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Sex mit Nazis

22.03.2016 14:08

Das hochambitionierte Projekt der TV-Trilogie zum NSU scheitert an seinen eigenen Ansprüchen.

Von Friedrich C. Burschel

Über fünf Stunden geballten deutschen Fernsehfilmschaffens gibt es Ende März, Anfang April zur Primetime in der ARD zu sehen. Drei abendfüllende Spielfilme und eine Dokumentation sind entstanden, das Thema ist hochaktuell und brisant, und man kann vorweg schon mal sagen: Das haut wieder mal nicht hin. Das hochambitionierte Projekt scheitert an seinen eigenen Ansprüchen.

Jede Folge der Trilogie befasst sich in zeitlicher Chronologie mit verschiedenen Aspekten des NSU-Komplexes: Der erste Teil „Heute ist nicht alle Tage“ nimmt die Genese des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in den neunziger Jahren bis zum ersten Mord im Jahr 2000 in den Fokus, den Opfern der Verbrechen des NSU ist der zweite Film „Vergesst mich nicht“ gewidmet, und in der dritten Episode „Nur für den Dienstgebrauch“ stehen die behördlichen Ermittler im Mittelpunkt.

Die gute Nachricht zuerst: Der Film über die Opfer der NSU-Verbrechen ist ein Film für die Betroffenen geworden, für die Hinterbliebenen der Ermordeten und die bei den drei bekannten Bombenanschlägen Verletzten. Endlich. Es ist ein berührender Film entstanden, der unter die Haut geht und einlädt, sich in die Betroffenen rechten Terrors hineinzuversetzen. Dieser Teil basiert auf dem ebenfalls sehr ergreifenden Buch Schmerzliche Heimat von Semiya Şimşek, der Tochter des mutmaßlich ersten Mordopfers des NSU, Enver Şimşek. Sie war an der Entstehung des zweiten Teils der Trilogie beteiligt und hat ihm ihren Segen erteilt. Das beeindruckende Werk des Berliner Regisseurs Züli Aladağ erzählt die Geschichte der Familie Şimşek kurz vor und nach der Ermordung des Familienvaters (gespielt von Orhan Kılıç). Man begleitet sie einmal mehr fassungslos durch die Jahre danach, als die Polizei ausschließlich das familiäre und unmittelbare Umfeld Enver Şimşeks im Visier hatte und Ermittler kein Klischee ausließen, mit dem sie die Hinterbliebenen des Ermordeten nicht traktierten. Der Verdacht auf Steuerdelikte, Drogenhandel, Mafiakontakte, Schutzgelderpressung und der Klassiker Eifersucht sind von den Behörden so lange gedreht und gewendet worden, bis die Familie buchstäblich verzweifelt und verstummt ist. In einer der ergreifendsten Szenen bricht die Mutter Adile Şimşek (Uygar Tamer) von Weinkrämpfen geschüttelt zusammen, weil sie allmählich beginnt, unter dem Dauerfeuer der Verdächtigungen den unerschütterlichen Glauben an die Unschuld und Ehrbarkeit ihres Mannes zu verlieren. Sie schluchzt: „Wir haben die Jahre von Drogengeld gelebt“, und die hilflose Tochter Semiya (großartig gespielt von Almila Bağrıaçık) versucht, sie zu trösten. Wütend macht die Szene in einem Polizeibüro, wo der Ermittler (kaum jemand spielt stoisch empathielose deutsche Beamte so glaubwürdig wie André M. Hennicke) der Mutter das Foto einer blonden Frau hinhält und behauptet, das sei die Geliebte ihres Mannes, mit der er ebenfalls zwei Kinder habe. Apathisch und tonlos erwidert die so Konfrontierte: „Sie soll zu mir kommen, wenn es Envers Kinder sind, dann sind es auch meine Kinder.“ Das hat sich allen Ernstes so zugetragen. Erst viel später erfuhr die Familie, dass die Geliebte frei erfunden und diese Mär eingesetzt worden war, um Frau Şimşek zum Reden zu bringen und womöglich die Ermordung ihres Mannes zu gestehen. Einer jener unfassbaren Vorgänge, von denen die Ermittlungsgeschichte im NSU-Komplex voll ist.   

