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Nocturama

18.05.2017 12:55

Regie: Bertrand Bonello; mit Finnegan Oldfield, Vincent Rottiers; Frankreich 2016 (Realfiction); 130 Minuten; ab 18. Mai im Kino

Hubschraubergeräusche, noch vor den Titeln, die mit elegantem retrofuturistischen Minimaltechno unterlegt sind. Eine Postkartentotale von Paris mit Louvre, Notre Dame und Centre Pompidou, dann geht es runter in die Metro. Früher Nachmittag. Eine ausgesucht divers durchmischte Gruppe junger Menschen zwischen modisch interessierter jeunesse dorée, Businesslook und HipHop-Outfit bewegt sich offenkundig gemäß einer wohlinformierten Choreografie durch ein Paris ganz unterschiedlicher Milieus. Es kommt zu kurzen Begegnungen. Blicke werden gewechselt, Gesten der Zugehörigkeit, aber keine Worte. Schnell lösen sich die Begegnungen wieder auf, was die Kamera auf das eleganteste dokumentiert. Nur nicht auffallen. Mobiltelefone werden entsorgt. In stylisher Slowmotion. Autos werden umgeparkt, Kofferräume geöffnet. Plastiktüten transportiert. Sprengstoff plaziert. Kommuniziert wird via Smartphone. Eine Anspannung liegt in der Luft, zumal die jungen Akteure zwar einem präzisen Plan zu folgen scheinen, dabei aber nicht sehr abgeklärt auftreten.
Alles ein Spiel? Stadtführung gefällig? Raus nach La Defense! Wir hören die Namen der (bestürzend gepflegten) Metrostationen, bekommen Stadtplanausschnitte und Uhrzeiten zur Orientierung an die Hand.
Zwischenzeitlich verlässt der Film die Gegenwart und liefert ein paar Szenen, die vielleicht von der Entstehung der Gruppe erzählen. Man traf sich in der Kneipe bei Prüfungsvorbereitungen oder im Warteraum des Arbeitsamts. Ein Paar ist auch dabei. Die Akteure agieren entschlossen, aber nicht fanatisch. Eine Leerstelle: die Motivation der Gruppe.
Um 19.15 Uhr explodieren an vier Orten in Paris gleichzeitig Sprengsätze. Zuvor hat es bereits mehrere Tote gegeben. Auch das weitere Vorgehen ist genau geplant. Die Gruppe lässt sich in einem Nobelkaufhaus einschließen, das – wie geplant – aus Sicherheitsgründen evakuiert wird. Jetzt gilt es, die Nacht auszuharren, um am nächsten Morgen unerkannt in das alte Leben abzutauchen.
Von dieser Wartezeit erzählt der zweite, längere Teil von »Nocturama«. Der Plan ist genial, aber auch perfide – für unser Bild, für das Selbstbild der jungen Leute, die darauf aufmerksam werden, dass sie genauso sportlich gekleidet sind wie die Schaufensterpuppen des Kaufhauses. Waren die zuvor gezeigten Bewegungen im Raum scharf und zielorientiert, so werden sie jetzt zu einem ziellosen Flanieren durch die Gänge und Stockwerke des Kaufhauses. Immerhin: Man erkennt seine Lieblingskosmetika wieder, checkt ein paar Kleidungsstücke und die neueste, unbezahlbare High-end-Anlage von Bang & Olufsen aus, speist kostspielig zur Nacht und lädt sich als Gäste ein Clochard-Paar ein. Das Kaufhaus ist eine Monade des Luxus: keine Fenster, kein Netz, schallisoliert. Erst nach 22 Uhr kommt jemand auf die Idee, die Flatscreens in der Medienabteilung anzuschalten. Emotionslos stellt einer der Akteure angesichts der Fernsehbilder fest: »Krass, das in echt zu sehen.« Ein anderer Akteur wird später via Karaoke-Maschine seine ganz persönliche Version von
»My Way« performen.
Ist das als Sarkasmus zu verstehen? Oder ist »Nocturama« selbst Karaoke? Es war zu lesen, dass Bertrand Bonellos siebter Spielfilm, dessen Drehbuch er bereits 2011 geschrieben hat, ursprünglich »Paris est une fête« heißen sollte, was nach den Anschlägen vom November 2016 als mindestens frivol, wahrscheinlich aber als zynisch wahrgenommen worden wäre. Nachdem sich Bonello in früheren Filmen auf höchst reflektierte und anspielungsreiche Weise mit Dienstleistungen, die historischem Wandel unterworfen sind, wie der Pornografie, der Prostitution und der Mode auseinandergesetzt hat, nimmt er mit »Nocturama « einen Faden aus »Der Pornograf« (2001) wieder auf. Da traf der gealterte Pornofilmer Jacques auf seinen Sohn Joseph, der sich einer politisch radikalen Jugendgruppe angeschlossen hat, die versucht, der Libertinage der 68er mit moralischem Rigorismus zu begegnen.
Die vorgeschlagene Strategie: Schweigen als ultimativer Protest, keine Zugeständnisse und keine Gegenvorschläge dem politischen System, das sich seines Gegenübers nur mittels kursierender Bilder versichert. »Nocturama« präsentiert jetzt eine Radikalisierung dieser Strategie. Ein terroristischer Anschlag als Botschaft ohne Inhalt. Eine surrealistische Geste als Bedingung der Möglichkeit von »Revolte «, jenseits tagesaktueller Diskurse und Zuschreibungen. Als einer der Akteure zum Rauchen das Kaufhaus verlässt, trifft er draußen auf eine junge Frau mit einem Fahrrad, die etwas kryptisch davon spricht, dass etwas passieren musste und dass es jetzt passiert sei. Dieser Gedanke erinnert an eine Überlegung von Jean-François Lyotard zum Erhabenen: »Es handelt sich nicht um die Frage nach dem Sinn und der Wirklichkeit dessen, was geschieht oder was das bedeutet. Bevor man fragt: Was ist das?, was bedeutet das?, vor dem quid, ist ›zunächst‹ sozusagen erfordert, dass es geschieht, quod. Denn dass es geschieht: Das ist die Frage als Ereignis.« »Nocturama« geht es genau um diese surrealistische Qualität des Jetzt, weshalb auch die geloopten Bilder der Fernsehberichterstattung über die Anschläge exakt die bereits gezeigten Filmbilder sind, die logischerweise nur die Erwartung der Täter einlösten, während alle anderen überrascht wurden. Mit der Tat haben die Täter ihre Mission erfüllt; nach der Einsicht »Wir werden sterben!« besteht der Rest der Nacht aus dem Warten auf das Eintreffen der Einsatzkommandos der Polizei. Bonello bezieht sich auch im Falle von »Nocturama« wieder explizit auf Vorbilder der Filmgeschichte wie Robert Bresson (»Der Teufel möglicherweise«), Rainer Werner Fassbinder (»Die dritte Generation «), George A. Romero (»Zombie«), Alan Clarke (»Elephant«) oder Stanley Kubrick (»The Shining«), aber der Filmtitel selbst ist eben nicht nur ein Albumtitel von Nick Cave, sondern auch eine bestimmte Käfiganlage zur Präsentation nachtaktiver Tiere im Zoo. Wem diese Pointe nicht böse genug ist, dem sei noch verraten: War die Botschaft der Jugend das reine Ereignis, so fällt die Antwort der Exekutive entsprechend aus. Keine weiteren Fragen, keine Gefangenen.

Ulrich Kriest

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