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Elle

07.03.2017 10:39

Regie: Paul Verhoeven; mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte; Frankreich/ Deutschland/Belgien 2016 (MFA); 130 Minuten; ab 16. Februar im Kino

Keine Frage, der diesjährige Berlinale-Jurypräsident Paul Verhoeven ist einer der umstrittensten Filmemacher. Bewusst setzt er auf Provokation und bleibt meist missverstanden. Ob mit seinem Antikriegsfilm »Starship Troopers«, der als kriegsverherrlichender US-Propagandafilm rezipiert wurde, oder mit »Basic Instinct«, in dem er einen Blick zwischen Sharon Stones Beine so lasziv inszenierte, dass die Szene Filmgeschichte schrieb. »Obszön, pornografisch, reaktionär «, urteilten empörte Frauenverbände. In »Black Book« (2006) verliebt sich eine verfolgte Jüdin in einen SS-Mann.

Wieviel inszenierten Tabubruch verträgt ein Film? Verhoeven scheint das wenig zu kratzen. Mit »Elle« ist der nächste Skandal programmiert. Isabelle Huppert spielt darin die bourgeoise Geschäftsfrau Michèle Leblanc, Gründerin eines Unternehmens, das Videospiele entwickelt. Sie lebt allein in einer noblen Vorstadtvilla in der Peripherie von Paris und wird dort eines Tages überfallen und vergewaltigt. Später beginnt sie ein Verhältnis mit ihrem Vergewaltiger. Man sieht einen bewaffneten, schwarz maskierten Mann in Leder … Verhoeven spart nicht mit brutalen Szenen. Zugleich wird klar, dass Michèle von jeher Gewalt ausgesetzt war: Ein schlechter Ruf haftet ihr seit ihrer Kindheit an, in der ihr Vater, ein Massenmörder, sie in seine Machenschaften hineinzog. Im Restaurant wird sie bespuckt. In ihrer Firma entwickeln Männer ein Videospiel mit einem tentakelartigen Monster, das eine Frau penetriert, die die Vergewaltigung zu genießen scheint. In das Video montiert ein Unbekannter Michèles Gesicht und versendet es an die gesamte Belegschaft. Den Hohn erträgt die Bedrängte nach außen hin mit Fassung. Ebenso die Drohmails. Jemand dringt in ihr Haus ein und masturbiert auf ihrem Bett.

Verarbeitet Verhoeven in »Elle« Machophantasien? Offen bleibt, was die Frau dazu treibt, die Nähe zu ihrem Vergewaltiger zu suchen, unklar, ob sie aus Rache agiert oder die Demütigung umkehren will. Der Film wird zu Recht die Kritik ernten, dass er sexuelle Gewalt an Frauen verharmlost. Trotzdem ist es Verhoevens bestes Werk. Nicht zuletzt, weil Huppert den Regisseur an die Hand genommen und durch den französischen Film geführt hat und dies in jeder Einstellung gesellschaftlicher Events (Dinner im Restaurant, Weihnachtsabende) erkennbar ist. Es ist ein Stück, das bedrückt und Filmkenner zugleich durch seine Nuancen überzeugt: eine Reminiszenz an die Nouvelle Vague wie ein streitbar sexistischer Psychothriller.

Anina Valle Thiele

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