Der Film zeigt auch, wie im Jahr 2006, nach der Ermordung von Mehmet Kubaşık am 4. April 2006 in Dortmund und Halit Yozgat am 6. April 2006 in Kassel etliche der Hinterbliebenenfamilien zu einer Demonstration nach Kassel aufriefen, die unter dem Motto „Kein 10. Opfer“ stand und dokumentiert, wie verzweifelt die Betroffenen der neun rassistischen Morde des NSU gewesen sind, dass niemand ihnen half, niemand sie anhörte, geschweige denn sie unterstützte. Es gibt auf Youtube Filmaufnahmen der Demonstrationen in Dortmund und Kassel im Mai 2006, die unter anderem eine beherzte Semiya Şimşek zeigen, wie sie vor den etlichen Tausend Demonstrierenden spricht: Sie trug damals das eng um das Gesicht gelegte Kopftuch einer Muslima. Für den TV-Film, und das ist nicht so ganz nachvollziehbar, ist die heranwachsende Semiya deutlich säkularisiert worden, die ersten Bilder des Films zeigen sie beim Lackieren der Fußnägel, auf der Demonstration tritt sie ohne Kopftuch mit offenem Haar auf: Ob das nötig war, um sie einem eher ressentimentgeneigten biodeutschen Publikum näher zu bringen? Egal, auf den Film hat man gewartet, nachdem in dem katastrophalen ZDF-Streifen „Letzte Ausfahrt Gera“ (siehe konkret 3/16) zwar auch Angehörige der Opfer zu Wort gekommen sind, aber doch wieder nur als Staffage für diese bekloppte Zschäpe-Soap.

