Aktuelles

aboprämie 8-17

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

Spot on

Der Ornithologe

19.07.2017 12:36

Regie: João Pedro Rodrigues; mit Paul Hamy, Xelo Cagiao; Portugal/Frankreich/Brasilien 2017 (Salzgeber); 118 Minuten; ab 13. Juli im Kino

Ein Kanu treibt einsam auf einem Fluss. An Bord: Fernando (Paul Hamy), ein Ornithologe auf der Suche nach dem seltenen Schwarzstorch. In satten, prächtigen Farben zeichnet die Kamera das beeindruckende Setting des portugiesischen Douro-Tals nach; immer wieder blickt sie auch durch Fernandos Feldstecher und fängt fulminante Tieraufnahmen ein, die so manche Naturdoku alt aussehen lassen. Zwischendurch steht der Vogelforscher in Kontakt mit seinem Freund daheim; aber der Empfang ist schlecht, und Fernando möchte ohnehin lieber in Ruhe die Natur genießen. So plätschert die eröffnende Viertelstunde von João Pedro Rodrigues’ fünftem Film »Der Ornithologe« wortwörtlich vor sich hin, und man glaubt, sich bereits in der meditativsten Form des europäischen Arthouse-Kinos zu befinden. Dann aber gerät das Kanu des Protagonisten in Stromschnellen, er geht über Bord, und der Film schaltet überraschend ein paar Gänge hoch.

João Pedro Rodrigues ist seit seinem Debüt »O Fantasma« der bekannteste Vertreter des portugiesischen Queer Cinemas. Mit »Der Ornithologe« – dem ersten seiner Filme, der in Deutschland regulär im Kino zu sehen ist – stellt er sich nun in die Tradition einiger großer Vorbilder des schwulen Kinos. Nach dem Bootsunfall beginnt sich das ruhige Leben der Hauptfigur drastisch zu ändern: Rodrigues inszeniert Fernandos Odyssee durch das verschlungene Flusstal als Nacherzählung der Leidensgeschichte des heiligen Antonius von Padua – und erinnert damit an Derek Jarmans schwules Märtyrerdrama »Sebastiane« aus dem Jahr 1976, das wiederum aus dem heiligen Sebastian eine »Gay Icon« machte. Eindeutig parallel zu dem ikonischen Bild des von Pfeilen durchbohrten Sebastian bei Jarman zeigt Rodrigues seinen Hauptdarsteller in einer zentralen Szene brutal gefesselt.

Auch wer im katholischen Matyrologium nicht besonders bewandert ist, kennt Antonius, den portugiesischen Nationalheiligen, vielleicht als Schutzpatron der (Haus-)Tiere und der verlorengegangenen Dinge und Menschen. Diesem Symbolismus entsprechend irrt der Vogelexperte nun durch die Wälder und trifft neben verschiedenen Tieren allerlei verlorene Seelen: zwei chinesische Pilgerinnen mit Bondage-Fetisch, unheimlich maskierte Karnevalstänzer, einen taubstummen Hirtenjungen namens Jesus, barbusige Amazonen. Die christlich unterfütterte Story mag an einen anderen Großmeister des katholischen Queer Films gemahnen: Pier Paolo Pasolini, insbesondere dessen Komödie »Große Vögel, kleine Vögel«; die Begegnungen mit den bizarren Bewohnern des Waldes aber könnten deutsche Zuschauer ebenso gut an den psychedelischen Irrsinn der Filme Wenzel Storchs und Helge Schneiders erinnern. Zumindest strahlt »Der Ornithologe« stellenweise die gleiche liebevolle Verschrobenheit aus – und ebenso den Hang zur genüsslichen Irritation des Publikums.

Dies sind eindeutig die besten Momente des Films: Jedes Zusammentreffen mit einer der schrägen Gestalten öffnet ein neues Kapitel, konfrontiert Fernando mit neuen Rätseln. Akzeptiert man als Zuschauer, dass man die reale Welt hier längst hinter sich gelassen hat, ist man dem Protagonisten deutlich voraus. Dann kann man die zwischen grotesk und mysteriös pendelnde Stimmung, die der portugiesische Regisseur heraufbeschwört, genießen und muss sich nicht mehr mit lästiger Logik aufhalten. Das verwunschene Setting, ein gelungenes Sounddesign und die absolut begnadete Kameraarbeit von Rui Poças (Miguel Gomes’ »Tabu«) unterstützen diese entrückte Atmosphäre. Besonders ein dämonisches, nächtliches Tanzritual bleibt in Erinnerung.

Der dritte große Name, den einem »Der Ornithologe« nicht zufällig ins Gedächtnis ruft, ist Apichatpong Weerasethakul. Den hierzulande nur wenig bekannten Film »Tropical Malady« des thailändischen Auteurs – eine schwule Liebesgeschichte im Dschungel plus Tigerdämonen – scheint Rodrigues im letzten Drittel des Films zu zitieren. Da streift Fernando durch einen Abschnitt des Waldes, in dem plötzlich ausgestopfte, wie eingefroren wirkende Tiere im Unterholz auftauchen – darunter ein Tiger.

Gegen Ende verlässt den Film sein anarchischer Drive zusehends, und er driftet gefährlich in Richtung symbolischer Überfrachtung. Die teilweise sehr witzigen Dialoge mit Fernandos Begegnungen am Anfang weichen schließlich eher anstrengenden Monologen; Rodrigues wagt sich stellenweise zu weit aus den logischen Klammern des Erzählkinos hinaus – eine erschossene Figur steht nach kurzer Zeit am Boden wieder auf und geht weiter –, so dass eine gewisse Beliebigkeit Einzug hält. Wenn es keinerlei Regeln mehr gibt und alles egal ist, droht sich eben manchmal Desinteresse einzustellen. Das enttäuschende Ende, bei dem die Hauptfigur plötzlich von Regisseur Rodrigues selbst verkörpert wird, mag dem Interesse des Films an instabilen Identitäten und der Suche nach dem eigentlichen Selbst gerecht werden, bleibt aber vage und unbefriedigend.

Die Konfrontation von katholischer Ikonografie mit »schockierender« schwuler Ästhetik dürfte heute kaum noch für Skandale sorgen wie seinerzeit bei Pasolini. Dennoch liefert Rodrigues mit »Der Ornithologe« eine aufsehenerregende, weil individuelle Interpretation des Themas. Die Parallelen zum Leben des Antonius bilden einen komplexen Subtext, der sich freilich nur einem kleinen Teil des Publikums erschließen dürfte. Vor allem die episodenhafte Struktur von Fernandos Wanderung – eben wie die einer Heiligenvita – verbildlicht die mystische Natur dieses Films, dem es über weite Strecken gelingt, gleichzeitig enorm unterhaltsam zu sein. Dass sich diese überbordende Mixtur aus Religion, Erotik und Nonsens am Ende nicht ganz stimmig zusammenfügt, lässt sich daher verschmerzen.

Tim Lindemann

Zurück