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Patient tot

Zwei Bücher, die als Kritik an der „boomenden Psychoindustrie“  daherkommen, gehören in die Reihe „Nur nicht nachdenken“. Von Iris Dankemeyer

Spätestens bei der Frage, was die Psyche eigentlich sei, zeigt sich, für wie dumm der Therapiekritiker Ulrich Buchner seine Leserschaft hält (»Bitte nicht erschrecken – auch, wenn’s jetzt ein bißchen philosophisch wird!«) – und wie dämlich er selbst ist. Wo etwa die Psychoanalyse die Psyche als kompliziertes Geflecht aus Affekten und Bedürfnissen, Denk- und Wahrnehmungsstrukturen erklärt, gibt es bei Buchner nur Rauschen. Der Diplom-Psychologe und Coach teilt die Ansicht des Physikers Hans-Peter Dürr, »unser Hirn sei eine Art Empfangsgerät für ein unendliches Bewußtsein, genauso wie ein Radio selbst keine Musik erzeugt, sondern sie eben nur empfängt«. Das Nacherzählen prägender Erlebnisse ist für Buchner eine überflüssige Wiederholung – dabei geht es im psychoanalytischen Prozeß gerade darum, unterdrückte Phantasien ins Bewußtsein zu heben und den Wiederholungszwang zu beenden.

Der Autor möchte »unter einer provokanten Prämisse einen verständlichen Beitrag zur Aufklärung leisten«. Die Provokation besteht darin, Ärzte und Psychologen zu Scharlatanen bzw. »Irren« zu erklären, die mit Hilfe ihres »Herrschaftswissens« Patienten zu Objekten degradierten. Buchner hat jedoch nichts mit Michel Foucaults Kritik der Klinik zu schaffen, sondern einen schmerzhaft plumpen Umkehrschluß parat: Der gesunde Menschenverstand heilt alle Wunden! Anstatt seine psychische Gesundheit erfahrenen Fachkräften anzuvertrauen, kann man sich selbst überzeugen, daß doch alles gar nicht so schlimm ist.

Verdrängung hat für den Mann auch seine guten Seiten. Beispiel: Nachdem die deutsche Fußballnationalelf bei der letzten WM gegen Serbien verloren hatte, mußte sie, um gegen Ghana zu gewinnen, die »negativen Emotionen« rund um das »Gefühl des Verlorenhabens « vergessen. »Da hilft nur schnelle Konzentration auf das nächste Spiel.« Schnelle Konzentration ist etwas für Leute, die den psychischen Apparat mit einem Rundfunkgerät und die eigene Identität mit einer Sportgruppe verwechseln. Für die, die an den gesellschaftlichen Verhältnissen irre oder depressiv werden, bedeuten Buchners Patentrezepte eine Verhöhnung ihres Leidens.

Steve Ayan sieht in Hilfe, wir machen uns verrückt!, ebenfalls aus der Reihe »Nur nicht nachdenken«, das Problem im »Tanz ums goldene Ich«: »Sich ständig mit sich selbst zu beschäftigen, verstellt den Blick aufs Wesentliche. « Daß die Qualität der Selbstbespiegelung dabei entscheidend ist, verschweigt der Redakteur von »Spektrum der Wissenschaft«, denn – bei aller berechtigten Kritik an der »boomenden Psychoindustrie« – genesen soll man auch hier offenbar am deutschen Fußballwesen, und in dem sind Zweifel, Melancholie, Erschöpfung nicht vorgesehen. Wer unglücklich ist, muß sich das selbst eingeredet haben: »Auf seelischem Gebiet wähnen wir uns laufend bedroht von Traumata, Ängsten und Schwermut – durch verständnislose Eltern, fiese Chefs, mobbende Kollegen, unsensible Partner, ewig fordernde Kinder.« Als wäre diese Aufzählung keine zutreffende Beschreibung einer gesellschaftlichen Realität, in der Menschen psychisch verarmen. Statt »Dinge, die beinahe unvermeidlich sind, als inakzeptable Notlagen« zu betrachten, sollen wir uns offenbar in ein Schicksal fügen, das Bücher wie diese hervorbringt. Was als Kritik an einer Übertherapeutisierung daherkommt, ist Ideologie.

Ulrich Buchner: Wenn Irre Irrenärzte werden. Hinter den Kulissen der Psychotherapie. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2012, 192 Seiten, 16,99 Euro

Steve Ayan: Hilfe, wir machen uns verrückt. Der Psychokult und die Folgen. Pendo, Zürich 2012, 240 Seiten, 17,99 Euro

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