Plattenporno

Es war klar, dass es mit den beiden anderen Teilen der Trilogie nicht so einfach werden würde und dass die Risiken, die die Genres „Neonazi-Filme im Nachwende-Deutschland“ und „Deutscher Polizeifilm“ bergen, weit größer sein würden als bei dem Opferfilm. Da ist zunächst der Coming-of-age-Film über das Erwachsenwerden der NSU-Gewalttäter im Nachwende-Deutschland. Die Debatten über die Entwicklung der zur Zeit des Mauerfalls etwa 15jährigen, die heute oft als „Generation Hoyerswerda“ bezeichnet werden, haben uns durch die neunziger Jahre bis heute begleitet, das Narrativ ist sattsam bekannt und die Bebilderung mit den immergleichen Symbolen der DDR-Vergangenheit wie den ostdeutschen Plattenbauten nur noch enervierend: In dieser Hinsicht ist „Die Täter. Heute ist nicht alle Tage“ von Regisseur Christian Schwochow auch eine Art Plattenporno, der uns zum x-ten Mal den Bruch der Wende als Moment anbietet, in dem die autoritäre DDR-Vergangenheit, die in den Plattenbauten versinnbildlicht scheint, viele junge Menschen in den Neonazismus habe abdriften lassen; hilflose Eltern und Lehrer, dumme Ex-Vopos, die zu gesamtdeutschen Polizisten werden, aber zu dämlich sind, einen Nazi zu erkennen, auch wenn er vor ihnen steht, undisziplinierte Punks als jugendliche Gegenwelt zu den sich formierenden Jungnazis – all das kommt in dem Film vor, und im Hintergrund laufen die Fernsehbilder von Rostock-Lichtenhagen. Hauptaugenmerk liegt wie immer auf Beate Zschäpe (passabel gespielt von Anna Maria Mühe, die einer derzeit schwer angesagten Beate-Zschäpe-Ähnlichkeitskur unterzogen wurde), die zunächst „eher links eingestellt“ gewesen sei und dann – über die Jungs, für die sie sich interessiert – stramm nach rechts marschiert. Bei einer Party im Jugendtreff Winzerclub switcht die Musik fließend von hartem Faschorock hinüber zu Ton Steine Scherben, dass es für jeden Extremismussimpel nur so eine Freude ist. Immerhin hält sich das Drehbuch von Thomas Wendrich eher an die Version (etwa aus der Beweisaufnahme im NSU-Verfahren), die Zschäpe als gewaltbereit, selbstbewusst und militant erscheinen lässt, und nicht an die durch ihre Aussage im NSU-Prozess lancierte Version, sie sei labil, hilflos und den Männern hörig gewesen, im Grunde selber Opfer und da irgendwie hineingeraten. Es kommen alle einschlägigen Anekdoten und Personen im Film vor, die Kreuzverbrennung in Ku-Klux-Klan-Manier, die Entstehung der widerlichen Monopoly-Variante für Nazis („Pogromly“), die Besuche der Jungnazis in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar im vollen SA-Wichs, der gegen Ignatz Bubis gerichtete antisemitische Anschlag mit einer aufgeknüpften Puppe, die unsägliche Garagendurchsuchung, während der Uwe Böhnhardt sich lässig davonstehlen kann, ein Anwerbeversuch des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) gegenüber dem Gefreiten Mundlos, Zschäpes Abkunft von einem rumänischen Vater, Tino Brandt, der „Giga-V-Mann“ des Landesamts für Verfassungsschutz Thüringen, Ralf Wohlleben, der der Beihilfe zum Mord Mitangeklagte Zschäpes in München, und reichlich Nazi-Mucke für die sich radikalisierenden Rechten. Natürlich darf auch der Sex nicht fehlen, der einem schon etwa bei „Die Kriegerin“ und „Letzte Ausfahrt Gera“ so auf die Ketten ging: Da bekommt der Antifa-Slogan „Kein Sex mit Nazis“ noch mal einen ganz neuen Klang. Aber getriggert wird mit dergleichen natürlich die ohnehin etwas schwiemelige Faszination für die „Teufelin“ Beate Zschäpe, die als Frau und Terroristin, die mit zwei mordenden Liebhabern zusammenlebt, die Phantasie der Medien und ihrer Konsumenten befeuert. Noch heute sorgt die leiseste Andeutung, irgend etwas sei mit der Angeklagten im Gerichtssaal los, dafür, dass die Zuschauerränge und die Pressetribüne überquellen vor Schaulust. Im Bett verschwören sich denn auch Beate und ihre Lover zu „Taten statt Worten“, und zumindest das ist ein Verdienst des Films, dass die heute in München Angeklagte als zustimmender Teil dieser verhängnisvollen Verschwörung erscheint.

Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt werden von Albrecht Schuch und Sebastian Urzendowski verkörpert, die aber für Kenner der in Akten, Büchern und Zeugenvernehmungen herausgearbeiteten Charaktere der beiden eindeutig falsch herum besetzt wurden. Albrecht Schuch, der den Kopf des NSU-Kerntrios Mundlos spielt, wäre glaubwürdiger als der ins Pathologische kippende und gewalttätige Böhnhardt durchgegangen als das schmale, schüchterne Bürschchen Urzendowski.

Aber das nur am Rande: Alles in allem ist der Auftaktfilm der Trilogie eher etwas langweilig und vorhersehbar, auch natürlich, weil die Geschichte hinlänglich bekannt ist und insofern keine Überraschungen oder neue Deutungen bietet. Im Gegenteil, in seiner Perspektive verengt, wird die Schote vom „isolierten Trio“, an der die Bundesanwaltschaft in München hartnäckig, wenn auch inzwischen recht einsam, festhält, durch den Film einmal mehr verbreitet.

