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Neruda

23.02.2017 12:37

Regie: Pablo Larraín; mit Gael García Bernal, Luis Gnecco; Frankreich u. a. 2016; 107 Minuten (Piffl); ab 23. Februar im Kino

 

Wer groß was über den linken Dichter und Nobelpreisträger Pablo Neruda erfahren will, ist in Pablo Larraíns gleichnamigem Film ein bisschen fehl am Platze. Dies solle mehr ein Film à la Neruda sein statt ein Werk über ihn, hat der Künstler verlauten lassen – willkommen im Filmexperiment.

Ein Handlungsgerüst gibt es trotzdem, und es beginnt im Chile des Jahres 1948: Der Senator Pablo Neruda, weltbekannter Dichter und Kommunist, beschuldigt die Regierung des Verrats. Staatsoberhaupt Videla hat sich USA-freundlich positioniert, ganz anders als seine zum Teil kommunistischen Kabinettsmitglieder. Die Folge: Neruda gerät unter Druck und kann sich einer Verhaftung nur durch Flucht entziehen. An seine Fersen heftet sich der Polizist Peluchoneau.

Es folgt eine Tour de Force durch Wüste, Schnee und Eis, angereichert mit Szenen der Ausschweifung, des Ehelebens und der Literaturproduktion, wobei der Dichter dem Verfolger tricky Haken schlägt. Eine klassische Verfolgungsjagd, der Stil ist dennoch eher assoziativ: Es geht in diesem Film mehr um die Konstruktion einprägsamer Bilder als um Vermittlung politischer Prozesse und geschichtlicher Daten. Man erfährt über Neruda recht wenig, soll sich aber so fühlen wie damals. Kann man machen, driftet aber auch schon mal in Manieriertheit ab – nach der dritten Orgie weiß man, wie sich besoffene Schriftsteller aufführen. Womit Larraín seinen Film allerdings komplett zerschießt: Peluchoneau erläutert das Gesehene permanent im Off-Text. Der Polizist wähnt sich selbst in der Rolle des Autors, als Schöpfer seiner selbst in einem Kriminalroman. Das hält man zehn Minuten aus, dann fragt man sich, warum der Regisseur seinem Publikum nicht vertraut. Denn das kriegt auf die Tour ständig vorgeschrieben, was es zu denken hat.

Nichts gegen durchkonstruierte oder experimentelle Kunst, die es angesichts eines unterhaltungsgewöhnten Kinopublikums sicher sehr schwer hat, ihren Ort außerhalb des Festivalbetriebs zu finden. Es auktorial vollzutexten, muss aber auch nicht die Lösung sein. Man wünscht sich, Larraín hätte seine Neruda-Variation als Stummfilm inszeniert. ’ne stinknormale Filmbio hätte es auch getan.

Jürgen Kiontke

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