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Europa - Ein Kontinent als Beute

23.02.2017 12:40

Regie: Christop Schuch, Reiner Krausz; mit Fabio De Masi, Daniele Ganser; Deutschland 2016 (Salzgeber); 78 Minuten; ab 23. Februar im Kino

 

Ein unnatürliches, weiß-graues Licht fällt auf öde Landschaften, in denen kein Mensch zu sehen ist. Dumpfe Hintergrundmusik macht die Atmosphäre surreal, als befänden wir uns in einem dystopischen Science-Fiction-Film. So erscheint Europa in den ersten Bildern von Christoph Schuchs und Reiner Krausz‘ Dokumentarfilm, der sich mit Ursachen und Folgen der kontinentalen Krise beschäftigt. Mit Kino- und Fernsehdokumentationen haben die beiden Erfahrung: Schuch als in Deutschland und Portugal ausgebildeter Regisseur, Krausz – der Kulturanthropologie studierte und zudem Mitarbeiter an dem Frankfurter Institut für Sozialforschung war - als Kameramann und Produzent.

Die Doku ist eine Reise von der spanischen Stadt Valencia, in der Politiker durch Milliardeninvestitionen in eine gescheiterte Bauspekulation dafür sorgten, dass die kommunalen Kassen massiv verschuldet sind, nach Lissabon, wo eine junge Aktivistin erzählt, wie die Austeritäspolitik Chancen und Hoffnungen einer Generation vernichtet hat. Außerdem haben die Filmemacher Interviews mit dem Europa-Parlamentarier Fabio De Masi (Die Linke), dem Schweizer Historiker Daniele Ganser und dem deutschen Börsenmakler Dirk „Mister Dax“ Müller geführt. Das Europa-Bild, das daraus entsteht, ist frustrierend: ein von Lobbisten und Finanzmafia kolonisierter Raum, in dem es kaum möglich ist, Kapitalinteresse und Institutionen zu unterscheiden.

Schon der Filmtitel “Europa, ein Kontinent als Beute” gibt die Perspektive der Regisseure wieder: Die Krise ist keine schicksalhafte ökonomische Katastrophe mit unkontrollierbaren Effekten, sondern ein politisches Regierungsinstrument, das den Reichtum von unten nach oben verteilt. Natürlich ist es schwer, die Krisenmechanismen eines Kontinents in einem 78minütigen Film darzustellen. Schuch und Krausz konzentrieren sich daher darauf, die transnationale Ebene der Europa-Politik in die Erfahrung einzelner, die ihre Effekte erleben, zu übersetzen. Hierbei beeindrucken die Bilder aus Valencia: die Konturen der monumentalen, durch Spekulation entstandenen Gebäudekomplexe, die dem Schulen- und Wohnungsbau Geld entzogen haben, erinnern an phantasmagorische Kathedralen in der Wüste. Indem die Kamera lang bei ihnen verweilt, wird die Architektur zum greifbaren Zeichen der Sinnlosigkeit eines Entwicklungsmodells, das “jeden Bezug zur Realität verloren hat” (Müller). “Privatisieren”, erläutert De Masi, “kommt aus lateinisch privare, also berauben, und damit hat es auch viel zu tun.”

Dass es hier nicht nur um Enteignung öffentlicher Räume geht, sondern auch um individuelle und kollektive Kräfte, Entwicklungs- und Lebensmöglichkeiten, die sich zur Beute zählen lassen, zeigen die Regisseure schließlich ganz gut am Beispiel Portugals und Griechenlands, das nur kurz erwähnt wird. Das Wort Depression, stellt die Doku klar, bezeichnet nicht zufällig sowohl eine wirtschaftliche Lage als auch einen psychischen Zustand.

Wichtig für einen Film, der sich mit politischen Themen auseinandersetzt, ist nicht zuletzt die Beziehung zur Praxis, die er antreibt. Obwohl die Dreharbeiten vor dem Brexit anfingen, nennen Schuch und Krausz die aktuellen Gefahren der ökonomischen Krisenspirale unverblümt beim Namen: Spaltung Europas, Aufstieg von Nationalismen und Faschismen, chauvinistische Hetze und das Gespenst des Krieges, das nach Jahrzehnten an den östlichen Grenzen wieder auftaucht.

Auf die Frage, wer von dieser Krise profitiert, lautet ihre Antwort: die Großkonzerne, die Nato und die amerikanischen Interessen. Dass ein in der BRD produzierter Film kein Wort zur Rolle Deutschlands sagt, erscheint mindestens suspekt. Das erstaunt aber nicht: Ganser und Müller, die hier als Experten zu Wort kommen und auf den Themen Nato, „außereuropäischen Einflüsse“ und “externen Akteure” beharren, vertreten sehr umstrittene Positionen, die ihre Kritiker für Verschwörungstheorien halten. Als Gastautor hat „Mr. Dax“ Müller seine Thesen zur Eurokrise auch in der rechtspopulistischen Zeitschrift Compact erscheinen gelassen.

Dass die Doku keine Gegenperspektive anbietet, ist ihre größte Schwäche. Methoden deutscher Prägung, die kaum vorkommen, sind unter anderem die Arbeitsmarktreformen, die Südeuropa in die Knie zwangen. Kein Wunder, wenn dann auch hier der schon tausendmal gehörte Aufruf zum gemeinsamen, transnationalen Aufstand gegen die Krise nurmehr als abstrakter Appell erscheint. Mehr Transparenz in der Politik wie in der Presse, die als Technik der Meinungskontrolle im Sinne Goebbels dargestellt wird, sind die einzige konkreten Forderungen, die aus der Argumentation des Films abzuleiten sind.

Zu einer radikalen Alternative hat die Doku nichts zu sagen: Wer von den europäischen Arbeitsverhältnissen schweigt, blendet auch die Subjekte des Widerstands aus. Das dystopische Bild eines zukunftslosen Europas ist alles, was übrig bleibt.

Fabio Angelelli

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