Der Teufel war‘s

Politisch eindeutig der ambitionierteste der drei Teile ist „Nur für den Dienstgebrauch“ über die skandalösen behördlichen Ermittlungen und „Ermittlungspannen“ vor und nach dem Auffliegen des NSU am 4. November 2011. Ein ums andere Mal behauptet dieser Film dezidiert eine Beteiligung und Mitverantwortung des „Verfassungsschutz“ genannten Inlandsgeheimdienstes und hätte so das Zeug gehabt, eine Diskussion über den Skandal der Geheimdienstverstrickung in den NSU-Komplex angesichts der Tatsache neu zu entfachen, dass der „Verfassungsschutz“ weitgehend ohne Blessuren aus ihm hervorgegangen ist. Man könnte gar so weit gehen zu behaupten, dass dem Verfassungsschutz nichts Besseres als der NSU passieren konnte: Kaum jemand wurde je zur Verantwortung gezogen, der Inlandsdienst wird im Gegenteil mit mehr Personal, mehr Geld und mehr Kompetenzen belohnt und kann sich entspannt zurücklehnen und „bedauerliche Pannen“ einräumen, wenn überhaupt. Insofern wäre dieser Film der wichtigste gewesen, wenn es den Machern tatsächlich darum gegangen wäre, „zur Aufklärung beizutragen“ und eine gesellschaftliche Diskussion anzuregen, wie es im Begleitheft heißt und bei der Pressekonferenz wortreich als Impuls des Filmprojekts benannt wurde.

Nur ist dieser Film gründlich danebengegangen. Den wirren Plot, der verschiedene reale Ereignisse, Personen und Erzählstränge unglaubwürdig zusammenschraubt und eine irreale geografische Verengung  auf Thüringen vornimmt, als hätte sich das Wesentliche im „Braunen Herzen Deutschlands“ abgespielt, wird kein Fernsehzuschauer verstehen. Die ganze Erzählung spielt sich vor dem Hintergrund einer etwas simpel dargebotenen Gegenüberstellung des staatlichen Personals ab: Auf der einen Seite die „guten Cops“, zwei Zielfahnder des LKA Thüringen, gespielt von den TV-Sympathieträgern Sylvester Groth und Florian Lukas als ehrliche Arbeiter im Weinberg redlicher polizeilicher Ermittlung, die sich andererseits nicht gegen die „bösen Cops“, die nach der Wende importierten, arroganten Verfassungsschützer aus dem Westen, durchsetzen können. Im Gegenteil: „Merkst du, wie sie einen nach dem anderen von uns aus dem Spiel nehmen“, brummt Fahnder Walter Ahler (Groth), der wegen seiner Krebserkrankung noch bedauernswerter ist. Eine völlig abstruse Sidestory ist Ahlers Privatleben mit seiner Tochter (Liv Lisa Fries), die dann, Jahre später – der Vater lange tot –, als neue Kollegin des einstigen Partners ihres Vaters, Paul Winter (Lukas), an den Ermittlungen nach dem Auffliegen des NSU beteiligt ist. Die Zeitsprünge zwischen Vater und Tochter sollen die zwei Skandale verdeutlichen: das sinistre Handeln des Thüringer Verfassungsschutzes unter seinem Skandalpräsidenten Helmut Roewer (Ulrich Noethen) während der NSU-Frühzeit einerseits und andererseits die handwerklichen Skandale und behördlichen Vertuschungen nach dem Auffliegen des NSU, etwa im Kontext mit der „Bergung“ des ausgebrannten Wohnmobils „der beiden Uwes“ (wie sie unter anderem im Gerichtssaal in München fast liebevoll genannt werden) in Eisenach. Das klappt nur nicht.

