschen erfahren können, die nicht „funktionieren“. In seinem letzten Film „Autopiloten“ widmete sich der junge Regisseur und Drehbuchautor einem ähnlichen Thema: Vier Menschen, die versuchen einem längst vergangenen Wunschbild zu entsprechen und daran scheitern, dabei aber wie Trunschka die Fassade, solange es geht, aufrecht erhalten.

Alle Bemühungen, Ringer zu treffen, verlaufen im Sand. Trunschka droht langsam an der Alkoholsucht, die sich aus seiner Erfolglosigkeit und Einsamkeit speist, zugrunde zu gehen. Aber will er überhaupt wirklich ganz nach oben (was auch immer das bedeutet)? Meist scheint er nur als physische Hülle anwesend zu sein, Emotionen, seien sie nun positiv oder negativ, treten nur selten daraus hervor. So paradox es auch klingt, irgendwie sieht man dem Protagonisten gerne beim Scheitern zu. Weil man ihm wünscht, daß er es schafft dieser seelenlosen Welt, diesem Ort zwischenmenschlicher Leere zu entkommen. Dafür scheint sein Scheitern unumgänglich.

- Sarah Nägele -


Zurück