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Deportation Class

01.06.2017 16:14

Regie: Carsten Rau/Hauke Wendler; Deutschland 2017 (Pier 53); 85 Minuten; ab 1. Juni im Kino 

Rückführungsmanagement, Sammelcharter- und aufenthaltsbeendende Maßnahmen – Bürokraten haben viele Worte kreiert, um den Charakter der Abschiebung von Asylbewerbern zu verschleiern. Die Beamten, die solche Begriffe in diesem Dokumentarfilm benutzen oder als Schriftzug auf Westen tragen, werden wohl nie auf die Idee kommen, dass sie die Brutalität noch unterstreichen.

Die einprägsamsten Szenen entstehen nachts in einer Unterkunft in Mecklenburg-Vorpommern: Der Albaner Gezim J. steht um 2.30 Uhr in Unterwäsche im Flur, um ihn herum Polizisten, die ihm deutlich machen, dass seine Familie sofort ihre Sachen zu packen habe. Auch Lorenz Caffier, der Innenminister, ist vor Ort. Wenn sich J. schnell füge, sei das »doch für alle Beteiligten viel einfacher, auch für meine Mitarbeiter«, sagt der Mann von der christlichen Partei. Offenbar glaubt er, die Zuschauer hätten vor allem Mitleid mit den Staatsdienern, die Nachtschicht schieben müssen.

»Deportation Class« entstand während des Landtagswahlkampfs 2016, eine 45minütige Fassung (»Protokoll einer Abschiebung«) lief zunächst im NDR. Der Minister lässt den Dreh nicht nur genehmigen, er mischt auch mit, weil er glaubt, dass es ihm nützlich sein kann. Der joviale – für einen Schnack mit den Beamten bleibt stets Zeit – und empathiefreie Caffier agiert nach dem Motto: Was die AfD kann, können wir besser.

Darf man das überhaupt drehen, wenn die Menschenwürde derart missachtet wird, wie es bei diesen Überfällen die Regel ist? Regisseur Hauke Wendler sagt, Gezim J. habe den Film als Chance begriffen, dass die Öffentlichkeit mitbekommt, unter welchen Bedingungen Deutschland Menschen abschiebt. Nach »Deportation Class« dürfte es nicht mehr möglich sein, so etwas zu drehen. Insofern ist der Film ein wichtiges zeithistorisches Dokument.

Während in der TV-Fassung das Abholen und das Abschieben im Mittelpunkt stehen, bekommen in der Kinoversion die Betroffenen mehr Raum. Sie gibt jenen ein Gesicht, die in der aktuellen Berichterstattung bloß Kulisse sind, und zeigt auch, wie es den Abschiebeopfern nach der Rückkehr ergeht. Einer weiteren albanischen Familie, die die Filmemacher begleitet haben, droht im vermeintlich sicheren Herkunftsland Blutrache.

Für Lorenz Caffier hat sich der Ausflug zum Film übrigens nicht gelohnt: Bei der Landtagswahl landete die CDU hinter der AfD.     

René Martens

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