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Der Himmel wird warten

23.03.2017 14:30

Regie: Marie-Castille Mention-Schaar; mit Noémie Merlant, Naomi Amarger; Frankreich 2016 (Neue Visionen); 105 Minuten; seit 23. März im Kino

 

Die Geschichte klingt völlig irre. So irre, dass man sie eigentlich weder glauben mag noch kann. Und dennoch scheint es wahr zu sein, was die französische Regisseurin Marie- Castille Mention-Schaar in »Der Himmel wird warten« erzählt. Da lassen sich zwei stinknormale französische Mädchen vom IS ködern, um in dessen Auftrag Anschläge zu begehen. Freilich klingt das nur beim ersten Hören unglaublich. Ein Blick in die Geschichte zeigt, wofür sich Menschen, Männer und Frauen, in dieser Welt schon hergegeben haben. Nicht zuletzt in Deutschland.

Dass heute eine sunnitische Terrormiliz junge Mädchen aus der französischen Mittel- und Oberschicht rekrutieren kann, offenbart, wie prekär die Verhältnisse sind – und wie dialektisch. Auch die vermeintlich aufgeklärte westliche Gesellschaft ist offen für Fundamentalismus und Irrsinn, sei dieser nun religiös, esoterisch oder politisch motiviert.

Mention-Schaar gelingt es, die hochkomplexe Thematik in ein Sozialdrama zu gießen, ohne die üblichen tristen Bildwelten und bleiernen Dialoge des Genres zu bemühen. Die Hauptfiguren, seien sie uns innerlich noch so fern, bergen eine große Komplexität. Das Drehbuch bleibt nah am wirklich Erlebten. Das liegt unter anderem daran, dass die Regisseurin mit ihrer Drehbuchcoautorin Émilie Frèche ausgiebig recherchiert hat. Eine Ansprechpartnerin fand sie in der Anthropologin Dounia Bouzar. Diese hat es sich zur Aufgabe gemacht, vor allem junge Frauen, die dem Djihadismus verfallen sind, zu entradikalisieren und vom Kopf auf die Füße zu stellen. Bouzar spielt sich selbst. Sie ist das einzige quasidokumentarische Moment in einem Spielfilm, der einen hohen Anspruch auf Wahrhaftigkeit hegt. Eine echte Doku war nicht möglich. Kein potentieller Attentäter lässt sich von einer Filmcrew begleiten. Und keine vernünftige Filmcrew will Mitwisser und verkappter Komplize einer Mörderbande sein.

Auf die Kunst zurückzugreifen, hat sich in diesem Falle bewährt, zumal der Film immer wieder in kleinen Nebenszenen die Schattenseiten und Perversionen familiärer Bande entlarvt. Und das, obwohl das Presseheft vollmundig behauptet: »Mention-Schaar … erzählt … auch von der Chance, die in der Familie liegt.«

Katrin Hildebrand

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