Aktuelles

aboprämie 3-17

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

Spot on

Scarred Hearts

09.02.2017 12:38

Regie: Radu Jude; mit Lucian Teodor Rus, Ivana Mladenovic; Rumänien/Deutschland 2016 (Realfiction); 141 Minuten; ab 9. Februar im Kino

Das Grauen und das Glück liegen nah beieinander. Zunächst einmal, weil das Glück niemals so klar und so groß erscheint wie aus der Perspektive des Grauens. Wer in der Hölle steckt, weiß, dass es im Fegefeuer vergleichsweise gemütlich zugehen kann. An den Himmel denkt er schon lange nicht mehr. Ein anderes Verhältnis zum Grauen ergibt sich aus dem Glücksversprechen im bürgerlichen Sinne. Amt und Ehe, gute Stube, Karriere, Reproduktion, trautes Heim, Glück allein. All das kann schon materiell bedingt niemals die Erfüllung bringen, weil im Sinne der menschlichen Konkurrenz aus Liebe Hass wird, aus der Ehe ein Gefängnis, aus der Karriere ein Herzinfarkt und aus Anerkennung Neid. Das Grauen ist systemimmanent.

Das bürgerliche Glücksversprechen spielt in »Scarred Hearts« kaum eine Rolle. Hier geht es ums Essentielle. Der Film basiert auf einem Roman des rumänischen Schriftstellers M. Blecher, der 1938 nach zehnjähriger Leidenszeit an Knochentuberkulose starb. Er war in mehreren Sanatorien und fristete die Tage dort eingegipst. Im Liegen konnte er immerhin eine Kutsche steuern und so die Krankenwelt für kurze Momente verlassen. Wie er mit Vornamen hieß, ist bis heute unklar. Seine Gedichte und zwei Romane veröffentlichte er als M. Vernarbte Herzen erschien 1937 auf Rumänisch; in Deutschland kam das autobiografisch gefärbte Buch erst 2006 auf den Markt. Protagonist Emanuel studiert wie Blecher in Paris und erhält eines Tages die gleiche niederschmetternde Diagnose. Ein Sanatorium wird zu seiner neuen Heimat.

 Der rumänische Regisseur Radu Jude hat die Vorlage für sein Drehbuch ein bisschen verändert. Nicht an der französischen Atlantikküste, sondern an der rumänischen Schwarzmeerküste gerät sein Emanuel (Lucian Teodor Rus) in die Hände des Ärzterackets. Der behandelnde Dr. Ceafalan (Serban Pavlu) ist ein typischer Vertreter seiner Zunft. Seine Menschlichkeit hat er unter dem weißen Kittel versteckt. Mit Witzchen und einem beiläufig väterlichen Ton übergeht er das Grauen, das seine Patienten in sich tragen und in jeder Nervenfaser spüren. Der Gips, der ihre Oberkörper in einen starren Apparat verwandelt, inspiriert ihn zu albernem Gesinge. Die Drecksarbeit, das Hantieren mit Wasser und Schmodder beim Eingipsen, lässt er selbstverständlich andere tun. Im Behandlungsraum philosophiert er plötzlich ungeniert über ärztliche Versuche an Häftlingen, während Emanuel wie ein Kleidungsstück auf dem Wäscherost trocknen soll.

Das Außen, die politischen Bewegungen der Zeit von den Nazis bis zu den rumänischen Faschisten, dringt immer wieder ins Sanatorium ein. Hitzige politische Diskussionen unter den Patienten sprengen die morbide Starre. Ein Kranker parodiert Hitler. Emanuel ist wie sein Dichtervater Jude. Mit Witz, Biss und Schärfe nimmt er die Antisemiten unter den Mitpatienten auseinander.

