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Depression und Gesellschaft

»Wir wollen kein Psycho-Heim in unserem Kiez!« titelte »Bild«, als sich im vergangenen Frühjahr in Berlin Weißensee die Bürgerinitiative »Familienkiez – Angstfrei leben in Weißensee« gegen ein dort geplantes therapeutisches Wohnprojekt für psychisch kranke Straftäter formierte. Auf Informationsveranstaltungen versuchte der leitende Arzt vergeblich, den gutbürgerlichen Mob zu beruhigen, der sogleich »Kinderschänder« und Hannibal Lecters herbeiphantasierte.

 Ähnlicher Widerstand gegen neue psychiatrische Einrichtungen, der die gänzlich anders motivierte linke Antipsychiatriebewegung der sechziger und siebziger Jahre abgelöst zu haben scheint, ist in Deutschland an der Tagesordnung. Die Ressentiments gegen psychische Abweichungen und die Angst vor den eigenen Abgründen gehen so weit, daß gutsituierte Hausbesitzer in einer Kleinstadt im Westerwald sogar eine Wohngruppe mit maximal sieben eßgestörten Mädchen (die oft ebenfalls aus dem gehobenen Mittelstand stammen) am Rande ihres Viertels mit allen Mitteln zu verhindern suchten: Man wolle »keine kotzenden Mädchen im Vorgarten« (zitiert nach »Rhein-Zeitung«). Erst nachdem eine Klage der Anwohner abgewiesen wurde, kann die erste Mädchengruppe nach monatelanger Verzögerung nun wohl im Oktober einziehen. LITERATUR KONKRET setzt sich in diesem Jahr mit Tabus im Zusammenhang mit psychischen Krankheiten auseinander, zieht die Grenze zwischen seriösen Therapieformen und Seelenpfuschern und untersucht das Verhältnis von Depression und neoliberaler Arbeitswelt. Der Modebegriff Burn-out stammt übrigens aus der Atomphysik und beschreibt das Durchbrennen der Brennstäbe in einem Kernreaktor, wenn diese nicht ausreichend gekühlt werden. Das wirft ein Licht darauf, wie mancher sich die »Reparatur« des psychischen Apparats vorstellt: Depressive einfach kaltstellen, dann richten sie kein Unheil an.

 Den Innenteil des Heftes illustrieren künstlerische Werke von Psychiatriepatienten aus der einzigartigen Sammlung Prinzhorn, die Anfang der zwanziger Jahre an der Uniklinik Heidelberg entstanden ist. Die Redaktion dankt für die freundliche Abdruckgenehmigung. Am 25. Oktober eröffnet im Heidelberger Museum Sammlung Prinzhorn (siehe prinzhorn.ukl-hd.de) die Ausstellung »Ungesehen und unerhört 2« (bis 10. Februar 2013), die aktuelle künstlerische Reaktionen auf die Sammlung Prinzhorn präsentiert: Der Videokünstler Javier Téllez thematisiert den Mißbrauch der Sammlung im Nationalsozialismus, dazu werden die Bilder gezeigt, die in der Ausstellung »Entartete Kunst« zu sehen waren. In diesen Tagen erscheint zudem eine zweibändige Publikation, die die künstlerischen Reaktionen auf die Sammlung Prinzhorn seit dem Ersten Weltkrieg dokumentiert.

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