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Ausweglos

Die gute Nachricht: Depression ist keine Krankheit. Die schlechte: Menschsein ist unheilbar. Von Tjark Kunstreich

Die Unlust, eine nutzlose Tätigkeit zu verrichten, die Verleugnung der Wahrheit, daß es sich bei den meisten Beschäftigungen um Ablenkung von innerer Leere handelt, die Sinnfreiheit zwischenmenschlichen Beisammenseins, das paradoxerweise gerade deswegen zu einer Anstrengung erster Güte wird: Wer da nicht depressiv wird, hat wohl ein Problem. So sieht es jedenfalls die Soziologie, die auf diesem Umweg immerhin zu einer einigermaßen korrekten Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse kommt, so sehen es auch andere Zeitdiagnostiker und sonstige Berufene. Wie immer ist das Problem bei solchen Zeitdiagnosen, daß sie zwar Stimmungen einzufangen vermögen, nicht jedoch die Wirklichkeit selbst – es ist immer schon ihre Interpretation, die in solchen Zeitdiagnosen verdoppelt wird und die sich dann Menschen zu eigen machen, die ihre Befindlichkeit in den Zeitdiagnosen wiederzuerkennen glauben. So wird die Zeitdiagnose auf eine individuelle Diagnose heruntergebrochen, und die ist immer häufiger eine psychiatrische.

Depression als Zeit- und psychiatrische Diagnose ist ein Phänomen, weil es selten eine solche Gleichzeitigkeit und Übereinstimmung dessen gegeben hat, was gesellschaftlich und individuell empfunden wird: In der guten alten Zeit der Hysterie war es gerade der Widerspruch zwischen den autoritären Strukturen und den unbewußten sexuellen Wünschen der Frauen, der sich in fürchterlichen körperlichen Symptomen äußerte; die Neurosen waren individuelle und unbewußte pathologische Lösungen von Konflikten, die in der Wirklichkeit nicht lösbar waren und die je nach Qualität vom individuellen Spleen bis zur Zwangshandlung reichten. Heute, mit der Depression, scheint es keinen Konflikt mehr zu geben, weder in den einzelnen noch in der Gesellschaft, weder bewußt noch unbewußt; vielmehr ist gerade die scheinbare Konfliktlosigkeit oder besser: die Unfähigkeit, sich gesellschaftlich wie individuell Konflikten bewußt zu werden, geschweige denn sie auszutragen, ein vorherrschendes Symptom der Depression. Folglich gibt es (gesellschaftlich) keine Lösung und (individuell) keine Heilung. Bequem daran ist, daß man sich keine Mühe mehr machen muß, zwischen den individuellen und den gesellschaftlichen Erscheinungen zu differenzieren. Diesen Umstand machen sich neue Bücher zum Thema zu eigen, indem sie mehr oder weniger souverän die Ebenen wechseln, je nachdem, an welcher Stelle die Argumentation ins Stocken gerät. Daß Depression keine (Volks-)Krankheit sei, sondern ein Element der einmal mehr ausgegrabenen conditio humana, darf dabei ebensowenig fehlen wie die Thesen vom stetig steigenden Leistungsdruck, von der Beschleunigung der Lebenswelten und von der Flexibilisierung der Lebensentwürfe.

Je nach angepeiltem Publikumssegment variieren die Schwerpunkte. Der Schweizer Psychotherapeut Josef Giger-Bütler klärt die vom sozialen Abstieg bedrohte Mittelschicht auf: Depression ist keine Krankheit und wirbt im Untertitel für Neue Wege, sich selbst zu befreien; die österreichische Therapeutin Rotraud Perner möchte mit Der erschöpfte Mensch mögliche Betroffene (also »uns alle«) darauf aufmerksam machen, daß das »Burn-out ein gesundes Signal auf ungesunde Lebenssituationen« sei; an die kritischeren Geister wendet sich Konstantin Ingenkamps Buch Depression und Gesellschaft – der Titel spielt auf Michel Foucaults Wahnsinn und Gesellschaft an –, Untertitel: Zur Erfindung einer Volkskrankheit. In keinem der Bücher ist die Depression jene schwere Seelennot, die im Gegenüber jenes eigentümliche Gefühl auslöst, gleichzeitig Mitleid und unbändige Wut angesichts des passiven Leidens, aus dem es keinen Ausweg gibt, zu entwickeln; eine Not, die sehr viel mehr ist als eine Verstimmung, nämlich ein Zustand, der nicht nur bei den Betroffenen Hilf- und Ratlosigkeit auslöst und nicht selten im Suizid endet.

