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Call Me by Your Name

14.03.2018 15:11

Regie: Luca Guadagnino; mit Timothée Chalamet, Armie Hammer; Italien, Frankreich, USA, Brasilien 2017;  133 Minuten; ab 1. März im Kino

„Ich hatte Angst, wenn er auftauchte, Angst, wenn er nicht kam, Angst, wenn er mich ansah, und noch mehr Angst, wenn er das nicht tat.“ In seinem 2007 erschienen Roman seziert der amerikanische Autor André Aciman den Wahnsinn der ersten Liebe. Sein Erzähler Elio Perlman schildert, wie es ihn als 17-Jährigen schlimm erwischt hatte. Zunächst passiert nicht viel: Er beobachtet den Angebeteten, den 23-jährigen Amerikaner Oliver, der seine Doktorarbeit in dem wunderschönen Ferienhaus von Elios Vaters, eines Professors für Kunstgeschichte, fertigstellt, aus der Ferne. Der Sommer in der norditalienischen Idylle zieht sich wunderbar eintönig hin, während Elios rasantes Seelenleben ausschließlich in inneren Monologen stattfindet.

Die lassen sich schwer verfilmen. Ein Problem, das Drehbuchautor James Ivory - sonst auf langatmige Historiendramen spezialisiert - löst, indem er aus dem pubertären Hohelied ein Hohelied auf die Pubertät macht. Von inneren Kämpfen erzählt der Film nur noch über die Musik oder einen flüchtigen Blick auf Elios Notizen. Der Fokus liegt auf der eigentlichen Romanze zwischen der beiden jungen Männer. Für ihre Liebe gilt, was Christoph Krämer in konkret 12/06 über Dietmar Daths  Roman „Dirac“ geschrieben hatte: „Es geht … um das Beharren auf einem Leben, das nicht in vorgeformten Bahnen zieht, sondern zum Eigentlichen kommt. Was das ist, schien in der Reinheit des pubertären Protests gegen Eltern, Lehrer und einfach alles, im Aufbäumen gegen die Zumutung einer verrückten Welt, sie für normal zu halten, leicht zu beantworten.“              

Regisseur Luca Guadagninos Kino ist die ganz große Illusion: Es lässt den Zuschauer die Hitze des italienischen Sommers spüren, den Regen riechen, die überreifen Aprikosen schmecken, den Löffel in ein wunderbar weichgekochtes Ei tauchen … Für den Preis eines Kinoticket gibt es zwei Stunden Italienurlaub de luxe. Es herrscht allgemeine Dekadenz, alles ist schön, im Überfluss vorhanden und im Verfall begriffen. Armond White kritisierte im US-Magazin „Out“, der Film sei elitär und verdiene den Untertitel:„Sex Lives of the Rich and Immodest“. Tatsächlich kann sich kaum jemand  erlauben zu leben wie Elio und seine Familie. Aber wäre das nicht schön? Wünscht man nicht jedem ein Dasein zwischen Sonnenbaden, gutem Essen, nachmittäglichem Onanieren und dem Transkribieren von etwas Bach im Schatten eines Aprikosenbaumes?  

Es gibt nicht viele Filme, nach denen man sein Leben ändern möchte. „Call me by your name“ konfrontiert den Zuschauer mit der Frage, ob das Leben, das ja bekanntermaßen im Falschen kein richtiges sein kann, nicht trotzdem  ein bißchen schöner sein sollte.  

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