Auch finden die Streitereien im Gitterbettsaal nicht statt, um eine vermeintlich privatistische Geschichte sozialkritisch aufzumotzen wie beim »Tatort« oder im neuen deutschen Kinofilm. Das wilde Treiben der teils Bewegungslosen schreit nach der Essenz des Lebens. Wer den Tod in sich trägt, ärgert sich nicht mehr über Flecken auf den Polstermöbeln oder zerbrochene Eierbecher. Er will spüren, schreien, raufen, am Leben – und sei es noch so beschissen – partizipieren. Das mag nicht für jeden gelten. Doch »Vernarbte Herzen« erzählt die Geschichte eines rasenden Lebenswillens.

Natürlich muss dieser immer wieder kippen. Aber eben nicht in Sentimentalität und Betroffenheit, zwei Regungen, die das Interesse an Welt und Mitmenschen nur vorgaukeln – in sich jedoch narzisstisch begründet sind oder nur der Abgrenzung der eigenen reinen Welt von der des Leidenden dienen. Jämmerlich wird Emanuel trotz aller Leiden nie. Selbst wenn er in der Silvesternacht allein im Zimmer weint, hört man den Trotz und die Ironie. Die Patienten werden allenfalls depressiv und spüren das Grauen des Draußen am eigenen Körper. Auch das hat freilich ein narzisstisches Moment, doch ein nach außen Drängendes, kein in sich Ruhendes.

M. Blecher hat einem seiner Romane ein Zitat des englischen Dichters Percy Bysshe Shelley vorangestellt. Der Vers »Ich keuche, ich sinke, ich bebe, ich erlösche« entstammt dem 1821 geschriebenen Gedicht »Epipsychidion« und wird auch im Film kurz eingeblendet. »Mad Shelley«, wie er in seiner Heimat gern genannt wird, weil er als Schüler gemobbt wurde und seine Peiniger mit rasender Wut konfrontierte, gilt als Vertreter der englischen Romantik. Er war Frühsozialist, Feminist, Verfechter einer freien Liebe, und ihn treibt und quält in seinen Gedichten ein unbändiger Lebenshunger, der immer wieder mit den Naturgewalten korrespondiert. Viele seiner Gedichte sind reflexiv und emotional, aufbrausend und niederschmetternd zugleich.

Der Film greift diesen Grundton auf und ergänzt ihn um einen an Sarkasmus grenzenden philosophischen Biss und jede Menge Humor. Der Mensch leidet, blutet, keucht und lacht heimlich über seine Subjektivität, der er doch nie entrinnen kann. Diese Momente sind von tiefer Tragik. Sie gehen an die Substanz. Gleichzeitig erzählt Radu Jude eine gesellschaftlich durch und durch relevante Geschichte. Die Frauenfiguren, allen voran die selbstbewusste und liebevolle Solange (Ivana Mladenovic), Emanuels Klinikliaison, unterscheiden sich angenehm von den Mäuschen, Muttis, Muschis und Hardlinerinnen, wie sie das Klischeekino präsentiert. Solange darf sogar ein bisschen Shelley spielen, ebenso wie ihr Geliebter, der beim Rumknutschen mit einer anderen fröhlich konstatiert: »Wir sind krank, was kümmert uns die kleinbürgerliche Moral.«

Die Bilder des herausfordernd langen Films wiederum dienen nie dem reinen Selbstzweck; trotz aller Ästhetik ordnen sie sich der Geschichte unter, ergänzen und erweitern sie. Ganz nebenbei begegnen dem Zuschauer die Absurditäten menschlichen Gesellschaftens. Während ein Pfleger den ewig liegenden Emanuel durch die Gänge des Sanatoriums schiebt, sieht man Kranke, wie sie in »grotesk anmutenden Gerätschaften« (Pressetext) eingepfercht von allen verlassen in kahlen Räumen stehen und stumm darauf warten, dass ein Mitglied der Oberschicht beziehungsweise Ärzteschaft sie wieder befreit. Das unbestimmte Warten, das Gequältwerden im Dienste eines höheren Ziels, das Verlassensein im Leid und die Ignoranz der Verfügenden – all das lässt sich eins zu eins von der Klinik auf ein größeres Ganzes übertragen.

Katrin Hildebrand

Zurück