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Die dunkelste Stunde

19.01.2018 13:13

Regie: Joe Wright; mit Gary Oldman, Lily James; Großbritannien 2017 (Universal); 114 Minuten, ab 18. Januar im Kino

»Wenn Sie das Victory-Zeichen so machen, wie Sie es gemacht haben, hat das eine andere Bedeutung« – die junge Sekretärin Winston Churchills kichert und will auf die Frage des großen Mannes, welche andere Bedeutung das denn habe, nicht recht raus mit der Sprache. Schließlich verrät sie es ihm doch (»Schieb es dir in den Arsch.«), und er schmeißt sich weg. Fortan macht er das Siegeszeichen auf den Pressefotos richtig herum.

Joe Wright nähert sich seinem Protagonisten, indem er zeigt, wie unterschiedlich dieser sich gegenüber einigen wenigen Vertrauten benimmt: die Beziehung zu seiner Frau, sein anfangs ruppiges Auftreten gegenüber der neuen Sekretärin, die dann sein Vertrauen gewinnt, und sein ambivalentes Verhältnis zu King George VI. Dabei erscheint Churchill als warmherziger Teufel, der seine Begabung für Ironie und Zynismus sowie cholerische Brüllanfälle gewinnbringend einzusetzen weiß.

Im Mittelpunkt jedoch steht die Sprache. Mit geschliffenen, vor Durchhaltepathos triefenden patriotischen Reden schafft er es, diejenigen, die ihn in einer entscheidenden Phase des Zweiten Weltkriegs zur Aufnahme von Friedensverhandlungen mit Hitler zwingen wollen, klein zu halten und die Massen zu begeistern: »Er hat die englische Sprache mobilisiert«, bringt es ein beeindruckter Gegenspieler auf den Punkt. Der auf Churchill geschminkte Gary Oldman dominiert den Film total, kaum eine Szene ohne ihn, und verkörpert den nuschelnden Premier meisterhaft.

Regisseur und Drehbuchautor tun gut daran, sich auf die dramatischen ersten Wochen nach Churchills Amtsübernahme zu verlassen und auf Nebenhandlungen weitgehend zu verzichten.

Die gezeigten Tage im Mai/Juni 1940 sind derart als politischer Prozess, der auf eine einzige existentielle Frage zusammengezurrt ist, inszeniert, dass man dem Geschehen nur staunend folgen kann. Was allerdings auch zur Schwäche wird, denn »Die dunkelste Stunde« ist affirmativ bis an den Rand der Propaganda, ein Heldenepos, das auf kritische Fragen etwa zur Funktion von Nationalismus verzichtet und so zu einem eindimensionalen Gut-Böse-Spiel schrumpft.

Dennoch: Churchill knapp zwei Stunden beim Hitler-Verachten (»Dieser Anstreicher!«) zuzuschauen, ist schon gut.

Nicolai Hagedorn

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