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Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes

08.06.2017 16:27

Regie: Julian Radlmaier; mit Julian Radlmaier, Deragh Campbell; Deutschland 2017 (Grandfilm); 99 Minuten, ab 8. Juni im Kino

An der Ecke einer Berliner Straßenkreuzung stehen Hong und Sancho vor einem Plakat, das in prächtigen Farben für die Arbeit auf einer Apfelplantage namens Oklahoma wirbt. »Jeder ist willkommen!«, verspricht die Anzeige mit den gleichen Worten, mit denen das Naturtheater von Oklahoma aus Franz Kafkas Amerika um Mitarbeiter wirbt.

Hong und Sancho sind arbeitslos, und nach einer mäßig erfolgreichen Episode der Selbständigkeit im Gewerbe des Flaschensammelns brauchen sie dringend Geld, um zu überleben, und sind dementsprechend gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. An derselben Straßenkreuzung berichtet im Hintergrund der Filmemacher Julian einem Freund, dass ihn das Jobcenter zur Arbeit auf einer Apfelplantage zwinge. Auf der Feier seines alten exmaoistischen Professors, der sich mit antibürgerlichem Gestus seiner Saturiertheit erfreut, erzählt Julian jedoch verschämt, dass er für eine Recherche »über Arbeitsbedingungen in landwirtschaftlichen Großbetrieben« auf die Apfelfarm fahre. Dies berichtet er auch Camille, Hipster ohne besondere Aufgaben, die das Objekt amouröser Neigungen und sexueller Bestrebungen des jungen Filmemachers ist und sich im Überschwang bereit erklärt, ihn auf seiner vermeintlichen Recherche zu begleiten.

Die Oklahoma-Farm im Havelland ist der Mittelpunkt des Geschehens in Julian Radlmaiers »Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes«. Hong, Sancho, Julian (gespielt von Radlmaier selbst) und Camille treffen dort auf zahlreiche andere Saisonarbeiter – und auf die Besitzerin der Plantage, die ihre Untergebenen mit den Worten empfängt: »Liebe Mitarbeiter, ich darf Sie ganz herzlich als neue Mitglieder der Oklahoma-Familie begrüßen.«

Der Film stellt am Beispiel der Farm die neoliberalen Herrschaftstechniken und Arbeitsverhältnisse in der Verkehrung von Kafkas Utopie dar. Man nennt es nicht mehr Arbeit, sondern Spaß, denn mit Hilfe eines »spielerisch-motivierenden Wettbewerbssystems«, eines »Apfel-Olympia«, wird die Konkurrenz im Spätkapitalismus neu eingekleidet. »Aber jetzt werden Sie sich fragen: Ist das hier alles nur ein Spiel? Und der Weltmarkt?« Der Weltmarkt ist nicht so spielerisch aufgelegt, sondern erfordert Konkurrenzfähigkeit. Das sind die Gesetze der Warenproduktion – wer sie nicht befolgt, dem droht der Untergang.

Das erfahren nun auch Hong und Sancho, die zum nächtlichen Nachpflücken gezwungen werden. Dass es Radlmaier nicht um das Idealisieren der Arbeiter geht, merkt man in einer der folgenden Szenen. Die beiden sind beim Nachpflücken eingeschlafen. Wer zuerst wach ist, nimmt von dem anderen, um den eigenen Ertrag zu steigern. Solidarität ist eben keine naturwüchsige Qualität.

Doch unter den Plantagenarbeitern und -arbeiterinnen nimmt unterm Druck des Weltmarkts der Unmut zu. Was tun? Streik? Oder gleich Revolution? Bolschewismus? Oder Hedonismus? Ist nun die Zeit einer neuen Internationale angebrochen? Nachdem ein Mönch mit magischen Fähigkeiten aufgetaucht und die herrschende Klasse außer Gefecht gesetzt ist, nimmt das Geschehen noch weitere Wendungen, die an dieser Stelle, um das Vergnügen nicht zu mindern, nicht vorweggenommen sein sollen.

Es zeichnet den Film aus, dass er Widersprüche zur Anschauung bringt. Gelungene Kunst zeigt nicht die Lösung von Widersprüchen, sondern ihre Lösbarkeit – auch im großen Maßstab. Tatsächlich geht es in »Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes« um den Kommunismus als mögliche Utopie. In der Tradition marxistischer Gesellschaftskritik setzt der Film beim Problem der herrschaftsförmigen Arbeitsteilung an.

Radlmaier interessiert ein politisches Kino, das nicht ignoriert, dass es außerfilmische Diskurse über die Abschaffung des Elends gab und gibt. So zitieren die Figuren im Film Lenin und Deleuze oder diskutieren über die Tücken des Tauschwerts. Das könnte man sich nun als einen gelehrigen und belehrenden Essayfilm vorstellen, es ist aber das Gegenteil: eine rasante Komödie. Das mindert den Gegenstand nicht, sondern pointiert ihn – denn wenn »die Dinge sehr ernst stehen, dann ist es schwer, ernst von ihnen zu sprechen«, wie der georgische Filmemacher Otar Iosseliani sagte. Hier zeigt sich, dass Radlmaier politische Begriffe und Positionen auch als künstlerische zu gestalten vermag. Das erst macht »Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes« zu einem Film, der durch seine Klugheit anzieht, nicht befremdet, der durch seine Gestaltung Reflexion ermöglicht, nicht nur behauptet.

Dass dies gelingt, hat mit der bewussten Verwendung des Fiktionalen und Narrativen zu tun. Radlmaier bezieht sich hierbei auf die filmtheoretischen Schriften des französischen Philosophen Jacques Rancière, die er gemeinsam mit Sulgie Lie übersetzt und herausgegeben hat. Rancière versteht Fiktion als eine »erfundene Welt, die der Realität keine Rechenschaft schuldig ist, gleichzeitig aber eine Sphäre gemeinsamer Referenzen und Erfahrungen mit dieser definiert«. In dieser dialektischen Vermittlung kann der Film sein kritisches und zugleich utopisches Potential entfalten. Radlmaier, der an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Regie studiert hat und mit »Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes« nun seinen Abschlussfilm vorgelegt hat, konnte in den letzten Jahren seine Filmsprache in diese Richtung entwickeln – in der Tradition Jean Renoirs, JeanLuc Godards, Pier Paolo Pasolinis, Straub-Huillets und Otar Iosselianis. Ist »Ein Gespenst geht um in Europa« (2012) noch deutlich am Essayfilm orientiert, setzt »Ein proletarisches Wintermärchen« (2014) schon auf den Überschuss des Erzählerischen und Artifiziellen.

Der Regisseur benutzt den Begriff des Märchens, um seine Filme zu charakterisieren. Das Märchen ist dabei der Wirklichkeit nur so fremd wie diese sich selbst, indem sie sich der Utopie verweigert. Nichts könnte also realistischer sein als Radlmaiers unbedingt sehenswerter kommunistischer Märchenfilm.            

Jakob Hayner

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