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6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage

18.05.2017 12:24

Regie: Sobo Swobodnik; Deutschland 2017 (Partisan); 76 Minuten; ab 18. Mai im Kino


Tülin Özüdoğru, die 17 Jahre alt war, als Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos 2001 ihren Vater Abdurrahim Özüdoğru ermordeten, sagt: »Die Täter haben alles zerstört: mein Vertrauen, ein Stück meiner Vergangenheit, einen Teil meiner Gegenwart – und einen Teil meiner Zukunft.«

Sobo Swobodnik gibt in seinem Dokumentarfilm den Hinterbliebenen der NSU-Opfer eine Stimme, wenn auch nicht im wortwörtlichen Sinne. Was Tülin Özüdoğru und andere sagen, deren Leben seit den NSU-Morden nicht das ist, was es vorher war, tragen Schauspieler des Berliner Ensembles vor. Das gilt auch für das übrige Textmaterial: Statements von Anwälten, Auszüge aus dem Protokoll des NSU-Prozesses, nicht zuletzt Medienberichte – überwiegend zum Hergang der Morde und zu den fremdenfeindlichen Spekulationen der Ermittler über die Hintergründe. Zu sehen sind die Schauspieler nicht, nur zu hören.

»6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage« hebt sich radikal ab von anderen filmischen Darstellungen des Themas NSU, am nächsten kommt ihm »Der Kuaför in der Keupstraße« ( konkret 3/16; am 10. Mai, 23.25 Uhr im WDR). Auf der Bildebene kommen ausschließlich minimalistische Schwarzweißsequenzen, die an den Tatorten von einst gedreht sind, zum Einsatz. Wir sehen Bürgersteige, Pfützen, fahrende Autos (teilweise in verfremdeter Geschwindigkeit), selten Menschen. Elias Gottsteins Musik – mal elegisch, mal rhythmisch – ist, da im herkömmlichen Sinne äußerst wenig passiert, von besonderer Bedeutung.

Swobodnik nimmt auch den Journalismus in seiner Rolle als Spekulationsmaschine in den Blick. Nicht untypisch der Ton, den »Spiegel Online« 2009 anschlug: »Erstmals gibt es jetzt ein plausibles Motiv, warum die Opfer erschossen wurden. Ging es … um Wett- oder Spielschulden? … Die einzige Gemeinsamkeit der Opfer war ihre knappe Kasse … Nachbarn berichten von einer teuren Scheidung.«

Der Regisseur schafft mithilfe eines protokollarischen Sounds eine völlig andere Atmosphäre als in seinen intimen Porträts »Sexarbeiterin« und »Der Papst ist kein Jeansboy« ( konkret 7/15), doch durch die Reduzierung aufs pure Wort gelingt ihm wiederum eine ganz eigene Form von Unmittelbarkeit. Der NSU-Komplex ist monströs. Das gilt für die Morde und die Folgen, insbesondere die Nichtaufklärung der Hintergründe. Selten hat man das so stark gespürt wie beim Schauen dieses Films.

René Martens


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