Ein Beispiel für die völlig unverständliche Vermengung unterschiedlicher realer Ereignisse ist der fiktive VS-Spitzel Jonas Breiling. Er verkörpert mehrere Personen und Geschehnisse, die die Filmerzählung zusammenführt: Er soll ein Nazi aus der Jenaer Szene sein, den die Zielfahnder zu überreden versuchen, etwas über die „untergetauchten Drei“ herauszufinden, der dann wegen einer schweren rassistischen Straftat – er schlägt unter Grölen von „Ku-Klux-Klan“-Parolen einen Schwarzen fast tot – ins Gefängnis kommt, wo er als V-Mann rekrutiert wird, um zum Schluss in seinem Auto Suizid zu begehen, indem er sich anzündet. Vorbild dieser Figur ist zunächst der verurteilte Gewalttäter Carsten Szczepanski, den nach einer Verurteilung zu acht Jahren wegen versuchten Totschlags der Brandenburger Verfassungsschutz aus dem Gefängnis heraus als V-Mann „Piato“ angeworben hat (und dessen Tätigkeit, die unter Umständen eine Festnahme des NSU-Kerntrios schon 1998 ermöglicht hätte, nun möglicherweise den nächsten, dann elften Parlamentarischen NSU-Untersuchungsausschuss, diesmal in Brandenburg, zur Folge haben könnte). Dann steckt in Breiling der junge Rechte Florian Heilig aus Heilbronn, der am 16. September 2013 auf dem Weg zu einer Vernehmung beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg in seinem Auto verbrannte, was bereits Stunden später als Suizid deklariert wurde. Die beiden realen Figuren haben im Grunde nichts miteinander zu tun, und es ist nicht zu verstehen, wozu eine derart bizarre Kunstfigur geschaffen wurde, zumal viele Interessierte, die den NSU-Aufarbeitungsprozess verfolgen, die Versatzstücke deutlich erkennen können.

Im Film ist die von Nazis bevölkerte Party, auf der Szczepanski sein schwarzes Opfer entdeckt und schwer verletzt, parallel zu einem rauschenden Kostümfest im Keller des Thüringer Landesamts für Verfassungsschutz inszeniert, auf dem der schrille Behördenchef Roewer als Zeremonienmeister in preußischer Uniform und mit Pickelhaube große Reden schwingt. Aus dem Off rezitiert der durch das surreale Ambiente der VS-Party schleichende brave Zielfahnder Paul Winter das Hesse-Gedicht „Im Nebel“ von der ersten bis zur letzten Zeile. Vermutlich, um zu unterstreichen, wie einsam die gute Haut inmitten des entfesselten Irrsinns ist: „Seltsam im Nebel zu wandern! / Leben ist Einsamsein / Kein Mensch kennt den anderen / Jeder ist allein“. Das ist, mit Verlaub, einfach bescheuert.

Regisseur Florian Cossen zitiert im Film an drei Stellen, die wie eine Art Klammer erscheinen, aus dem Bildungsschatz deutscher Spießbürger: Zu Beginn, als es um Eisenach und das Wohnmobil geht, greift er bei der Frage, ob bei der NSU-Geschichte nicht der Teufel im Spiel sei, auf Martin Luther zurück: Der habe spekuliert, ob es nicht der Teufel sei, der die Welt zusammenhalte, erfährt man, während man ein Tintenglas an einer Wand zerbersten sieht. Ein solches soll ja der Reformator einst auf den Teufel geworfen haben: Das ist ein so alberner Einstieg in den Film, dass man am liebsten gleich wieder ausschalten würde. Dem Fass den Boden aus schlägt aber das Lacrimosa aus Mozarts Requiem, das der Schlusssequenz unterlegt ist, in der der gescheiterte Zielfahnder Winter über einen feuchten Acker auf V-Mann Breilings brennendes Auto zuläuft.

