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Der junge Karl Marx

28.02.2017 15:21

Regie: Raoul Peck; mit August Diehl, Stefan Konarske; Deutschland/Frankreich/ Belgien 2016 (Neue Visionen); 118 Minuten; ab 2. März im Kino

 

»Der junge Karl Marx« fängt stark an: Polizisten durchkämmen ein Waldgebiet, in dem abgerissene Gestalten zwischen den Büschen hausen. Die Kamera filmt ins Licht, ein Ort wie der morgendliche Berliner Tiergarten. Die Menschen könnten die sein, die dort zelten: Arbeiter aus Osteuropa, aus der Wohnung Geräumte und sonstige Marginalisierte. Sollte es im Sinne von Regisseur Raoul Peck gewesen sein, eine Verbindung zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts, zwischen der damaligen Pauperisierung der Massen, und dem heutigen Prekariat herzustellen, ist ihm das zumindest zu Beginn gelungen.

Im Zentrum seines Films steht das prominenteste Rockstarduo, bevor Lennon/ McCartney beziehungsweise Jagger/Richards die Weltbühne betraten: Karl Marx und Friedrich Engels, jung und schön, Paris 1844. Sie schmieden politische Bündnisse, gründen Zeitungen, fliegen raus, schreiben Studien über die Armut. Karl ist knapp bei Kasse, Friedrich kämpft mit dem Unternehmervater – die beiden Jungzausel könnten europäische Hipster sein, nur die Smartphones fehlen. Sie disputieren sich besoffen und verqualmt durch politische Theorie, Ökonomie und Familienprobleme. Nach der Devise »Gebt den Linken mehr zu trinken« wirkt der Streifen zeitweise wie ein Werbeclip für den Spätkauf.

In der ersten Stunde kommt das recht modern rüber. Dann ist die Luft raus. Zum Kommunistischen Manifest hin verlegt man sich ein wenig aufs Drehbuchaufsagen. Das große Plus dieses Films: Er beleuchtet einen Abschnitt deutscher Geschichte, der so gut wie nie im Kino vorkommt; Marx und Engels und der Kommunismus sowieso nicht. Peck präsentiert mit Mary Burns und Jenny Marx zwei starke Frauenfiguren. Überhaupt alle Schauspieler machen ihr Ding und das nicht schlecht. Im Minus: Öfter vergisst der Film, dass er Kino ist. Er versinkt im endlosen Debattieren wie unsereins weiland nach dem Proseminar oder hat inszenatorische Macken: Wenn ich darstellen will, dass die Webmaschine der Arbeiterin die Finger abreißt, stelle ich niemand ins Zimmer, der erzählt, dass die Webmaschine die Finger abgerissen hat. Ich zeige die Finger. Aber was soll’s: Raoul Peck, mach dich an Das Kapital 1–3!

Jürgen Kiontke

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