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Empörung

16.02.2017 15:07

Regie: James Schamus; mit Logan Lerman, Sarah Gadon; USA 2015 (X -Verleih); 111 Minuten; ab 16. Februar im Kino

 

Um sich dem Zugriff seines überprotektiven Vaters, eines jüdischen Metzgers, zu entziehen, flieht Marcus Messner 1951 in ein Provinzcollege, wo er sich wiederum dem sich stets freundlich gebenden Zugriff von in Verbindungen organisierten Kommilitonen und einem erzkonservativen Dekan entziehen muss. Obwohl der Hochbegabte eigentlich nur seine Ruhe haben will, um mit Elan zu studieren, gerät er immer wieder in Situationen, in denen er Rückgrat zeigen muss. Etwa, wenn er sich als erklärter Atheist mit dem Dekan einen Disput über die Pflicht der Studenten zum Besuch des Campus-Gottesdienstes liefert, statt – wie durchaus üblich – einfach einen jüngeren Kommilitonen für den Besuch zu bezahlen. Eine Herausforderung ist auch die Begegnung mit der psychisch labilen, aber sexuell unerhört unbekümmerten Olivia, deren Verzweiflung Marcus erst mit Verzögerung wahrnimmt. Für solcherart abweichendes Verhalten hält die US-Gesellschaft zu Beginn der fünfziger Jahre Elektroschocks bereit; für weniger Hochbegabte als Marcus den Korea-Krieg.

Ein Leichtes wäre es aus heutiger Perspektive gewesen, den Muff der McCarthyÄra altklug anzuprangern – und eine anachronistische Heldengeschichte des Aufbegehrens zu stricken. Doch Filmfex James Schamus, weltberühmt als erfolgreicher Produzent und Drehbuchautor, wählte für sein spätes Regiedebüt nicht nur eine semiautobiografische Romanvorlage vom nicht minder berühmten Philip Roth, sondern näherte sich dem Stoff mit geradezu wissenschaftlicher Akribie in Sachen Production Design. »Empörung« erzählt von einer Sattelzeit, in der Sozialisationsagenturen gewissermaßen noch analog arbeiteten und keine Jugendkultur für kollektive Devianz verfügbar war, sondern in einzelnen Biografien von beispielsweise Sylvia Plath oder Allen Ginsberg bestenfalls Spurenelemente des späteren antiautoritären Aufbruchs vorfindbar.

Diese ambitionierte Genauigkeit, die sich für Details wie Speisekarten in französischen Restaurants des Jahres 1951 ebenso interessiert wie für die Frage, ob ein bestimmter Wackelpudding seinerzeit als »koscher« durchgegangen ist, macht »Empörung« zu einem jener prestigeträchtigen und verbindlich auftrumpfenden Vorzeigestücke der USFilmproduktion wie beispielsweise »Im August in Osage County«, die dem Zuschauer »großes Schauspielerkino« entgegenrufen und bei denen sich die nuanciert ausformulierte Produktionsgeschichte weitaus interessanter liest, als sich der Film anschauen lässt, der daraus wurde.

Ulrich Kriest

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