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23.03.2017 14:24

Regie: Pia Lenz; Deutschland 2016 (Rise and Shine Cinema); 95 Minuten; seit 23. März im Kino

 

Ein Verdienst des Kinodebüts der Regisseurin Pia Lenz ist die Dekonstruktion von Klischees. Ohne Kommentierung zeigt der Dokumentarfilm diese zunächst einmal (Syrer mit Smartphone, schlecht erzogener Roma- Junge, Kopftuchmädchen), kommt den Klischeefiguren dann aber so nahe, dass sie als Menschen erkennbar werden. Aufmerksam beobachtet Lenz die Bemühungen einer syrischen und einer Roma-Familie aus Mazedonien um Integration in der neuen deutschen Heimat. So weit, so gelungen.

Leider versteift sich Lenz zu sehr darauf, das gute Deutschland zu zeigen. Wo man hinsieht, engagierte Pädagogen, Verwaltungsangestellte, Sozialarbeiter. Polizei und Abschiebebehörden sind zwar als düstere Bedrohung präsent und werden gewissermaßen wie Naturgewalten hingenommen, bleiben aber unsichtbar. Stattdessen: ein Verwaltungsapparat, der die neuen Mitbürger freundlich unterstützt, und Flüchtlinge, die zwar latent vor dem Nervenzusammenbruch stehen, aber vor allem erleichtert sind über das Erreichen des romafreundlichen Paradieses oder den Nachzug der Familie.

Die stärksten Momente des Films sind indes die, in denen sich die ganze Eierkuchenparty als Farce erweist. Die elfjährige syrische Ghofran lernt deutsche Kultur durch Peter-Maffay-Lieder im Schulchor kennen, und ihre anfängliche Irritation ist nichts als verständlich. Währenddessen stößt das Bemühen der Lehrerin und der Eltern der Mitschüler um den Roma-Jungen Djaner schnell an Grenzen. Als er sich mit Mutter und Bruder vor der anrückenden Polizei verstecken muss und nicht mehr in die Schule kann, kommt von der Lehrerin nur ein Ausdruck des Bedauerns am Telefon: »Och, Mensch, das ist ja blöd.« Eltern der Mitschüler richten einen Fahrdienst für ihn ein, aber der Junge verweigert der Grundschulpädagogik aus Guten-Morgen-Singsang, Leisezeichen und Isolationsstrafe auf dem Flur die Gefolgschaft, nimmt das Ganze betreten zur Kenntnis und zerdeppert lieber das Geschirr im Esszimmer.

So wird das Kind, das sich zwischen all den fleißigen, während des Unterrichts im Flüsterton sprechenden Hoffnungsträgern nicht einreihen kann und sich eben wie ein noch nicht »beschulter« Achtjähriger benimmt, zum heimlichen Helden des Films. Während Djaners Abschiebung bevorsteht, sind sich Mitschüler und Lehrerin einig: Er muss nur lernen, »nett zu werden«.

Nicolai Hagedorn

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