Was hier unter Depression gefaßt wird, ist jene eingangs dargestellte allgemeine (Ver-)Stimmung. Insofern hat Giger-Bütler auch recht, wenn er deutlich macht, daß es sich bei dem, was heute ubiquitär als Depression diagnostiziert wird, eben nicht um eine Krankheit handelt. Problematisch wird es da, wo er sagt, daß es sich bei der Depression um »gelernte und antrainierte Verhaltensweisen« oder »eingefahrene Denkmuster « handelt, die wieder verlernt werden könnten. Auch die Benutzung der Toilette ist antrainiert; in dieser Allgemeinheit sind solche Aussagen so banal wie überflüssig. Sie haben aber ein Ziel: Der Depressive soll »aussteigen«. Der Ausstieg aus der Depression funktioniert allerdings ebenso banal: »Jetzt geht es um mich«, lautet das Mantra. Ziemlich handfest geht es bei Perner zur Sache: »Der Graf von Monte Christo hat sich auch 14 Jahre vorbereiten müssen, bis sich die Gelegenheit zur Flucht aus dem Château d’If ergeben hat«, sagt sie eigenen Angaben nach »oft« zu Klienten, die keine Hoffnung mehr haben. Sie sagt nichts über den Effekt dieser Intervention. Obwohl sie die gesellschaftlichen Anforderungen als Auslöser für Burn-out und Depression betont, lautet ihr Tip ebenfalls, besser auf sich selbst zu achten. Im Unterschied zu Giger-Bütler hat sie es jedoch nicht so sehr mit kognitiven Mustern und empfiehlt statt dessen ein buntes Sammelsurium aus jungianischer Tiefenpsychologie und spiritueller Einsicht.

Als wissenssoziologisch-historische Untersuchung nimmt Ingenkamps – bis an die Grenze der Unlesbarkeit schlecht redigiertes – Buch auf den ersten Blick eine Ausnahmestellung ein. Der Soziologe und Heilpraktiker versucht darzustellen, wie die Volkskrankheit Depression erfunden wurde: Aus der antiken Melancholie wurde die mittelalterliche Acedia – die Faulheit, zu der auch die Trübsinnigkeit zählt – und aus dieser wiederum im Zuge der Reformation eine Krankheit, die Jahrhunderte später Depression heißen sollte.

Dieser zentrale Teil von Ingenkamps Untersuchung ist durchaus mit Gewinn zu lesen, auch wenn es ihm nicht immer gelingt, die unterschiedlichen Stränge zusammenzuführen. An einer Stelle behauptet er, daß die Psychiatriereformen der siebziger Jahre »die psychische Krankheit in die Gesellschaft geholt« hätten und deswegen »für die Ausbreitung psychischer Krankheit in der Gesellschaft mitverantwortlich« seien. Mit viel gutem Willen kann man hier unterstellen, daß Ingenkamp meint, die öffentliche Thematisierung psychischer Erkrankungen habe sowohl dazu geführt, daß mehr Menschen mit solchen Problemen einen Arzt aufsuchen, als auch dazu, daß sie Symptome an sich entdecken, die sie für eine psychische Erkrankung halten: Schreiben tut er das nicht, so bedeutet die Aussage aber, psychische Erkrankungen seien ansteckend wie die Grippe oder die Pest. Foucault muß man können.

Ingenkamp argumentiert aus einer psychiatriekritischen Haltung heraus, und hätte er es dabei belassen, wäre ein stellenweise informatives Buch daraus geworden, wenn nicht ganz am Ende doch noch der Sinn käme: »Eine daseinsanalytische Auffassung im existentialen Sinn, als Ausleuchtung der jeweiligen›Stimmungen‹ und ›Befindlichkeiten‹ des ›Daseins‹ (Heidegger), versteht sie (die Depression; T. K.) als ubiquitäres Leiden am eigenen Sein, als Bedingung menschlicher Existenz, als ›Weltschmerz‹ (Jean Paul).« Damit schließt sich der Kreis.

So sehr sich die Bücher auch unterscheiden, ihre Gemeinsamkeit liegt in der Behauptung eines menschlichen Daseins jenseits der Gesellschaft und diesseits des Unbewußten. So wird die Sache wieder an die einzelnen zurückverwiesen: Sie sollen sich damit abfinden, daß ihr Leid zum Leben dazugehört. Ein Grund mehr, depressiv zu sein.

 

Josef Giger-Bütler: Depression ist keine Krankheit. Neue Wege, sich selbst zu befreien. Beltz, Weinheim 2012, 214 Seiten, 19,95 Euro

Rotraud A. Perner: Der erschöpfte Mensch. Residenz, St. Pölten 2012, 208 Seiten, 21,90 Euro

Konstantin Ingenkamp: Depression und Gesellschaft. Zur Erfindung einer Volkskrankheit. Transcript, Bielefeld 2012, 370 Seiten, 29,80 Euro

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