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Paradies

31.07.2017 11:55

Regie: Andrei Michalkow-Konchalovsky; mit Julia Vysotskaya, Christian Clauß; Deutschland/Russland 2016 (Alpenrepublik); 130 Minuten; seit 27. Juli im Kino

Ein KZ-Film. Der sonderbarste, den man sich vorstellen kann. Der Weg in die Gaskammer für den, der drin sitzt. Der Weg zum Paradies für den, der an die arische Zukunft glaubt.

Hallo! Wie das?! Wo bleibt der Aufschrei unserer deutschen Sozialpädagogen und -pädagoginnen? Der Fernsehredaktionen? Statt dessen den Silbernen Löwen in Venedig plus Festspielpreise ohne Ende.

Im besetzten Frankreich der Vichy-Zeit landet die Redakteurin des Modemagazins »Vogue« im KZ. Dabei hatte sie es nur gut gemeint, zwei jüdische Kinder in ihrer Wohnung aufzunehmen. In persönlichen Krisen weiß sie ihre körperlichen Reize ins Spiel zu bringen. Auch beim KZ-Kommandanten hat sie damit Erfolg. Er ist vermögend, Aristokrat, gebildet und hätte sich am liebsten seinen Büchern und seiner Kunst gewidmet. Aber Himmler hatte Größeres mit ihm vor.

Wir bewegen uns in der Welt von Tschechow: des Schauspiels und der Bühne, des Deklamierens und des Monologisierens. Der Kommandant sitzt in immer der gleichen Einstellung vor der Kamera und erklärt sich. Wem? Wird er vernommen? Beichtet er? Na klar! Er sitzt vor uns, den Zuschauern! Aber gleichzeitig wird uns bewusst, dass uns Kunst geboten wird. Denn das, was Spielfilm hätte sein können, sowieso schwarz-weiß ist, bekommt einen dokumentarischen Charakter.

Aber wie kommen eigentlich die KZ-Insassen zu Wort? Sie kommen nicht. Nur als Masse. Pure Unterschicht. Gedrängel vor dem Einlass – zur Gaskammer. Gepöbel. Am ordinärsten sind die Kapos. Niemand ist in der Lage, sich bühnenreif zu artikulieren. Schlimm.

’Tschuldigung. Ich mag ja gar nichts Respektloses über diesen Film sagen. Ist er doch von Andrei Michalkow-Konchalovsky, 79 Jahre alt. Von ihm, der »Onkel Wanja«, »Runaway Train« und »Der innere Kreis« gedreht hatte. Von ihm, der sich jetzt die Freiheit nahm, uns mit »Paradies« von der Diktatur der Volksbelehrer zu befreien und den gewohnten KZ-Schinder zum einmaligen Schöngeist, nein: zum Schöngeist der guten alten Zeit von vor 100, ja, 200 Jahren zu erheben. Stopp, ich bin aus der Puste gekommen. Schön wär’s gewesen, wenn’s funktioniert hätte. Hat’s aber nicht.

Dietrich Kuhlbrod

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