Wahrheitssuche öffentlich-rechtlich

Zumal nach dem misslungenen letzten Teil bleibt noch die Frage, wozu das ganze gut sein soll. Die Frage beantwortet sich, was die Opferperspektive in „Vergesst mich nicht“ betrifft, von selbst: Es ist gut, dass es diesen Film gibt; mein Tip: nur diesen Teil anschauen. Der erste Teil über die Entwicklung der jungen Jenaer zu Rechtsterroristen ist dagegen weder originell genug, um zu bestehen, noch erzählt er eine in der Realität abgeschlossene Geschichte, so dass aktuelle Wendungen und Enthüllungen im Prozess, in den Untersuchungsausschüssen oder durch unabhängige Recherche die Erzählung ständig in Gefahr bringen. Schon bei dem erwähnten Zschäpe-Film „Letzte Ausfahrt Gera“ ist deutlich ersichtlich, dass die Aussage der Hauptangeklagten vor Gericht nicht ins Konzept passt: Deshalb wurde am Ende des Films noch eine Szene drangeschustert, die diese neueste Entwicklung im Prozess (Dezember 2015) nachliefert (eben einer fragwürdigen Vollständigkeit halber). Warum können die Filmschaffenden nicht warten, bis irgendein Vorgang im Rahmen der Aufarbeitung des NSU-Komplexes abgeschlossen ist, etwa durch ein Urteil in München, oder mehr Mut zur Fiktionalisierung des Stoffes zeigen? Die irritierende Unschärfe zwischen reiner Fiktion, Dokudrama und verbissener Mühe um „Authentizität“ zeigt, dass sie diese Frage vermutlich selber nur schwer beantworten könnten. Produzentin Gabriela Sperl lässt sich da nicht beirren: Beim Presse-Screening im Februar erklärte sie, alle an dem großen Projekt Beteiligten seien „unter dem Schutz der ARD“ zu einer „eingeschworenen Gemeinschaft von Menschen“ zusammengewachsen, die „gemeinsam den Willen hatten, zu Aufklärung und einer Wahrheitsfindung beizutragen“. Gemeinsam (mit den Medien) wolle man dafür kämpfen, dass der Ermüdung beim NSU-Thema entgegengewirkt werde und etwas gegen Rassismus geschehe. Wörtlich sagte sie, dass die „Trilogie eine höhere Wahrheit ausdrücken“ und „ein Stück deutscher Geschichte und Befindlichkeit erzählen“ könne. Geht es auch eine Nummer kleiner? Zwar ist der Bezug auf aktuelle Entwicklungen in Dunkeldeutschland – Rassismus, Brandanschläge und flächendeckender Rechtsruck – zu loben. Ob aber ein Fernsehdreiteiler den Defiziten der Aufarbeitung tatsächlich entgegenwirken kann, ist doch sehr fraglich. Zumal der gekünstelte dritte Teil trägt mit Sicherheit nicht dazu bei, dass es dem feixenden Verfassungsschutz an den Kragen geht.

Die in der Tat ermüdende Frage, wie es dazu kommen kann, dass sich rechtsterroristische Gruppen in Deutschland ermächtigt fühlen, einen blutigen „Rassenkrieg“ anzuzetteln, beantwortet die gradlinige, detailversessene und unambitionierte Nacherzählung des Lebens der Jenaer Mörder ebenfalls nicht. Schon gar nicht dadurch, dass man die Fernsehproduktion pathetisch als Wahrheitssuche verkauft und die Sendetermine zweier Teile auf die Jahrestage von zwei der zehn (bekannten) NSU-Morde legt.

 

Die TV-Trilogie „Mitten in Deutschland. NSU“ läuft in der ARD jeweils um 20.15 Uhr am  30.3.2016 (Teil 1: „Die Täter. Heute ist nicht alle Tage“); am 4.4. (Teil 2: „Die Opfer. Vergesst mich nicht“) und am 6.4. (Teil 3: „Die Ermittler. Nur für den Dienstgebrauch“.

Im Anschluss an Teil 3 zeigt das Erste am 6.4.2016 um 21.45 Uhr Dirk Laabs' und Stefan Austs Doku zum Dreiteiler „Der NSU-Komplex. Die Jagd auf die Terroristen“.

 

Im TV wird die Trilogie auf Eins Festival am 9. April wiederholt: 20.15 Uhr: „Die Täter“; 22 Uhr: „Die Opfer“; 23:35 Uhr: „Die Ermittler“. Darüber hinaus werden die Filme in der ARD-Mediathek abrufbar sein, voraussichtlich sieben Tage lang.

 

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