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Moonlight

27.02.2017 11:48

Regie: Barry Jenkins; mit Ashton Sanders, Trevante Rhodes; USA 2016 (DCM); 111 Minuten; ab 9. März im Kino

 

Am Anfang erklingt der Soulsong »Every Nigger is a Star« aus dem Autoradio eines Dealers. Doch Stars sind hier weder die schwarzen Hauptdarsteller noch die Figuren, die sie spielen. Und Weiße sieht man gar nicht in diesem Miami, in dem Chiron bei seiner cracksüchtigen Mutter aufwächst.

 »Moonlight« ist eine nichtweiße, queere und prekäre Version von Richard Linklaters Langzeitprojekt »Boyhood«, das seinem Middleclass-Protagonisten zwölf Jahre lang beim Großwerden in einer Patchwork-Familie zusieht und im Vergleich wie ein Kindergeburtstag wirkt (zumal wenn man Linklaters tumbes Collegejungsgelage »Everybody Wants Some!!« als Fortsetzung versteht).

Für das mit männlicher Identität hadernde Mobbingopfer Chiron, das drei Schauspieler in verschiedenen Altersstufen verkörpern, ist es schon ein Glück, eine Art Ersatzvater zu finden – auch wenn der sich als Dealer der eigenen Mutter entpuppt. Dieses kleine Leben inszeniert Barry Jenkins, der sich von Tarell McCraneys Drama »In Moonlight Black Boys Look Blue« an seine eigene Kindheit erinnert fühlte, nicht als neorealistisches Sozialdrama, sondern ganz groß: in Cinemascope, warmen Farben, psychedelischen Traumbildern, mit einer anschmiegsamen Kamera und einem eleganten Soundtrack, der aber die Verhältnisse nicht beschönigt. Die Obama-Ära habe ihn zu einem kompromisslos subjektiven Blick auf schwarze Erfahrung ermutigt, der nicht auf ein weißes Publikum schielt, sagt Jenkins über seinen Überraschungs-Oscar-Kandidaten.

Nur die Szenen am Meer stehen für Aufbruch: wenn Juan, der Dealer, seinem Schützling nicht nur Schwimmen beibringt, sondern auch ein wenig Selbstvertrauen und die Wellen sanft die Kameralinse umspülen; wenn Chiron die erste sexuelle Erfahrung mit einem Schulfreund macht; wenn er ihn schließlich viele Jahre später besucht. Jenkins geht es nicht um dramatische Höhepunkte, sondern um subtile Gesten und Blikke, die das Geschehen im Innern der Figuren offenbaren, intime Momente, in denen der misstrauisch abwartende Blick, den alle drei Darsteller Chirons stumm beherrschen, einem Anflug von Vertrauen weicht.

Einmal sieht man die in ein unheimliches rotes Licht getauchte Mutter den zarten Jugendlichen anbrüllen, hört sie aber nicht. Später wiederholt sich die Szene, nun mit Ton – ein Alptraum, aus dem der erwachsene Chiron erwacht. Der schlaksige Junge hat sich in einen getuneten Muskelmacker verwandelt, der immer noch kaum mehr als zwei Worte am Stück herauskriegt, aber im Zweifel eine Waffe sprechen lässt, wenn es sein Dealerjob verlangt. Seine wahre Identität hat er gut verborgen, doch der Mond und das Meer bringen sie ans Licht.

Marit Hofmann

 

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