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Die andere Seite der Hoffnung

30.03.2017 10:45

Regie: Aki Kaurismäki; mit Sakari Kuosmanen, Sherwan Haji; Finnland 2017 (Pandora); 98 Minuten, seit 30. März im Kino

 

Wie er die drohende »Islamisierung Europas« einschätze, fragte eine offenbar verwirrte Journalistin Aki Kaurismäki auf der Pressekonferenz zu seinem Berlinale-Beitrag »Die andere Seite der Hoffnung«. Der finnische Meister des staubtrockenen Humors blickte in die Runde und nuschelte: »Die Islandisierung? Der sehe ich recht entspannt entgegen. Die Isländer haben zwar bei der EM letztes Jahr ganz gut abgeschnitten, aber so schnell werden sie Europa nicht übernehmen.« Ähnlich begegnet sein Film jeglichen hysterischen Kommentaren zum Untergang des Abendlandes – mit stoischer Verschrobenheit und bissigen Bemerkungen.

»Die andere Seite der Hoffnung« sollte Teil einer »Hafen-Trilogie « werden, deren erster Beitrag der Vorgänger »Le Havre« (siehe konkret 9/11) ist – kurz nach der Berliner Premiere aber kündigte Kaurismäki im finnischen Fernsehen seinen endgültigen und sofortigen Abschied vom Filmemachen an. Man bräuchte zwar nicht erst »Die andere Seite der Hoffnung«, um auf diese Nachricht bestürzt zu reagieren, aber gerade dieser neueste Film führt – hoffentlich auch einem jüngeren Publikum – vor Augen, wie schwer dieser Verlust für die europäische Filmszene wiegt – sollte er sich denn tatsächlich als irreversibel erweisen.

Kaurismäki stand schon immer auf der Seite der Außenseiter – in seinen Filmen mit den finnischen Weirdo-Rockern Leningrad Cowboys ebenso wie in seinem frühen Meisterwerk, der »Proletarischen Trilogie«. Erst mit »Le Havre« aber wendete sich der Regisseur so konkret einem zeitgenössischen Thema wie der Migration nach Europa zu, das 2011 freilich noch nicht annähernd von solch einer umfassenden Hysterie umgeben war wie in den Jahren danach. Dementsprechend fiel dieser erste Film über einen ungebetenen Gast in der Festung Europa – einen kleinen afrikanischen Jungen – noch verhältnismäßig märchenhaft und gar ein klein wenig betulich aus. In »Die andere Seite der Hoffnung« ist, wie schon der Titel andeutet, dieser Hauch von Verklärung verschwunden und Kaurismäki wieder ganz bei seiner ureigenen Begabung: der kunstvollen Überhöhung von Tristesse.

Dieser Tristesse nähert sich Kaurismäki diesmal dialektisch – und so weist sein vermutlich letzter Film möglicherweise die komplexeste Struktur seiner gesamten Karriere auf. Der Regisseur schaltet nämlich zwei Erzählstränge nebeneinander, die erst nach etwa der Hälfte des Films zusammenlaufen. Da ist zum einen der Hemdenvertreter Wikström, der aus seinem eintönigen Berufs- und Eheleben ausbricht, um ein Restaurant zu eröffnen; zum anderen der junge Syrer Khaled, der nach langer Odyssee auf den Fluchtrouten Europas nach Helsinki gelangt ist, auf dem Weg aber von seiner Schwester getrennt wurde. Nicht unähnlich dem letztjährigen Berlinale- Gewinner, dem Dokumentarfilm »Seefeuer« (konkret 8/16), stellt Kaurismäki den Alltag von Europäern und Geflüchteten nebeneinander. Damit will er weder die Hoffnungen seines finnischen Protagonisten verspotten noch die des syrischen überhöhen. Völlig klar aber ist zu jeder Minute des Films: Nur einer von beiden kämpft, angesichts seiner drohenden Abschiebung, um Leben und Tod.

Dies dürfte der erste Kaurismäki-Film sein, in dem eine aktuelle Nachrichtensendung seine hermetische, schrullige Filmwelt durchbricht – in diesem Fall ein Bericht über die Zerstörung Aleppos, wohin Khaled zurückgeschickt werden soll. Von diesem realpolitischen Hintergrund einmal abgesehen, zelebriert der Finne jedoch wieder seinen typischen, aus der Zeit gefallenen Kosmos. Das zeigt sich in »Die andere Seite der Hoffnung« vor allem in der urigen Pinte, die Wikström aufkauft. Dort taucht irgendwann Khaled auf, der sich auf der Flucht vor den Behörden befindet und zunächst mit Wikström in einen Faustkampf gerät. In klassischer Kaurismäki- Manier braucht es aber nur einen einzigen Schnitt, und schon sitzt der Syrer vor einem großen Teller Suppe im Restaurant, bekommt dort einen Job angeboten und wenig später sogar einen gefälschten Pass organisiert.

Das Restaurant, seine lethargischen Angestellten, die auch mal mit Kippe im Mund im Stehen schlafen, sowie diverse kulinarische Imagewechsel sorgen für die witzigsten Momente des Films. Hier ist Kaurismäki ganz in seinem Element: Mit minimalen Gesten, lakonischen Einstellungen und wenigen Worten konstruiert er seine mürrischen Käuze und die Welt, in der sie leben. Dabei überzeugt vor allem, dass er nicht auf eine kulturelle Einzigartigkeit seiner finnischen Figuren pocht. Bei Kaurismäki kann jeder Kauz sein! Denn Khaled fügt sich mit seinem trockenen Gemüt ganz hervorragend ein in das Ensemble der skandinavischen Stiesel. Schon bei seiner Ankunft im Flüchtlingsheim schärft ihm ein Leidensgenosse ein, bloß immer zu lächeln, da die Melancholischen zuerst wieder gehen müssten – wenig später wird Khaled tatsächlich die Ablehnung seines Asylantrags verkündet.

Wie der Regisseur hier solch aktuelles Unrecht mit seinem eigenen Filmuniversum, in dem es ja auch nie gerecht zugeht, verquickt, weist ihn erneut als einen der letzten großen Humanisten des europäischen Kinos aus. Das Helsinki des Films mag in die charakteristischen Kaurismäki-Pastelltöne getaucht sein; sadistische Nazi-Banden, eiskalte Bürokraten und Polizisten aber verankern es zugleich fest in der realen Welt. Großartig auch, wie »Die andere Seite der Hoffnung« den Schulterschluss zwischen seinen beiden Hauptfiguren zeichnet. Im Gegensatz zu vielen unerträglichen deutschen und französischen Integrationskomödien wird hier nicht geheuchelt: Zunächst hilft der stoische Wikström Khaled wohl durchaus nicht nur aus altruistischen Motiven; wenn er sich am Ende doch klar auf die Seite des Geflüchteten stellt, dann – natürlich – ohne große Reden und Erklärungen. Er tut es aus Solidarität – der Solidarität der Außenseiter und komischen Käuze.

 

Tim Lindemann

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